Print_Print-Tips-Spezial

Schmauchspuren #57

Wer nicht auf Bestseller hinschreibt oder erst auf dem Weg zum Star ist, der hat es leichter, kriminell gute Bücher zu produzieren. Den Rest haben Hollywood und das hochnäsige Feuilleton verdorben. Peter Hiess schießt wild um sich.    24.10.2016

Peter Hiess

Michael Crichton (as John Lange) - Odds On/Scratch One

Hard Case Crime (Titan Books) 2013

Leserbewertung: (bewerten)

Michael Crichton (1942–2008) war ein Visionär: Der Meister des Techno-Thrillers schrieb nämlich nicht nur Bücher zu diversen Angstmacherthemen - wie "Nippon Connection" oder "Airframe" -, sondern veröffentlichte als letztes großes Werk noch den Roman "Welt in Angst", der Argumente gegen die Theorie von der Klimaerwärmung lieferte. Ach so, Moment, das darf man gar nicht mehr sagen, es heißt ja jetzt (aus Mangel an Erwärmung) "Klimawandel". Eben diese "ideologisierte Wissenschaft" warf Crichton den Klima-Panikmachern (die gut an ihren Pseudolehren verdienen) auch vor; ein paar Jahre nach seinem Tod durchschauen schon viel mehr Menschen die Irrtümer und Absichten der neuen Religion ...

Lange, bevor sich der amerikanische Bestseller-Autor mit so gewichtigen Themen befaßte, schrieb er - in den 60er und frühen 70er Jahren - ein paar schnelle Pulp-Thriller. Zwei dieser unter dem Pseudonym John Lange erschienenen Werke hat der Verlag Hard Case Crime bereits veröffentlicht (siehe "Schmauchspuren" Nr. 14 & 22); jetzt sind auch die anderen sechs dort erschienen.

Der 1966 entstandene Roman "Odds On" führt uns - zusammen mit drei Berufsverbrechern - an die spanische Costa Brava. Dort steht ein Luxushotel, das die Herren ausrauben wollen; den Plan dafür haben sie am Computer (der damals noch nicht auf jedem Schreibtisch stand und dem Plot etwas Exotisches verlieh) verfeinert. Eigentlich kann nichts schiefgehen ... wären da nicht drei Frauen, die sich einmischen und das perfekte Verbrechen gefährden. Ein Jahr später veröffentlichte Crichton "Scratch One", das à la James Bond in Monte Carlo, Kairo, Lissabon und anderen aufregenden, mondänen Städten spielt. (Vor 50 Jahren waren Fernreisen halt noch ein Luxus.) Der Protagonist ist jedoch kein 007, sondern ein amerikanischer Anwalt, der von einer Terroristengruppe für einen Geheimagenten gehalten wird.

Also: Spannung, Aufregung, Sixties-Feeling, jeder Mann ist gefährlich, jede Femme ist fatale. So haben wir unsere Zeitreisen gern.

Links:

Joe R. Lansdale - Ein feiner dunkler Riß

Suhrkamp Tb. 2014

Leserbewertung: (bewerten)

Bleiben wir bei US-Autoren, die sich aus dem Krimiregal längst im Mainstream festgesetzt haben. Einer von denen, die das wirklich verdient haben, ist Joe R. Lansdale, der dank seiner frühen Splatterpunk-Stories, Horrorwestern und der genialen Hap & Leonard-Serie bereits viele Fans hatte, aber erst mit "Die Wälder am Fluß" das snobbige Feuilleton eroberte. Seither verlegen sich seine Verleger (ohne eine Spur von Verlegenheit) mehr auf das Genre "Geschichten vom Erwachsenwerden in Texas", das Lansdale ebenfalls sehr gut draufhat. Das merkt man auch an "Ein feiner dunkler Riß", das im heißen Sommer des Jahres 1958 in einem texanischen Kaff spielt, wo der 13jährige Stan nicht nur entdeckt, daß es Santa Claus nicht gibt, sondern auch, daß die Welt um ihn herum voller Gewalt, Bosheit und beiläufigem Rassismus ist. Da der Bub beschließt, einen alten Mord an zwei Mädchen aufzuklären, ist es doch ein Krimi - aber was für einer! Wenn Sie Lansdale noch nie gelesen haben, werden Sie überrascht sein. Und alles von ihm haben wollen.

Links:

Dennis Lehane - In der Nacht

Diogenes 2013

Leserbewertung: (bewerten)

Dennis Lehane ist längst in den Olymp der Literaten aufgestiegen. Doch dort ist die Luft dünn, und was bei den Kritikern (und den Leuten, die ihnen vertrauen) gut ankommt, verschreckt den Thriller-Leser eventuell. Wenn alle gleichmäßig "Gangster-Epos" brüllen und das Buch "In der Nacht" mit dem Paten, Scorsese-Filmen und ähnlichem vergleichen, ist tatsächlich durchaus Mißtrauen angebracht. Die breit angelegte Geschichte des kleinen Gauners Joe Coughlin, Sohn des stellvertretenden Polizeichefs von Boston, und seiner Mafia-Eskapaden, Liebesaffären und philosophischen Betrachtungen in der Prohibitionszeit ist Teil von Lehanes Bemühen, die amerikanische Parallelgeschichte des organisierten Verbrechens festzuhalten. Doch das hat man jetzt schon zu oft (von ihm) gelesen, zumal das Buch sehr langatmige Passagen enthält und über weite Strecken so wirkt, als wäre es bereits im Hinblick auf eine Hollywood-Umsetzung geschrieben worden. Das Genre verlangt halt nach Abwechslung - anders als die hohe Literatur.

Links:

Carl Hiaasen - Affentheater

Leserbewertung: (bewerten)

Das gilt auch für Carl Hiaasen, dessen in Florida spielende überskurrile Krimis man einst durchaus schätzen und witzig finden durfte. Mit "Affentheater" setzt der Autor jedoch seinen Abwärtstrend fort: Die Story des Exbullen, der jetzt fürs Gesundheitsamt Restaurants prüft (wie eklig!), einen abgetrennten Arm im Kühlfach hat (wie irre!) und sich über die Bau- und Umweltsünden von Immobilien-"Entwicklern" ärgert (wie wahr!) ist zwar routiniert erzählt und hat ihre Momente, bietet aber leider nichts Neues. Eine Anhäufung schräger Supermarkt-Boulevardmeldungen, verpackt in eine schwache Kriminalhandlung. Nur für unverbesserliche Miami-Touristen.

Links:

"Schmauchspuren"


.. erscheint in gedruckter Form seit 2005 in der höchst empfehlenswerten österreichischen Literaturzeitschrift "Buchkultur" - für Menschen, die beim Lesen noch nicht die Lippen bewegen müssen - und wird zeitversetzt Web-exklusiv im EVOLVER veröffentlicht.

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 34

Blut und Boten

"Don´t kill the messenger!" heißt es im Englischen. Manchmal fühlt man sich aber trotzdem sehr versucht, mit Gewalt auf den Überbringer loszugehen - wenn nicht schon der nächste vor der Tür stünde.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 33

Feurio! Feurio!

... das Schnitzel brennet lichterloh!" Oder: Warum es in Nachbars Garten immer mehr stinkt als daheim. Der Kolumnist, beflügelt von Schampus und chemischer Munterkeit, hält einen Monolog.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 32

Da leiden´s, die Genossen

Ist es nicht herrlich, daß heute praktisch jeder tun kann, was er will - auch wenn es ein Blödsinn ist? Die Leidensvisagen, denen man auf Schritt und Tritt begegnet, sagen: Nein. Ist es nicht.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 31

Mist you!

Solange der wirtschaftliche Aufschwung auf sich warten läßt, können Sie sich ja in der guten alten Tradition des Miststirlns üben. Das spart nicht nur Geld, sondern ist auch lehrreich. Nicht nur für Kolumnisten.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 30

Auf der Suche nach der vergorenen Zeit

Das mit den guten Vorsätzen war auch heuer schnell vorbei. Schon ein paar Tage nach Silvester fand sich unser Kolumnist in einem Wirtshaus wieder, um die Mysterien des Alkoholismus zu ergründen.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 29

Wiener Wohnen

Der durchschnittliche Stadtbewohner hat nur vier Wände - statt ein ganzes Haus mit Carport und Gemüsegarten. Aber in denen kann er wenigstens seinen Wahnsinn ausleben, ohne daß ihm dauernd wer nachspioniert.