Stories_Elvis Presley: In memoriam

"It´s the singer, not the song"

Schon wieder ein Jubiläum ... Während die Plattenfirma zum 30. Todestag des Kings eine neue Doppel-CD mit alten Hits herausbringt, fragen wir: Was bedeutet Elvis für uns Ewigheutige?    16.08.2007

 

Nein, wir schreiben an dieser Stelle nichts über den amerikanischen Traum, es vom Lastwagenfahrer zum Superstar zu schaffen, und auch nichts über die verschiedenen Süchte oder das GI-Leben in einer deutschen Villa inklusive anschließendem "Muß i denn zum Städtele hinaus".

Natürlich ist die Biographie des Elvis Aaron Presley aus Tupelo interessant und außergewöhnlich. Aber sie wird zur Zeit ohnehin wieder allerorten breitgewalzt - mit all den Fehlern, die man seit Jahrzehnten immer wieder zu jedem Jubiläum verbreitet, und unter Berücksichtigung aller Mythen, die sich um die schillernde Gestalt ranken. Freilich kann uns Elvis heute nicht mehr weiterhelfen und brennende Fragen beantworten; es ist aber auch zu bezweifeln, daß er es tun würde, wäre er noch am Leben.

Angeblich lebt Elvis ja tatsächlich noch. Das behaupten seit dem 16. August 1977 viele Fans ohne Unterlaß. Aber spielt es eine Rolle, ob er wirklich in Graceland auf die Auferstehung wartet oder sich das bunte Treiben an seinem Todestag vom Sofa aus anschaut? Seine Songs sollten für uns alle ewig leben. Die sterbliche Hülle war zum Schluß zwar nicht mehr so knackig, doch Elvis hinterläßt ein Werk von immenser Größe. Dummerweise kann man selbiges auch leicht falsch deuten.

 

So halten sich einige Irrglauben durchaus hartnäckig: Elvis habe den Rock´n´Roll erfunden und sei der King dieser Musikrichtung. Falsch: Den Rock´n´Roll gab es schon früher, sowohl als versauten Begriff als auch in brachialer Musik. Daß Elvis zur rechten Zeit am rechten Ort - also im Sun-Studio - zugegen war und der Jugend ein rockiges Lebensgefühl gab, ist etwas ganz anderes: Big Joe Turner war einfach zu alt, zu schwarz und nicht sexy genug.

Presley auf den Rock´n´Roll zu reduzieren hieße jedoch, seine Verdienste zu schmälern. Erstens waren andere Künstler in den 50er Jahren mehr Rock als er (und Jerry Lee Lewis der wahre König dieser Zeit), und zweitens bewies Elvis in seinen späteren Jahren, daß er viel mehr konnte: Er war ein phantastischer Sänger, der eine Fülle unterschiedlicher Stile mit seiner schieren Präsenz verband, und ein Entertainer, der über den Niederungen des Pop stand - einer von der Qualität eines Frank Sinatra, aber leider ohne dessen Coolness. Sonst wäre er wahrscheinlich immer noch aktiv.

Zum Beleg dieser These dienen die zeitlos wunderschönen Platten, die er nach dem zwischenzeitlichen Niedergang in den frühen und mittleren 60er Jahren herausbrachte: "From Elvis In Memphis", "Love Letters From Elvis", "Elvis Now", "Elvis Country (I´m 10.000 Years Old)" oder "Promised Land". Diese Werke stehen auf einer Stufe mit den frühen Aufnahmen für Sun und RCA. Selbst das letzte Lebenszeichen "Moody Blue" war so ordentlich, daß man sich heute prima vorstellen kann, wie Rick Rubin nach Cash und Diamond auch den sicher satten Elvis wieder ins Studio holen würde.

 

Elvis war Gospel. Und wie bei Johnny Cash war der Glaube auch dann noch tief verwurzelt als das eigene Leben aus den Fugen geriet. Aus diesen beiden Polen, aus Glaubensordnung und Lebenschaos, speiste sich die Energie dieser Seele. Und bei Gott, Elvis hatte Soul ("Wild In The Country"!, Mort Shumans "You´ll Think Of Me"!) . Er war ein Crooner mit einer in jeder Lage kraftvollen, aber auch sehr eleganten Stimme voller Sehnsucht, Wärme, Wut und überirdischem Glanz. Er brachte Eiswürfel zum Schmelzen und konnte das International Hotel in Vegas in eine Kathedrale des Lichts verwandeln.

Elvis war aber auch Country, da er mit den Carters, den Sons Of The Pioneers, mit Bob Wills und mit Hank aufgewachsen war. Der ungehobelte Bauernbursche wollte in den 60ern die Beatles am liebsten wieder zurück nach England jagen. Andererseits war es genau seine Herkunft, die ihn die Rolle des Pacer Burton in Don Siegels "Flaming Star" so eindrucksvoll spielen ließ - jede Medaille hat nun mal zwei Seiten. Deshalb gibt es vom Song "Flaming Star" auch noch eine zweite Version namens "Black Star". Every man has a black star over his shoulder ...

Das alles macht Elvis so einzigartig - oder, wie es die Stones ausdrückten: "It´s the singer, not the song."

Er war der König einer ganz eigenen Gattung, und dort sitzt er heute immer noch auf dem Thron. Zum Glück erschließt sich das auch den Nachgewachsenen ... In diesem Sinne: You are always on our mind.


Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

In memoriam Elvis Presley


Die besten Alben

 

1. From Elvis In Memphis (1969)

2. Elvis Presley (1956)

3. Elvis Country (I´m 10000 Years Old) (1971)

4. Elvis (1956)

5. For LP Fans Only (1959)

6. Elvis Now (1972)

7. Back In Memphis (1970)

8. A Date With Elvis (1959)

9. Elvis Is Back (1959)

10. Promised Land (1975)

 

Die besten Songs

 

1. Black Star

2. One-Sided Love Affair

3. Long Black Limousine

4. Jailhouse Rock

5. Suspicious Minds

6. Heartbreak Hotel

7. Wild In The Country

8. I´m Gonna Sit Right Down and Cry (Over You)

9. Trouble

10. One Night Of Sin

11. Tiger Man

12. Clean Up Your Own Backyard

13. Don´t

14. Hound Dog

15. Mystery Train

16. Stranger In My Own Home Town

17. Paralyzed

18. Rip It Up

19. You Asked Me To

20. I´m Left, You´re Right, She´s Gone

Links:

Remember the King


Die besten Filme

 

1. Flaming Star ("Flammender Stern", 1960; Regie: Don Siegel)

2. Jailhouse Rock ("Rhythmus hinter Gittern", 1957, Regie: Richard Thorpe)

3. King Creole ("Mein Leben ist der Rhythmus"*, 1958; Regie: Michael Curtiz)

4. Wild In The Country ("Lied des Rebellen", 1961; Regie: Philip Dunne)

5. Love Me Tender ("Pulverdampf und heiße Lieder", 1956; Regie: Robert D. Webb)

 

(* neu aufgelegt in der "Elvis Presley 30th Anniversary"-DVD-Edition bei Paramount. Außerdem mit dabei: "Blaues Hawaii", "Seemann Ahoi", "Acapulco", "Kaffee Europa", "Girls! Girls! Girls", "König der heißen Rhythmen" & "Südseeparadies")

 

Die besten Elvis-Reminiszenzen

 

1. Album-Titel und -Cover "A Date With Elvis" von den Cramps

2. "Jailhouse Rock"-Folge von "Sledge Hammer": Elvis-Fan Sledge auf der Suche nach den Mördern von 15 King-Imitatoren

3. Andy Kaufman als Elvis-Imitator ("Andy, you are goofin´ on Elvis")

4. Elvis Preßstein bei den Feuersteins: In "Fred läßt die Wände wackeln" versuchen Fred und Barney, den Superstar zu verpflichten - und schaffen es auch.

5. Laut Fox Mulder ist Elvis der einzige Mensch, der seinen Tod vortäuschen konnte.

6. die männliche Scream-Queen Bruce Campbell als gealteter und verkrebster Elvis in "Bubba Ho-tep"

Links:

Kommentare_

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Heinz Plehn - 23.08.2007 : 20.20
danke, Peter & Co, für eure Beiträge zur 30. Wiederkehr des
grauslichen Datums 16.8.77....ich hoffe, durch meine kleine
Sendung am 18.8. im OKB auch einen Beitrag geleistet zu haben
(s. www.espressorosi.com, Musikalische Begleiter, P, andere
Sendungen)...
Grüße dich und Frau Heidi und alle evolver-maker(innen) und hoffe auf ein Wiedersehen noch
in diesem Joa?????
Heinz aus B.

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