Print_Hunter S. Thompson - The Rum Diary

Schreiben für Rum und Ähre

So mancher Romanerstling blieb ungedruckt. Dieser gottlob nicht - obwohl das lesenswerte Debüt des US-Journalisten und Gonzo-Meisters lange als verschollen galt.    04.04.2006

Was heißt schon "verschollen" - gerade bei einem Typen wie Hunter S. Thompson? Wahrscheinlich handelt es sich dabei eher um eine PR-Mär. Viel eher hat Hunter seinen Debütroman "The Rum Diary" bloß im Suff verschlampt, ist in den 90ern im Rausch in einen Schrank mit altem Mist gefallen und hat verkatert das vergilbte Manuskript überarbeitet. Herausgekommen ist "The Rum Diary", die noch ziemlich gonzo-freie Geschichte des Paul Kemp, eines 32jährigen Journalisten, der im Winter 1959 das schicke New York verläßt, um nach Puerto Rico zu gehen, dem karibischen Inselstaat, der fast - aber eben nicht ganz - zu den USA gehört.

Dort erwarten ihn deliriöse Hitze, Straßenprügeleien, vögelnde Paare im Meer und ein Job als Journalist bei den "San Juan Daily News", der ihn gerade so über die Runden bringt. Das Leben plätschert fast monoton vor sich hin: Paul steht mittags auf, frühstückt ordentlich, reißt die eine oder andere Story herunter und verzieht sich abends zu Al´s auf ein paar Biere und Burger. Der Rum fließt stets reichlich, tagsüber, abends, nachts und zwischendurch. Selten dagegen weht der Ozean mal eine salzige Brise in die dampfigen Bars.

Das klingt gar nicht jung und dynamisch, obwohl San Juan Ende der 50er ein rapide aufstrebendes Städtchen ist und US-Dollars aufsaugt wie ein trockener Schwamm. In Wirklichkeit lauern hinter den Kulissen von Investition und Aufschwung nämlich bereits Korruption und Verfall. Gemeinsam mit einem Kollegen haust Paul in einer verwanzten Höhle, in der er eigentlich noch nicht mal nächtigen möchte. Er will in San Juan ja auch nicht groß Anker werfen. Die "Daily News" ist für ihn nur eine von vielen Stationen einer Reihe oft nur monatelang währender Anstellungen. Die englischsprachige Zeitung entpuppt sich ohnehin als mickriges Mistblatt, das sich von Ausgabe zu Ausgabe an der Pleite vorbeimogelt. Pauls Chef ist ein Choleriker, seine Redaktionskollegen eine verwahrloste Horde verkannter Genies, unfähiger Möchtegerns und gemeingefährlicher Schläger - das kennt man ja auch vom EVOLVER.

Alle trinken und benehmen sich schlecht, wie sich das für Amerikaner im Ausland gehört. Hier und da eine Keilerei mit Puertorikanern, und Kemp wird plötzlich sehr klar: Mit seinen 32 Jahren sitzt er auf einem absteigenden Ast, die erträumte Karibik liegt weiter südlich und ist weit entfernt, die Jugend endgültig vorbei. Ihm fehlt die Energie, sich in Schaukämpfen mit seinen Kollegen abzuarbeiten oder rebellische Storys durchzudrücken, die dem Chef nicht ins politische Weltbild passen. Er will eigentlich nur seine Ruhe haben und ab und zu einen guten Fick. Und so säuft er sich durch die klebrige Hitze in Puerto Rico, bis, tja, bis das Buch zu Ende ist.

Es passiert fast nichts in diesem melancholischen Roman, der unlängst als Taschenbuch bei Heyne zum Preis eines Drinks erschienen und höchst anständig übersetzt ist. Und dennoch legt man den fiebrigen Tropenreißer nur aus der Hand, um sich noch ein paar Eiswürfel in den Rum zu kippen. Die Stimmung wechselt zwischen humorvoll-realer Beschreibung des Journalistenalltags, düsterer Selbstbetrachtung und scharfer Beobachtung der gesellschaftlichen Entwicklung. Es klingt wie ein Klischee - aber auch fast 50 Jahre, nachdem Hunter seine Rum-reichen Tagebücher in die Schreibmaschine gehämmert hat, haben sie nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.

Thompson trauert um die Idylle, in die der Fortschritt in Gestalt des neuen Massentourismus einmarschiert, flankiert von Spin-Doctors und Lobbyisten, die im Hintergrund die Fäden ziehen und sich geschickt das Wohlwollen der Journaille zu sichern wissen, mal offen mit Geld, mal verdeckt mit Kontakten. Er trauert auch um den Abschied von der Jugend: "Wir sind auf dem Weg nach unten. Von hier aus wird die Fahrt sehr unangenehm." Und da wird ihm jeder Recht geben: Erwachsen zu werden ist scheiße, was danach kommt, noch viel beschissener. Trotz allem ist "The Rum Diary" kein Problemroman mit Gesellschaftskritik, sondern eine herrlich verschwitzte Lektüre über ein paar Menschen, mit denen man ganz dringend saufen gehen möchte, um endlich diese verdammte Vergänglichkeit zu vergessen.

Andreas Winterer

die Alternative


Wolfgang Farkas´ Übersetzung geht in Ordnung. Wer Originale liebt, kriegt dort aber auch noch den schnoddrigen O-Ton der US-50er um die Ohren gehauen und zwei Fotos zu sehen, auf die Heyne leider verzichtet.

 

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H. S. Thompson - Screwjack


Ein Kurzer geht noch ... oder gleich drei kurze, ja, sehr kurze Kurzgeschichten des späten HST in diesem mit 12 Euro zwar unverschämt teuren, aber schön ausgestatteten 60-Seiter: ein Meskalin-Trip in einem Hotelzimmer in Los Angeles, eine letzte Begegnung mit einem Freund, dem der Sinn für die Realität abhanden gekommen ist, und ein Brief von Raoul Duke. Für Fans.

 

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