Stories_Plakativ: Antichrist/ Downloading Nancy

Der Teufel aus dem Internet

Lars von Trier vertreibt uns aus dem Paradies - und Maria Bello sucht online einen Killer, der ihr den Selbstmord abnimmt. Was die dazugehörigen Kinoplakate bieten, erfahren Sie in gewohnter Ausführlichkeit und Analysequalität an dieser Stelle.    05.06.2009

 

Antichrist

 

Was wir sehen: den Stamm eines uralten Baumes, unter dessen Wurzeln sich menschliche Hände und Arme hervorstrecken. Davor liegt ein nacktes Paar, das sich gerade dem Liebesakt hingibt. Quer über das Plakat und wie in Rage gekritzelt steht der Filmtitel in Rot - "Antichrist" -, wobei das zweite "t" ein christliches Kreuz bildet.

 

Worum es augenscheinlich geht: den Sündenfall. Liebe, Tod, Haß, Verzweiflung. Und darum, daß es das Paradies gar nicht gibt.

 

Worum es tatsächlich geht: Ein Paar (Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe), das namenlos bleibt, hat sein Kind verloren. Verzweifelt und in tiefer Trauer begeben sich die zwei nach "Eden", ihren Rückzugsort, einer Hütte im Wald, wo sie versuchen, ihre gebrochenen Herzen zu heilen und wieder zueinanderzufinden. Dabei kennt von Trier keine Grenzen: seine Darsteller agieren wild und zügellos, und der Film spaltet Kritiker und Publikum - die Schlagzeilen bei Google sprechen Bände.

 

Zum Plakat: Daß es hier radikal zur Sache geht, ist auf den ersten Blick erkennbar. Auch das religiöse Motiv ist (selbst ohne den deutlichen Titel) ersichtlich. Daß das Paar im Mittelpunkt steht und - ohne Beachtung der wenig ansprechenden Umgebung - seine Lust auslebt, gibt einen deutlichen Hinweis darauf, daß wir es hier nicht mit einem sinnlichen und romantischen Liebesfilm zu tun haben. Der Baum ist alt, seine Wurzeln gehen tief, und in ihm sind Menschen begraben, die scheinbar versuchen, sich zu befreien.  

Wenn man das Ganze in seiner christlichen Symbolik betrachtet, werden hier Grenzen überschritten - vom Baum der Erkenntnis sollten Adam und Eva nicht einmal die Früchte essen; unter seiner Krone Sex zu haben ist da eine noch größere Provokation. Die Mißachtung dieser Grenzen führt in der Bibel zum Verlust der Lebensfülle, die Gott dem Menschen eigentlich zugedacht hat, zur Vertreibung aus dem Paradies, der Bewachung des Zugangs zum Lebensbaums und damit schlußendlich zum Tod. Daß das Paar eigentlich das Gegenteil erreichen will - nämlich das Leben wieder zu spüren -, ist für mich nicht erkennbar.

Sicher ist auch das Poster vor allem als Herausforderung gedacht, sich mit dem Film zu beschäftigen. Von Trier sagt selbst, daß er herausfinden mußte, ob er überhaupt noch Filme machen, seine Depression und seine Zwangsvorstellungen überwinden könne. Das wird auch dadurch symbolisiert, daß der Mann im Film ein Therapeut ist, der seine Frau zu therapieren sucht (ein Vorgehen, das in der Realität schlicht unmöglich wäre - therapieren kann man niemanden, dem man so nahesteht). Der Film scheint also vor allem Selbsttherapie sein zu wollen (ebenfalls ein Vorgehen, das in der Realität nicht funktioniert). Den Kritiken nach zu urteilen, scheint dies auch nicht gelungen - irrsinniger sei lange kein Film gewesen.

Das Plakat bietet nur einen kleinen Vorgeschmack, ein Urteil sollte man sich aber (natürlich) selbst bilden ...

 

 

 

 

Downloading Nancy

 

Was wir sehen: Eine Frau mit Zigarette in der Hand schaut aus einem Zugfenster. Sie ist von uns abgewandt. Darüber in Rosa der Filmtitel - und ganz ohne Untertitel.

 

Worum es augenscheinlich geht: eine einsame Frau in der Offline-Welt, die noch altmodische Dinge tut - wie Rauchen und Zugfahren.

 

Worum es tatsächlich geht: Die unglückliche Hausfrau Nancy (gespielt von der schönen Maria Bello) ist mit ihrem Leben so unglücklich, daß sie online einen Mann beauftragt, sie zu töten. Als der beauftragte Mörder (Jason Patric) und sie einander begegnen, kommt jedoch alles anders ...

 

Zum Plakat: Beim ersten Ansehen fand ich das Plakat durchaus charmant, weil ich den Kontrast zwischen dem Filmtitel und dem Bildmaterial mochte. Auf den zweiten Blick schien es mir jedoch nichtssagend. Wahrscheinlich zeigt es Nancy, wie sie ihrem Mörder entgegenreist. Schon verstanden, es zeigt die Langeweile, die sie empfindet - aber das Photo könnte auch einfach ein überbelichteter Schnappschuß von einem Urlaubsfilm sein.

Da Nancy von uns abgewandt ist, können wir eigentlich keinen Bezug zu ihr herstellen, weder über ihr Gesicht noch über erkennbare Emotion. Der Filmtitel verrät zwar, daß es noch eine zweite Ebene gibt, aber ich wäre nicht darauf gekommen, daß es hier um Online-Dating und Selbstmordgedanken geht. Die Farbigkeit des Plakates paßt allerdings: das melancholische S/W-Bild, das angenehm gestrig wirkt, steht in Kontrast zum technisch-poppigen Filmtitel. Auf den dritten Blick verstehe ich also, daß es auch um Selbsthaß und Enttäuschung geht; um jemanden, der sein Gesicht einfach nicht mehr zeigen will, weil er es selbst nicht ertragen kann.

Der Film beruht auf wahren Begebenheiten, und das Bild könnte mit diesem Wissen fast dokumentarisch wirken - in einer Doku ist die Belichtung ja auch nicht immer perfekt, und es entstehen eher Schnappschüsse. Der Trailer zeigt allerdings eine ganz andere, kalte Welt und ist schnittechnisch gesehen schon ein kleiner Film für sich - den Song "Hurt" von Johnny Cash darin zu verwenden, ist natürlich ein Geniestreich.

Nach langem Betrachten muß ich sagen, daß ich das Plakat am Ende als sehr passend empfinde. Allerdings stellt sich auch hier wieder die Frage: Wer nimmt sich wirklich so lang Zeit, ein Filmplakat zu betrachten? Müßte es nicht viel direkter wirken?

 

 

 

C. Franziska Richter

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