Print_Print-Tips 2/2008

Spannungskurve

In unseren aktuellen Leseempfehlungen schlafen die Toten alles andere als fest: Ein österreichischer Kleinstadtkommissar ermittelt. Sven Regener hat einen kleinen Bruder. Ein Spanier erkundet Feuchtgebiete. Ein US-Agent rettet die Welt. Und eine britische Zombie-Reihe begeistert.    06.10.2008

Jürgen Fichtinger, Thomas Fröhlich, Peter Hiess & Manfred Prescher

Manfred Wieninger - Die Rückseite des Mondes

ØØØØ

(Edition Nautilus)

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64 Seiten und Schluß! So lautet der Slogan der neuen Krimi-Reihe "Kaliber 64" des Nautilus-Verlags - was in Zeiten oft sinnlos in die Länge gezogener Wälzer geradezu eine Offenbarung darstellt. Die Autoren sind gezwungen, Wesentliches innerhalb eines Romanheftumfangs darzulegen und auf selbstzweckhafte Ausschmückungen zu verzichten.

Einer, der in dieser Welt literarischer Knappheit sowieso schon länger ein Zuhause gefunden hat, ist der österreichische Autor Manfred Wieninger. Mit seinen Krimis um den vom Leben in der Provinz nicht gerade verwöhnten Marek Miert hat er sich einen guten Namen gemacht. In "Die Rückseite des Mondes" läßt er den eben erst pensionierten Gruppeninspektor Franz Grassmann auf die brachialen Nachwehen dreier Fälle stoßen, die ihn in seiner "aktiven" Zeit nicht nur vor moralische Probleme gestellt haben. In einer gesichtslosen Vorortelandschaft zwischen Mega-Baumärkten, Tankstellen und von kleinstbürgerlich bewohnten Gartensiedlungen umgebenen Plattenbauten wird Grassmann ein paar Tage und Nächte lang mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert - und von Exkollegen gar des Mordes verdächtigt. Fernab jeglicher Idylle (aber auch jeder "So-hinich-daß-es-schon-wieder-lustig-ist"-Attitüde) legt Wieninger eine schnörkellose kurze Erzählung über eine lange Rache vor, in glaubhafter Diktion und dichtem Erzählfluß. Und liefert den Beweis, daß man in der Beschreibung von - nicht nur gesellschaftlichem - Verfall auch ohne den in Österreich so beliebten Sozialkitsch auskommt.

Links:

Juan Manuel de Prada - Mösenbetrachtungen

ØØØØ

("Coños", Heyne Hardcore)

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Warum man den Basken de Prada in seinem Heimatland angeblich als Schriftstellerhoffnung hypet, erschließt sich an Hand der "Mösenbetrachtungen" nicht. Aber egal - das Bändchen ist eine nette Schlingelei, die charmant und witzig mit dem weiblichen Geschlechtsteil als solchem umgeht. In knapp 50 extrem kurzen Geschichten widmet der Autor sich den unterschiedlichsten Mösen, logischerweise frivol, dennoch gediegen. Allein die Summe - von der Jungfrauenmöse über die Möse der Parlamentarierinnen bis hin zu jener der Frauen in den Wechseljahren - läßt erahnen, daß de Prada ein Angeber ist. In vielen Kategorien, denn genau darum handelt es sich, suggeriert uns der Mann, daß er mehrere dieser speziellen Mösen kennengelernt hat. Also ist er ja doch ein Schelm, ein Casanova, der genau hingeschaut und hingeschmeckt hat. Daß er all den großen und kleinen Wölbungen und Tiefungen eine große Zuneigung abgewinnen kann, versteht sich. "Mösenbetrachtungen" ist ein Brevier der Liebe zum Zentralorgan, dem Ort, den Männer vom diesseitigen Ufer gern bereisen. Aber das wissen die Jungs vom "Bärchenguckdienst" (Robert Gernhardt) natürlich längst - und erfreuen sich an einem locker formulierten Buch. Oder, um es mit de Prada zu sagen: "Ich schrieb 'Coños' unter dem Vorzeichen des spielerischen Unsinns und unter dem Einfluß eines lyrischen Humors." Besser kann man es nicht sagen.

Links:

James Rollins - Der Judas-Code

ØØØ

("The Judas Strain", Blanvalet)

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Dr. Stefan Frank mag der Arzt sein, dem die Frauen vertrauen; passionierte Thriller-Leser halten sich jedoch lieber an den kalifornischen Veterinärmediziner James Rollins. Neben herrlich eigenständigen Genre-Nervenkitzlern im hintersten Amazonas-Winkel oder peruanischen Dschungel liefert der gute Doktor einer begeisterten Leserschaft seit 2005 auch die Abenteuer der SIGMA Force.

Erst vergangenes Jahr mußte das Team rund um Grayston Pierce in "Feuermönche" gegen die drohende Apokalypse ankämpfen und es in "Der Genesis-Plan" mit wunderbaren Trash-Nazis aufnehmen. In "Der Judas-Code", Rollins´ neuem SIGMA-Roman, sucht nun - wieder einmal - eine uralte Plage die Menschheit heim. Um die Weltbevölkerung und seine Freunde retten zu können, muß sich Pierce mit einer Vertreterin der Gegenorganisation verbünden. Weil: Der Feind meines Feindes ist bekanntlich mein Freund.

Erwartungsgemäß liefert Rollins die von ihm gewohnte Mixtur aus naturwissenschaftlichen und historischen Hintergründen, die er in ein solides Thriller-Gerüst kleidet und zum Pageturner verarbeitet. Das Ergebnis liest man fast genauso schnell, wie man es wieder vergißt - und freut sich deshalb schon auf das nächste Abenteuer.

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Al Ewing - I, Zombie

ØØØØ

(Abaddon Books)

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Das erste Kapitel heißt "My Gun is Quick" und liest sich wie die beste Mischung aus Hongkong-Thriller und "Matrix"-Spezialeffekten, die Sie nie gesehen haben. Der Protagonist, ein hartgesottener Privatdetektiv, ist im Auftrag eines Millionärs hinter einer Bande von Kidnappern her, die in schwarzen Anzügen herumlaufen und sich so idiotisch aufführen, als hätten sie ihre kriminelle Ausbildung durch Tarantino-Filme erhalten. In einer Lagerhalle stellt John Doe (so heißt unser Held), die Gangster, macht sie kalt und befreit das kleine entführte Mädchen - das dank dieser Rettungsaktion wohl bis an sein Lebensende schwer traumatisiert sein dürfte. Warum? Na ja, Doe hält im Kampf nicht nur die Zeit an, sondern überlebt auch schwerste Schußwunden, läßt seine Hand getrennt vom Körper gegen die Gangster-Deppen kämpfen und frißt am Schluß die Gehirne seiner Opfer.
Jawohl, der Private Eye im schäbigen Anzug ist ein Zombie. Wieso das so ist, weiß er nicht so recht, da ihm in klassischer "Noir"-Manier ein Großteil seiner Erinnerungen fehlt - doch der Leser erfährt im Zuge der Handlung noch in aller gebotenen Deutlichkeit, was da los ist. Das Spektrum der gebotenen und hier gekonnt neu gemischten Pulp-Standards reicht von verrückten Wissenschaftlern über eine Gilde von Zombie-Jägern bis hin zu bösartigen Alien-Invasoren, die mit Hilfe des Protagonisten unsere ganze Welt zu ihrem Imbißstand machen wollen.
Und "I, Zombie", verfaßt vom britischen Comic-Texter ("2000 AD", "Judge Dredd Magazine") Al Ewing, ist Band vier der wunderbaren Reihe "Tomes of the Dead", die das Untote-Menschenfresser-Genre auf witzige und unerwartete Weise von hinten aufrollt. In den bisherigen Romanen wurden die Zombie-Stories bereits gekonnt mit Brit-Gangster-, Piraten- und historischen Revolutions-Geschichten vermischt - und der nächste Band, das deutet zumindest der kurze Textauszug am Schluß des vorliegenden Buches an, wird uns ins Alte Rom führen.
Noch was: Die "Tomes of the Dead" sind nur ein Teil des Paperback-Programms von Abaddon Books (dem Verlag der englischen Computerspielfirma Rebellion Developments, die auch - siehe da! - die Veröffentlichung der "2000 AD"-Comics übernommen hat). Die anderen Abaddon-Reihen decken mehrere Bereiche aus SF, Fantasy und Horror ab, von postapokalyptischen Schauergeschichten ("The Afterblight Chronicles") über Steampunk ("Pax Britannia") bis hin zu Sword and Sorcery ("Twilight of the Kerberos"). Und das bedeutet wiederum, daß Sie im EVOLVER noch viel über dieses Verlagshaus lesen werden ...

Links:

Sven Regener - Der kleine Bruder

ØØØ 1/2

(Eichborn)

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Eine ungewöhnliche Vorgehensweise: Element-Of-Crime-Kopf Sven Regener schreibt den mittleren Teil seiner Lehmann-Trilogie zum Schluß. Das macht nichts, weil sich der Leser längst sowieso an die etwas andere Art des Schriftstellertums gewöhnt hat. So fällt es dieses Mal viel eher auf, daß sich der Autor tatsächlich zu einem beinahe klassischen Romanaufbau mit allem Pipapo hinreißen läßt. Und auch, wenn das Buch nicht gerade als Wälzer zu bezeichnen ist, ist eine gewisse Nähe zu Joyces "Ulysses" nicht zu leugnen: Auch "Der kleine Bruder" spielt in einem kurzen Zeitraum, hier zwei Tagen oder besser zwei Abenden mit anschließenden Nächten. Natürlich passiert auch nicht allzuviel: Das dritte Buch um Frank Lehmann beginnt genau da, wo der Vorgänger "Neue Vahr Süd" aufgehört hat - auf dem Weg vom provinziellen Bremen in die Metropole Berlin. Daß der frisch dem "Bund" Entkommene in Kreuzberg hängenbleiben wird, läßt sich nicht erahnen, aber wir wissen es, weil wir "Herr Lehmann" gelesen haben. Im Augenblick stolpert er - auf der Suche nach dem großen, viel unvernünftigeren Bruder Manfred - in ein neues Leben, das sich anfangs fast nur im Dunkeln oder spärlich Beleuchteten entwickelt. Wer seine Pubertät Anfang der 80er Jahre in der Großstadt beendet hat, wird sich  an eine ähnlich dunkle Zeit erinnern. Schließlich ist man auch sehr spät aufgestanden ... Jüngere Zeitgenossen werden dementsprechend mit der Milieuschilderung aus Hausbesetzer-, Sponti- und Punk-Umfeld und den dazugehörigen, zwischen geistreich und saublöd changierenden Floskeln nicht allzu viel anfangen können. Der Rest bekommt ein typisches "So ist es"-Buch, das an vielen Stellen sehr klug ist - etwa, wenn Kumpel Karl feststellt, das Punks auch nur Hippies sind. Genau das mußte mal gesagt werden (und wurde es auch Anfang der 80er Jahre schon oft und gern; Anm. d. Red.). Übrigens: Das kaum teurere Hörbuch lohnt sich mindestens genauso, vor allem wegen Regeners cooler Bremer Schnodderschnauze. Nordisch by nature eben.

Links:

Alisha Bionda (Hrsg.) - Himmelspfeifer

ØØØ

(Lerato Verlag)

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Etwas "andere" SF-Geschichten kündigt der Zusatz zum Titel vollmundig an; zudem ist "Der Himmelspfeifer" im literarischer Esoterik nicht abgeneigten Lerato-Verlag erschienen - gleich zwei Dinge, die ein wenig skeptisch stimmen dürfen. Dazu kommen eine Cover-Gestaltung von Crossvalley Smith und Illustrationen von Mario Moritz, die (bis auf Ausnahmen) schlimmste Befürchtungen in Richtung Schülerzeitungs-Fantasy wecken. Es mag Menschen geben, denen derlei Bildnerisches gefällt - der Schreiber dieser Zeilen (und mit ihm wahrscheinlich die meisten EVOLVER-Leser) gehört allerdings nicht dazu.

Doch davon sollte man sich nicht abhalten lassen: Die 16 deutschen Autoren, deren Kurzgeschichten in dieser Anthologie enthalten sind, darf man sich nämlich (ebenfalls bis auf Ausnahmen) durchaus getrost zu Gemüte führen. Die angekündigte Andersartigkeit beschränkt sich zwar eher auf gegen den Strich gebürstete Variationen bekannter Sujets, die auch mitunter schon von "Star Trek" und Co. aufgegriffen worden sind, doch Stories wie "Wie Terrorismus entsteht" von Ronald M. Hahn oder "Heimkehr nach Algatha" von Andreas Gruber bereiten durchaus Freude - und auch "Die Folie" von "Perry Rhodan"-Stammautor Christian Montillon punktet mit einer schönen Pointe. Nicht zuletzt ist es das Nebeneinander arrivierter SF-Autoren, ob aus der "seriösen" Richtung oder der Romanheft-Kultur, und diverser Newcomer, was den Reiz des "Himmelspfeifers" ausmacht.

Es ist halt eine schöne und seltsame Welt - oder, wie beim "Himmelspfeifer" - gleich eine ganze Menge davon, beschrieben von Linda Budinger, Andreas Gruber, Ronald M. Hahn, Frank W. Haubold, Dominik Irtenkauf, Jörg Isenberg, Helmut W. Mommers, Christian Montillon, Mario Moritz, Niklas Peinecke, Margret Schwekendiek, Achim Stößer, Dirk Taeger, Fabian Vogt, Mikis Wesensbitter, Uschi Zietsch und mit einem Vorwort versehen von Hermann Urbanek.

Links:

In Memoriam James Crumley


Am 17. September starb der amerikanische Hardboiled-Autor James Crumley. Er war einer der ganz Großen ...

Legen Sie mit uns eine nachträgliche Schweigeminute ein und lesen Sie Martin Comparts Porträt aus dem Jahre 2004:

 

Die schmutzigen Straßen des James Crumley

 

Oder: Wie ein US-Krimiautor seine literarischen Asphalt-Cowboys auf dem Weg in die Katastrophe begleitet.

Links:

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