Kino_Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford

Legendensterben

Brad Pitt als Revolverheld und Casey Affleck als sein Mörder: Regisseur Andrew Dominik erzählt uns in seinem Western die Geschichte eines Mordes und beeindruckt mit einer visuellen Glanzleistung.    25.10.2007

Andrew Dominik, der schon für sein Regiedebüt "Chopper" (der Biographie eines berüchtigten australischen Kriminellen) das Drehbuch schrieb, versucht sich auch in seinem zweiten Film als Doppeltalent. Auf der Grundlage eines Romans von Ron Hansen schrieb er das Script und führte zudem auch noch Regie. Dabei wagt er sich an ein fast schon vergessenes Genre, den Western. "The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford" erzählt die Geschichte des wohl bekanntesten Banditen der USA. Jesse James, der in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts sein Unwesen trieb, Banken ausraubte, Eisenbahnen überfiel und mordete, wurde schon damals von den Medien zu einem Idol hochstilisiert. Mit Robin Hood verglichen, als Held gepriesen, aber auch gejagt und gefürchtet, blieb er bis heute eine faszinierende Figur. Die Umstände seines Todes sind aber wohl das Spannendste am Leben des Jesse James. Und genau das ist es auch, womit sich dieser Film beschäftigt.

 

Der 19jährige Robert Ford (Casey Affleck) will etwas Besonderes sein, das wird schon zu Beginn des Films schnell klar. Es fällt ihm schwer, sich in der Gruppe zu behaupten; als jüngster Bruder wird er oft gehänselt und nicht ernst genommen. Umso begeisterter ist er, als er mit seinem Kindheitsvorbild Jesse James (Brad Pitt) und dessen Bande einen Zug ausrauben darf. Was für ein Mensch James ist, macht uns der Regisseur ohne viel Gerede klar. Als Einstieg zeigt er uns eine atemberaubend spannende Szene, einen souverän ausgeführten und brutalen Überfall auf einen Zug. Jesse fungiert dabei natürlich als Anführer, der in seiner Coolness nicht zu schlagen ist - der typische Revolverheld eben.

Doch schnell wird klar, daß hinter der furchtlosen Fassade des Jesse James viel mehr steckt. Seine Freunde sind alle tot oder im Gefängnis; er wird gejagt und gefürchtet, kann keinem vertrauen. Übrig bleibt da nur ein einsamer, paranoider Mann. Robert Ford, der im Gegenteil zu Jesse James eher damit beschäftigt ist, sich zu fürchten, als seelenruhig an seiner Zigarre zu kauen, wird zu einem Vertrauten, zu einem von James´ Leuten. Doch die Beziehung zwischen den beiden wird komplizierter und deutet bereits auf das Ende hin.

Was da passiert, ist nicht allzu überraschend, schließlich berichtet schon der Titel davon. Außergewöhnlich ist hingegen, daß Andrew Dominik sich viel Zeit nimmt, um uns zu erzählen, wie es letztlich dazu kommt. Er zeichnet von jeder Figur detaillierte Charakterstudien, zeigt lange Dialoge und nachdenkliche Momente. Daß es dabei nicht immer spannend zugeht, macht er durch Augenblicke wett, die einen dann dafür umso mehr packen. Dominiks Stärke liegt vor allem in der visuellen Ausführung; dabei läßt er sich einiges einfallen: Überwältigende Bilder führen durch den Film, kreative Wechselspiele von Licht und Schatten, Kamerafahrten, die aussagekräftiger sind als jedes Wort, wunderbar durchdachte Schnitte - kurz gesagt: ein Film, der visuell höchste Qualität bietet.

 

Nicht minder verantwortlich für das cineastische Erlebnis sind die Schauspieler. Brad Pitt macht das, was er am besten kann: cool sein. Aber daß er mehr als das drauf hat, zeigt er auch hier wieder. Auf Grundlage des Archetyps eines Revolverhelden läßt er eine echte Charakterrolle entstehen und beeindruckt damit während des gesamten Films. Auch Casey Affleck besticht durch die Darstellung der ambivalenten Figur des Robert Ford, und sogar kleine Nebenrollen sind wunderbar besetzt und ausgeführt. Auffallend ist hierbei unter anderem die aus der Serie "Weeds" bekannte Marie-Louise Parker, die Jesses Ehefrau spielt.

Am Schluß kommt, was kommen muß - der Titel will schließlich nicht umsonst gewählt sein. Wer allerdings denkt, daß es damit schon zu Ende ist, irrt. Der Film geht weiter und erzählt noch einiges mehr. Leider wird es hier dann stellenweise wirklich langweilig, doch für Andrew Dominik ist Spannung wohl eher zweitrangig. Er will seine Geschichte mitteilen und läßt sich dabei durch nichts beirren. Mit bewundernswerter Konsequenz führt er durch den Film und beeindruckt immer wieder mit visueller Höchstleistung, seinen Darstellern, treffenden Dialogen und ab und zu doch auch mit außerordentlicher Spannung.

Christa Minkin

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford

ØØØ 1/2

(The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford)

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USA 2007

160 Min.

Regie: Andrew Dominik

Darsteller: Brad Pitt, Casey Affleck, Marie-Louise Parker u. a.

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Gast - 04.11.2007 : 12.08
Die erste Szene zeigt Jesse im Schaukelstuhl, müde das Weite im Fenster suchend. Der Erzähler bekommt ein paar Minuten Zeit, anzudeuten, wieso dieser Mann mehr als ein glorreicher Halunke ist.
In der bald folgenden Szene über den letzten Überfall der James-Bande schaut er fassungslos auf ein niedergeschlagenes Opfer herab. Jesse James stellt sich selbst in Frage, der Film die populär gewordene Erzählung.

Hinsichtlich der Stimmung und der Kunstfertigkeit des Machers stimme ich der Autorin aber zu. Ein toller Film.

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