Print_Print-Tips 1/2008

Wiedersehen mit alten Freunden

Ermittler der unterschiedlichsten Kaliber bringen verbrecherisches Pack zur Strecke, Mutanten verteidigen ihr Zuhause, Thriller-Autoren setzen auf religiöses Beiwerk. Kurzum: ein teuflisches Lesevergnügen ...    12.02.2008

Jürgen Fichtinger

Harlan Coben - Der Insider

ØØØ 1/2

("Fade Away", Goldmann)

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Harlan Coben mag von Haus aus gut konzipierte, grundsolide und durchgehend spannende Thriller schreiben - richtig zum Leben erwachen seine Romane jedoch nur, wenn zwei Herrschaften mit an Bord sind: der Sportagent Myron Bolitar und sein Kumpan Windsor Horne Lockwood III., kurz Win.

Der Vorgänger "Das Versprechen" konnte zwar nicht so recht überzeugen, doch im dritten Bolitar-Roman "Der Insider" läuft Coben auf Hochtouren und serviert ein humoriges Krimiabenteuer: Der Besitzer der New Jersey Dragons will Bolitar zurück in die NBA-Profiliga holen und reißt dadurch alte Wunden auf. Ein schwerer Unfall hat nämlich seinerzeit Myrons Profi-Karriere beendet. Jetzt soll er undercover ermitteln und den verschwundenen Superstar der Mannschaft aufspüren.

Links:

Joe R. Lansdale - Wilder Winter/Rumble Tumble

ØØØØ 1/2

("Savage Season"/"Rumble Tumble", Shayol)

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Zwei wie Hund und Katz: Joe R. Lansdales dynamisches Duo zählt zu den beliebtesten Ermittlern wider Willen: der weiße Kriegsdienstverweigerer Hap Collins und der Schwarze Leonard Pine, ein homosexueller Vietnam-Veteran. Wer diesen beiden good ol´ boys from Texas in die Quere kommt, hat im Gegensatz zum Leser nichts zu lachen. Feinfühligkeit oder subtile Vorgehensweisen sind für die Herrschaften nämlich ein Fremdwort. Die Veröffentlichung der bisher letzten deutschsprachigen Auflage eines "Hap & Leonard"-Krimis liegt mit "Schlechtes Chili" im Rahmen der DuMont-Noir-Reihe bereits acht Jahre zurück; mittlerweile hat sich der Berliner Shayol-Verlag ihrer angenommen.

In "Wilder Winter" kommt Haps Ex mit einer Bande Hippies und Hobby-Terroristen hilfesuchend angekrochen, in "Rumble Tumble" sollen die beiden das mißratene Töchterlein von Haps Lebensgefährtin und Bettgespielen aus den Fängen hundsgemeiner Biker befreien. Doch mit dem richtigen Gepäck (einem Kofferraum voller Waffen), dem Lebensmotto "Ein Mann muß tun, was ein Mann eben tun muß" und stets dem richtigen One-liner auf der Zunge stellt sich ihnen nichts und niemand in den Weg - nicht einmal der spitzbübische Liliputaner Red oder dessen Bruder Herman, ehemaliger Auftragskiller und praktizierender Dorfpriester.

Wir raten zum widerspruchslosen und sofortigen Erwerb beider Titel, da Lansdale-Romane meist viel zu schnell wieder vergriffen sind.

Links:

Jimmy Palmiotti, Justin Gray, John Higgins - The Hills Have Eyes: Der Anfang

ØØØØ

("The Hills Have Eyes: The Beginning", Cross Cult)

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Mit seinem Remake des Wes-Craven-Streifens "The Hills Have Eyes" beförderte "High Tension"-Regisseur Alexandra Aja die Hügel der blutigen Augen in all ihrer Farbenpracht in die Neuzeit. Und weil härtere Horrorfilme derzeit en vogue sind, sorgte Fox Atomic gleich für Nachschub und beauftragte den deutschen "Rohtenburg"-Regisseur Martin Weisz mit dem Sequel - das leider langweilig, billig und vor allem schlecht war. Der vorliegende Comic-Band ist das genaue Gegenteil und erzählt die Geschichte der verstrahlten Gesellen von Anfang an. Dabei kreuzen die Autoren zwar stellenweise den Handlungsfaden der Kinofilme, liefern aber primär neues Mutantengarn. Lesenswert und einem etwaigen weiteren miserablen Sequel-Script unbedingt vorzuziehen.

Links:

Gimme that old time religion!


1982 sorgten zwei religiös konnotierte Bücher für Aufsehen: Umberto Ecos Historien-Thriller "Der Name der Rose" rund um den verlorenen Teil der Aristotelischen "Poetik" über die Komödie und das vergleichsweise unbekannte Sachbuch "Der heilige Gral und seine Erben" von Henry Lincoln, Michael Baigent und Richard Leigh. War zweiteres in den darauffolgenden Jahren primär ein gefundenes Fressen für Schatzsucher und Verschwörungstheoretiker, sollte ihm die massentaugliche Adaption - etwa eine Verfilmung durch Jean-Jacques Annaud - vorerst verwehrt bleiben. Obwohl Jane Jensen den Mythos rund um die heilige Blutlinie und den sagenumwobenen Schatz der Tempelritter in ihrem Adventure-Game "Gabriel Knight 3 - Blut der Heiligen, Blut der Verdammten" bereits 1999 gekonnt verarbeitete, mußte erst Dan Brown daherkommen, um die Geschichte 2002 zum allgemeinen Tischgespräch avancieren zu lassen. Seither haben Rennes-le-Château, die Nachkommen des Herrn Jesu sowie vergleichbare Bibelthemen und Legenden wieder einen ordentlichen Popularitätsschub erhalten. Veröffentlichungen jedweden Qualitätsniveaus erscheinen schneller, als der durchschnittliche Thalia-Konsument "Et in Arcadia ego" buchstabieren oder die Johannes-Offenbarung rezitieren kann, und werden ebenso schnell wieder vergessen. Einige davon sind jedoch trotzdem lesenswert, blasphemisch ist keine - und Bußgeld in Form eines Ablaßhandels wird den Autoren höchstens für handwerkliche Patzer auferlegt.

 

 

Steve Berry - Alpha et Omega

("The Templar Legay", Blanvalet)

 

Worum geht´s?

 

Um den ehemaligen US-Geheimagenten Cotton Malone, der sein Dasein als glücklicher Besitzer eines Antiquariats in Kopenhagen fristet. Als er Besuch von seiner ehemaligen Chefin Stephanie Nelle bekommt, versucht ein Gauner ihr die Handtasche zu klauen und stürzt sich bei der Flucht freiwillig in den Tod, um seinen Häschern zu entkommen. Sein letztes Wort:"beauseant".

Wer ein wenig mit der Geschichte der Templer vertraut ist, weiß also, was es geschlagen hat; den Rest des Lesepublikums erwartet ein herrlicher pageturner, der sich die Geschichte von Rennes-le-Château, dem Abbé Bérenger Saunière, Jacques de Molay und deren Dunstkreis zunutze macht, um trotz altbekannter Ingredienzen eine spannende Schatzjagd fernab der üblichen Verdächtigen zu erzählen. James Rollins hätte es nicht besser schreiben können.

 

Was kostet der Ablaß?

 

Keinen Cent. Zerstrittene Tempelritter von damals und heute, jede Menge Gold und Klunker, eine paar neue fiktive Theorien zum Rätsel des Schatzes sowie das Spiel mit dem Wiederauferstehungsmythos anstelle der heiligen Blutlinie machen die Lektüre zum Vergnügen.

 

 

 

Daniel G. Keohane - Das Grab des Salomon

("Salomon´s Grave", Otherworld)

 

Worum geht´s?

 

Ein junger Geistlicher erhält seine erste Anstellung als Priester just in seinem Geburtsdorf. Dort wohnt nicht nur ein paranoider Friedhofsverwalter mit heiligen Pflichten, sondern auch ein hundsgemeiner Amoniter, der mittels hynotisierender Stimme die halbe Gemeinde in seinen Bann gezogen hat und natürlich Übles im Schilde führt. Und weil Nathan Dinneck von Anfang an finstere Alpträume plagen, ist klar, daß alles zusammenhängt.

 

Was kostet der Ablaß?

 

Trotz schleppenden Anfangs nichts, weil sich Daniel G. Keohane trotz Indiana Jones über den Mythos der Bundeslade traut und letztlich einen souveränen Romanerstling liefert, den man gern bis zum Schluß verschlingt.

 

 

 

Julia Navarro - Die Bibel-Verschwörung

("La biblia de Barro", Blanvalet)

 

Worum geht´s?

 

Als die Archäologin Clara Tannenberg auf einem Kongreß die Existenz von Tontafeln publik macht, auf denen Abraham angeblich die Schöpfungsgeschichte diktiert hat, stößt sie nicht nur ihre Kollegen vor den Kopf, sondern ruft gleich zwei unterschiedliche Interessensgruppen auf den Plan, die beide mit ihrem mysteriösen Großvater in Beziehung stehen. Die einen wollen ihm die Bibel abluchsen, die anderen den alten Herrn unter die Erde bringen. Beides kümmert die Tannenbergs genauso wenig wie der drohende Krieg gegen Saddam - und schon bald versammeln sich Archäologen, Meuchelmörder, Kunsträuber und Regimeschergen in Safran, um einander das Leben schwerzumachen.

 

Was kostet der Ablaß?

 

Trotz spannend konstruierten Plots und stellenweise an die 70er Jahre erinnernder Thriller-Schablone eine Handvoll Euros, weil sämtliche Dialoge verplappert sind und manche der Vorgehensweisen klingen, als stammten sie aus der Agentengeschichte eines Mittelschülers. Schlecht ist Julia Navarros zweiter Roman jedoch keineswegs - und somit ideal für die Straßenbahn oder den Urlaub.

 

 

 

John S. Marr & John Baldwin - Die elfte Plage

("The Eleventh Plague", Bastei-Lübbe/Ullstein)

 

Worum geht´s?

 

Ein durchgedrehter Toxikologe übt sich als Racheengel im vermeintlichen Auftrag des Herrn und läßt die zehn Plagen (frei nach Moses) auf die Menschheit los.

 

Was kostet der Ablaß?

 

Den beiden Herren sollte man sogar noch etwas für ihren Frevel bezahlen, weil sie nicht nur eine teuflische Geschichte rund um chemische Kampfstoffe und aufpolierte natürliche Gifte gezimmert haben, sondern als unguten Geist aus der Vergangenheit zur Abwechslung die Greueltaten der japanischen Unit 731 benutzen.

Die Fortsetzung trägt übrigens den Titel "Die achte Posaune".

 

 

 

Jean Rollins - Feuermönche

("Map of Bones", Blanvalet)

 

Worum geht´s?

 

Wer jemals einen Roman des kalifornischen Tierarztes in der Hand hatte, weiß, daß das in Wirklichkeit egal ist. Der Mann versteht sein Handwerk und legt seinen Lesern immer wieder die Hochspannungskette an, während er wissenschaftliche Fakten zu allen möglichen Themen geschickt mit Fiktion verwebt. Sollten Sie es trotzdem wissen wollen: Im zweiten Roman rund um die SIGMA-Force überfallen ein paar mysteriöse Mönche die Mitternachtsmesse im Kölner Dom, bringen auf rätselhafte Weise jede Menge Menschen um und fliehen mit wertvollen Reliquien. Ihr Ziel: die Apokalypse.

 

Was kostet der Ablaß?

 

Rollins besitzt dank seiner bisherigen Veröffentlichungen ohnehin ein Guthaben und muß sich über solche Dinge keine Gedanken machen. Obwohl er uns dieses Mal verrät, wofür waschechtes Manna gut sein kann ...

Lesen Sie in naher Zukunft auch unseren Review zu "Der Genesis-Plan", Buch drei der SIGMA-Reihe.

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