Print_Print-Tips-Spezial

Schmauchspuren #62

Als Krimirezensent lernt man im Lauf der Jahre einige Autoren auch persönlich kennen. Deshalb wendet sich unser Kolumnist Peter Hiess diesmal direkt an die kriminellen Schreiber - mit Postkarten von der Lesefront.    29.10.2018

Peter Hiess

J. J. Preyer

Leserbewertung: (bewerten)

Die Beichte des Großinquisitors; Blitz Tb. 2015

Rosmarie Weichsler und das Echo von Steyr; Ennsthaler Pb. 2014

Hassmord; Gmeiner Pb. 2015

 

Lieber Josef Preyer!

Du schreibst mehr, als der Durchschnittsösterreicher in einem Jahr liest - aber das weißt du eh. Und für den Durchschnitt tust du das ja auch nicht. Diesmal habe ich gleich drei Romane von dir auf dem Schreibtisch liegen. Im ersten, "Die Beichte des Großinquisitors", beginnst du die "neuen Fälle des Pater Brown" aufzurollen. Wer sich noch an den gemütlichen geistlichen Ermittler erinnern kann, wird bei der Lektüre aber nicht an seinen Filmdarsteller Heinz Rühmann denken; dazu hast du die Handlung zu weit in die Gegenwart verlegt - und bei den Mordfällen an "Sündern" in einem südenglischen Kaff mit modernen Themen gearbeitet. Doch das bekommt ihm ganz gut, dem Pater (der wie alle deine Helden gern ißt ...).

Dein zweiter Ermittler ist eine Frau, also eigentlich zwei Frauen, und wirkt in der oberösterreichischen Stadt Steyr: Die Zwillinge Rosa und Marie Weichsler treten in der Öffentlichkeit - ob als Trafikantin oder als kriminalistische Gehilfin eines eher tumben Polizisten - immer nur einzeln auf; warum das so ist, soll der Leser selbst herausfinden. "Rosmarie Weichsler und das Echo von Steyr" beginnt mit dem Mord an einem Journalisten, der mit seinen "Steyrleaks" (genial!) in einer Lokalzeitung scheinbar brave Bürger bloßstellt und wahrscheinlich deshalb sterben mußte. Wie skurril deine Rosmarie mit ihren männlich-hilflosen Kompagnons dem Täter nachstellt, das verlegt dein Buch wohl ins Reich der "Cozy-Krimis", aber die muß - und soll - es ja auch geben.

Das beste, spannendste und stimmungsvollste deiner neuen Werke ist jedoch "Hassmord", der Nachfolger des hierorts gelobten Buchs "Mörderseele", in dem Exjournalist Christian Wolf in seinen Heimatort Steyr zurückkehrt, dort gleich einmal fast am Wundstarrkrampf verstirbt, aber im Zuge der Rekonvaleszenz seinem Polizistenfreund hilft, den Mord an einem allseits verhaßten Magistratsdirektor zu klären. Da sieht Steyr, wo auch du wohnst, ganz anders aus: viel düsterer, nachdenklicher und traumatisierter - wie sich das für einen gelungenen Psychothriller gehört.

Links:

Martin Krist

Leserbewertung: (bewerten)

Engelsgleich; Ullstein Tb. 2014

 

Lieber Marcel Feige!

Wieder hast du unter deinem Pseudonym Martin Krist einen Berlin-Krimi geliefert, den man gern in einem Zug verschlingt, weil er so packend erzählt ist und all die Zeitsprünge und Überraschungen so gut in den Plot einbaut. Gut, das Thema Kindesmißbrauch/mord haben du und deine Kollegen jetzt wirklich schon zur Genüge durchgekaut – aber wenn dein Hauptkommissar Paul Kalkbrenner wieder einmal in eine Welt von Snuff-Pornographen, Pädophilen, seelenlos-brutalen Ostblockmafiosi, fürsorglichen Lesben, Meth-Süchtigen-Abschaum, deutschen Slums und tschechischen Billigpuffs eintaucht, dann paßt das perfekt in die aktuelle Popkultur. Und macht immer noch Lust auf mehr.

Links:

Gerhard Loibelsberger

Leserbewertung: (bewerten)

Kaiser, Kraut und Kiberer; Gmeiner Pb. 2014

 

Lieber Gerhard Loibelsberger!

Ich staune selber, wie sehr mir jeder deiner bisherigen Criminalromane um den Inspector Nechyba im k&k Wien gefallen hat - von der Atmosphäre, den Figuren, der Story und der historischen Genauigkeit her. Worüber ich aber anhand deines neuen Werks "Kaiser, Kraut und Kiberer" noch mehr staune, das ist die Tatsache, daß mir plötzlich Kurzgeschichten gefallen (was ich sonst gar nicht mehr von mir gewöhnt bin). Nechybas kleine Ermittlungen am Naschmarkt und am Heustadelwasser, in Venedig und im Weinviertel sind witzig erzählt, gut konstruiert, erfreulich und angenehm verfressen. So kennt und liebt man den Mann.

Links:

Michael Crichton

Leserbewertung: (bewerten)

Drug of Choice/Binary; Hard Case Crime 2013

 

Lieber Michael Crichton!

Wir haben einander zwar nie direkt kennengelernt, aber nach der Lektüre der acht Sixties-Krimis, die du unter dem Pseudonym John Lange verfaßt hast, und dem Rest deines Gesamtwerks in früheren Jahrzehnten habe ich das Gefühl, dich wenigstens von der schreiberischen Seite mehr als gut zu kennen. Ich freue mich, daß deine Frühwerke bei meinem Lieblings-Pulp-Verlag Hard Case Crime erschienen sind - und noch mehr, daß die letzten zwei, die ich noch nicht kannte (die Taucher-Story "Grave Descend" wurde in dieser Kolumne schon besprochen) eine Brücke zu deinen späteren Bestsellern schlagen. "Drug of Choice" zum Beispiel behandelt eine neue, hochtechnisierte Ferienanlage mit einem dunklen Geheimnis (und verweist somit auf "Westworld" und "Coma"), während "Binary" schon dein späteres Interesse an Computern, Biomedizin (es geht um ein neues Nervengas) und starken Protagonisten - auf beiden Seiten - vorwegnimmt. Gut, daß man das jetzt auch alles weiß.

Links:

Andreas Gruber

Leserbewertung: (bewerten)

Todesurteil; Goldmann Tb. 2015

 

P.S.

Lieber Andreas Gruber!

Gerade ist "Todesurteil", dein neuer Roman um den exzentrischen Profiler Maarten S. Sneijder, mit der Post gekommen. Danke, daß du das Buch auch mir gewidmet hast. Aber muß ich deshalb jetzt als Rezensent "befangen" sein? Na gut, reden wir später einmal drüber ...

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 30

Auf der Suche nach der vergorenen Zeit

Das mit den guten Vorsätzen war auch heuer schnell vorbei. Schon ein paar Tage nach Silvester fand sich unser Kolumnist in einem Wirtshaus wieder, um die Mysterien des Alkoholismus zu ergründen.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 29

Wiener Wohnen

Der durchschnittliche Stadtbewohner hat nur vier Wände - statt ein ganzes Haus mit Carport und Gemüsegarten. Aber in denen kann er wenigstens seinen Wahnsinn ausleben, ohne daß ihm dauernd wer nachspioniert.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 28

Tage wie Pisa

Manchmal geht einfach alles schief. Verstehen Sie? Schief ... wie der Turm. Aha! Na endlich. Blitzkneißer. Und jetzt Schluß mit der Fragerei. Das Leben ist schwierig genug - selbst für geduldige Stadtbewohner.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 27

Früher, statt Halloween ...

"Ich geh´ nicht gern auf Friedhöfe - die deprimieren mich so!" hört man immer öfter aus imbezilem Mund. Da man die Leute aber blöderweise nicht im Keller der Therapeutin verscharren kann, ist zu Allerheiligen der Weg vorgezeichnet.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 26

Der Ruf der Sirene

"Es wird doch nix passiert sein?!" sagt der Wiener mit ängstlich-lüsternem Blick, wenn zwei, drei Rettungen an seinem Fenster vorbeirasen. Dabei sollte er längst wissen: In der Stadt ist immer was passiert.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 25

Der Unvollendete

"Nimm dir nur keinen Hallodri!" warnen Mütter seit je ihre heiratsfähigen Töchter - und öffnen damit tödlichen Langweilern Tür, Tor und Ehebett. Mit einem Spitzbuben wär´s garantiert nie so fad geworden.