Kolumnen_Miststück der Woche, Pt. 89

Kate Nash: "Foundations"

Eine Stiftung zur Rettung der Musikindustrie? Soweit ist es noch nicht. Aber wenn die Verkäufe weiter sinken, wäre ein kleiner Hilfsfond vielleicht angebracht - meint Manfred Prescher.    16.07.2007

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 

Liebe Firma Universal Music,

 

mit diesem offenen Brief möchte ich Ihnen meine Dienste als Ideengeber mit patentiertem Hit-Riecher und - um es überspitzt auszudrücken - Firmen-, ja gar Branchenretter anbieten. Natürlich wären meine Dienste nicht umsonst, weshalb ich Ihnen an dieser Stelle keine Lösungen, sondern nur Andeutungen liefern kann. Denn erstens ist Gutes bekanntlich teuer, und zweitens sollte Ihnen das Ende des Siechtums auch einen Griff in die Unternehmenskasse wert sein. Die Investition würde sich garantiert rechnen. Sie erreichen mich ganz einfach, indem Sie auf den Namen unter diesem Text klicken. Ich weiß natürlich, daß Sie sich fast schon traditionell mit dem Internet schwer tun, aber keine Angst, die Maus beißt nicht. Sie bekommen das hin. Damit wäre dann ein erster Schritt getan, und es könnte - eine Einigung vorausgesetzt - wieder aufwärtsgehen mit Ihnen.

Zwei Fragen vorweg: Kennen Sie die Kaiser Chiefs, Mika, den New Young Pony Club und Kate Nash? Und wenn ja, was haben diese vier Namen gemeinsam? Über Mika und die Kaiser Chiefs sind Sie womöglich schon beim pflichtgemäßen Blättern durch den "Musikmarkt" gestolpert. Richtig gelesen, dieser Mika und die Kaiser Chiefs sind doch in den Charts. Und sie sind Künstler, die über Ihr Haus vertrieben werden. Vom New Young Pony Club und Kate Nash haben Sie noch nie gehört? Ich verrate Ihnen ein kleines Geheimnis: Die stehen auch irgendwie bei Universal unter Vertrag, veröffentlicht wurden sie allerdings in Deutschland und Österreich bislang nicht.

Was aber nur bedingt stimmt: In fast allen großen Shops von Amazon bis Müller gibt´s die Platten des Pony Club, neu und frisch importiert. Da möchte man fast fragen: von wem? Und dürfen die das? Die Antwort ist einfach: Der Import-Service von Universal - das sind ja irgendwie auch Sie - hat die Platten von der britischen Hauptinsel nach Deutschland geholt. Wie seinerzeit unter anderem auch "Employment" von den Kaiser Chiefs und Mikas "Life In Cartoon Motion"; dessen Hit-Single "Grace Kelly" allerdings nicht, denn Maxi-CDs werden normalerweise nicht importiert. Das System, das hinter den über den Ärmelkanal zu uns herübergeschipperten Alben steckt, möchte ich Ihnen noch einmal verdeutlichen: Sie testen erstmal aus, ob das hippe Zeug aus dem Königreich auch bei uns ankommt - und wenn dem so ist, fahren Sie die Rechner hoch, wärmen die Brenner an und kopieren die paar Discs für die etwas langsameren Mitmenschen. Sozusagen ein (an sich lobenswerter) Musikservice für Zuspätkommer, also für all die gedacht, die den Aufsprung auf den Trendzug verpaßt haben und über die immer mehr zu einer Art "Grabbeltisch" verkommenden Repertoire-Kataloge bedient werden sollen.

Aber wie sagt Mika? "Relax, Take It Easy". Oder, anders ausgedrückt: "Betet, das Ende ist nah!"

 

New Young Pony Club und Kate Nash sind nur die aktuellen Beispiele für Ihre Versäumnisse. Im Fall der 20jährigen Londonerin Kate ist das besonders fatal, da "Foundations" nun mal eine Maxi-CD ist und es "gibt´s nicht" eben doch gibt.

Wie schreibt ein Brite bei Launch.co.uk über "Foundations"? "Das ist definitiv der Sommerhit schlechthin." Bevor wir "offiziell" in den Genuß dieses schönen, fast schon spieluhrmäßigen Klavierintros und der hübschen Melodie kommen werden, wird die warme Jahreszeit allerdings längst vorbei sein. Also müssen wir wohl bis in den Herbst auch auf den leicht an Grandmaster Flash erinnernden Beat verzichten.

Auf ihrer ersten Single "Caroline´s A Victim" zeigte Kate Nash ihr Faible für Old-School-Beats übrigens noch deutlicher. Die Nummer klang sehr nach einer Mischung aus Sugarhill-Stuff (kennen Sie sicher nicht), Tom Tom Club (kennen Sie auch nicht, die waren bei Island, als die Firma noch zu BMG gehörte) und der frühen Laurie Anderson (Laurie wer?). Aber "Caroline" konnten Sie getrost überhören, da die Single in den UK-Charts nur bis Platz 145 kam, also wahrscheinlich also nur von Kates bester Freundin gekauft wurde. Kate Nashs zweite Single "Foundations" ist da von anderem Kaliber: Das Ding ist ein echter Hit, der sich locker und flockig in den obersten Regionen der Hitparade festgesetzt hat - der englischen, nicht der unsrigen.

Dabei haben Sie mit Kate eine beinahe historische Chance praktisch völlig vergeigt. Ab sofort werden ja die Downloads von iTunes und Co. richtig in die Charts eingearbeitet; so wie in England, wo Universal (das sind irgendwie auch Sie ...) und Mika Nummer 1 wurden und den Platz auch hielten, obwohl es keinen physischen Tonträger dazu gab. Natürlich weiß ich, daß Sie Steve Jobs nicht mögen und iTunes für Sie ein apfelrotes Tuch ist, aber erstens haben Sie einen eigenen Dienst nicht auf die Reihe gekriegt, weil das Internet zu komplex für Sie ist, und zweitens überlassen Sie so Frostwire und den anderen Tauschbörsen das Feld. Und ich versichere Ihnen, "Foundations" wird von vielen Österreichern und Deutschen aus dem Netz gesaugt - eigentlich illegal, aber irgendwie scheißegal.

Sie können jetzt natürlich den musikhungrigen Menschen mit der branchenüblichen Larmoyanz wieder einmal Vorwürfe machen oder Ihnen die Offiziere des Innenministers auf den Hals hetzen, aber eigentlich wären Selbstvorwürfe angebracht: Die Welt ist enger zusammengerückt, England ist nah, und die Qualität von Kate Nashs Song hat sich via Mund-zu-Ohr-Propaganda längst herumgesungen. Aber leider kann man den Sommerhit des Jahres nicht kaufen. Ihre Schuld! Da beißt die Maus keinen Faden ab. Also nehmen Sie sie lieber, klicken Sie auf meinen Namen und lassen Sie sich von mir helfen. Nötig haben Sie es.

 

Ihr

Manfred Prescher

Tip!


Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

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