Stories_Plakativ: Der rote Punkt/Che

Revolution und Zeitreisen

Statt "Vier im roten Kreis" liefert Marie Miyayama das farbgefüllte geometrische Pendant - und Benicio gibt für den Suderzwerg den beliebten T-Shirt-Revoluzzer. Die Plakate liefern auch diese Woche einen ersten Vorgeschmack.    12.06.2009


Der Rote Punkt


Was wir sehen: einen Feldweg unter Schlechtwetterhimmel, auf dem eine junge Frau mit Backpack und vom Winde verwehten Haar steht und zurückblickt. Der Filmtitel enthält als "O" den sprichwörtlichen roten Punkt; dazu der Filmtitel auf deutsch und japanisch.

 


Worum es augenscheinlich geht: Eine junge Frau befindet sich auf einer Reise, die sie von ihrer Vergangenheit in die Zukunft führt.

 


Worum es tatsächlich geht: Die in Tokio lebende Studentin Aki Onodera (Yuki Inomata) hat in jungen Jahren ihre Eltern bei einem Autounfall in Deutschland verloren. 18 Jahre später kehrt sie zum Unfallort zurück und lernt dort die Familie Weber kennen, mit der sie schicksalshaft verbunden zu sein scheint. Der Film basiert auf wahren Ereignissen.

 

Zum Plakat: Daß es hier um eine Reise in die Vergangenheit geht, ist schon auf den ersten Blick gut zu erkennen: Die junge Frau schaut melancholisch auf den hinter ihr liegenden Weg und damit symbolisch in die Vergangenheit. Das düstere Wetter paßt zu Akis Gesichtsausdruck: sie erscheint melancholisch und verloren. Der rote Punkt, der hier graphisch schön im Filmtitel eingesetzt wird, könnte auch der "wunde Punkt" sein, der Aki nicht losläßt und sie erst auf ihre Reise schickt - der Unfalltod ihrer Eltern.

Daß die Studentin sich nicht in ihrem Herkunftsland befindet, ist zum einen durch das Backpack erkennbar, zum anderen durch die im Vordergrund verschwommene Vegetation, die für mich nach deutschem Norden aussieht. Andererseits deutet nichts darauf hin, daß Aki nicht auch in Deutschland geboren sein könnte und einfach durch irgendein Land reist - die Umgebung scheint neutral genug und könnte auch für andere Orte stehen. Insgesamt vermittelt das Plakat für mich ein wehmütiges, heimwehverursachendes und dennoch harmonisches Gefühl. Selbst die dreifache Ausführung des Filmtitels auf englisch, deutsch und japanisch ist behutsam und zerstört die ausgewogene Komposition nicht. Die Schrift bildet das Gegengewicht zur abgebildeten Person.

Fazit: ein wunderbar reduziertes Plakat, das die Geschichte nur durch Komposition und dezente Typographie erzählt - äußerst gelungen.

 

 


Che - Revolucion

 


Was wir sehen: Ernesto "Che" Guevara - eines der berühmtesten Porträts aller Zeiten. Dazu die Worte: "Jeder kennt sein Gesicht, kaum jemand seine Geschichte."


Worum es augenscheinlich geht:
Ernesto "Che" Guevara.

 


Worum es tatsächlich geht: Ernesto "Che" Guevara. Ein Mammutprojekt: Steven Soderbergh will die ultimative Biographie von Guevara zeigen - und nimmt sich dafür insgesamt viereinhalb Stunden Zeit. Der erste Teil "Revolucion" folgt Guevara durch seine Zeit während der kubanischen Revolution und zeigt den Aufstieg zum Volkshelden. Teil zwei startet im Juli.

 


Zum Plakat: Wie bewirbt man einen Film über einen Mann, dessen Gesicht jeder kennt? Man zeigt eben dieses Gesicht - nicht das originale, sondern das verblüffend ähnliche von Benicio del Toro, für den Che eine der Rollen seines Lebens sein dürfte (neben der kongenialen Darstellung des "Anwalts" von Johnny Depp in "Fear and Loathing in Las Vegas").

Das Porträt von Che Guevara ist so geläufig, daß es (fast) jeder schon einmal gesehen haben dürfte - auf T-Shirts, an WG-Zimmerwänden, in Graffiti, auf Kulis oder Kaffeebechern. Che ist dieser Tage vor allem ein Produkt, wodurch das Unterfangen, auch von seinem Leben und Wirken zu erzählen, grundsätzlich zu loben ist. Etwas Ähnliches hat Walter Salles 2004 schon einmal getan. In seinen "Motorcycle Diaries" drehte sich alles um den jungen Che und seine lebensverändernde Reise vor dem Aufstand. Doch auch vor diesem Film wurde Che, der nun einmal eine Legende ist, schon in Filmen, Musicals und sogar bei Monty Python dargestellt (nachzulesen in der IMDb).

Es ist zwar verständlich, daß man eine Ikone mit einem ikonenhaften Bild bewirbt; trotzdem stellt sich die Frage, ob wir nicht den Anblick eben dieses Bildes schon so sehr gewöhnt sind, daß es uns als "neues" Plakat gar nicht mehr auffällt? Die Farben, die Mütze, der Blick, die Pose - alles stimmt und wirkt eben deshalb leider so beliebig, wie es die von Studenten getragenen Shirts tun. Ich würde mir wünschen, auch bildlich mal eine andere Seite von Guevara zu sehen - wenn es schon der Anspruch des Films ist, endlich auch mal die Geschichte hinter dem Gesicht zu zeigen. Genügend Bildmaterial dafür dürfte Ches Leben hergeben.
Ich hatte das große Glück, 2005 eine Kuba-Reise unternehmen zu können und war erstaunt, daß zwar an allen Wänden und auf Plakaten von Che die Rede ist, das uns bekannte Konterfei dort jedoch so gut wie keine Rolle spielt. Auch das wäre ein interessanter Ansatzpunkt gewesen - mit typisch kubanischer Typographie das Poster zu gestalten. Somit als Plakat eine verpaßte Chance, als Film aber natürlich trotzdem eine Pflichtvorstellung für Kinoliebhaber ...

 

 

C. Franziska Richter

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