Kolumnen_Miststück der Woche II, Pt. 44

Jack White & Alicia Keys: "Another Way To Die"

Ist das neue Bond-Lied Mist, irgendwie medioker oder doch ein Geniestreich? Darüber streiten sich die Fans des smarten Agenten. Sicher ist, daß es zum Film paßt - meint Manfred Prescher.    24.11.2008

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 

Natürlich wäre es besser gewesen, wenn Mark Ronson den neuen Bond-Hit geschrieben und dafür eine gesunde Amy Winehouse vor das Mikrofon bekommen hätte. Näher an Shirley "Triple Bond" Bassey ginge es nämlich gar nicht. Weil für Amy aber "Die Another Day" gilt (und der wohl bald sein wird), war sie leider völlig unpäßlich. Darüber ist in dieser Kolumne auch schon genug getrauert worden. Daß sich die Produzenten der Agentenserie ersatzweise ausgerechnet an Jack White, den König der Garagen-Blueser, gewandt haben, mag zunächst merkwürdig erscheinen.

White ist mindestens so unbritisch wie Homer Simpson und ganz im Gegenteil so etwas wie das aktuelle klingende Aushängeschild Detroits. Doch er ist - wie Bond - auch ein Mann der Traditionen. Obwohl der Boß der White Stripes wie der Raconteurs (vergleiche "Miststück der Woche" I/82) nicht die Eleganz von Mitch Ryder oder gar den Motown-Stars rüberbringt und eher raubauzig wie ein waidwunder Waldschrat klingt, hält er doch das musikalische Banner der Motorcity im kleinen wie der USA im großen hoch. Er ist also einer, der für das Gute kämpft und seine Kampfzone schon ziemlich ausweiten konnte.

 

Wer denkt, daß White so gar nicht zu einem Agenten paßt, der im Auftrag Ihrer Majestät Erzschurken und deren Organisationen zur Strecke bringt, hat nur bedingt recht. Schließlich ist der Bond, wie wir ihn vor der Ära Daniel Craig kannten, viel zu elegant für einen amerikanischen Hinterhof-Mucker mit Dreck unter den Fingernägeln und auf dem Griffbrett der Gitarre. Weil der aktuelle 007 aber noch zum Edelstein geschliffen werden muß und außer der Lizenz zum Töten nicht viel mit seinen Vorgängern gemein hat, sieht die Sachlage doch etwas anders aus. Bond befindet sich noch sozusagen in seinem Garagenstadium und soll erst zu dem werden, den wir seit den Tagen von Dr. No lieben. Der Typ weiß ja noch nicht mal, was ihm an der Theke kredenzt wird - aber es steht zu hoffen, daß er sich nach "Ein Quantum Trost" die perfekte Rezeptur des trockenen Martinis merken wird. Bis dahin bleibt er ein Proll, der noch einen weiten Weg zum Gentleman-Agenten hat.

Leider ist aber der Song, den Jack White zusammen mit der New Yorker Souldiva Alicia Keys beigesteuert hat, schlechter als das meiste, was die White Stripes/Raconteurs bisher so veröffentlicht haben. Auch wenn "Another Way To Die" manchen Bond-Track qualitativ hinter sich läßt und auf jeden Fall Chris Cornells für "Casino Royale" zusammengeschustertes "You Know My Name" in den Schatten stellt, bleibt es im Gesamtkontext aller Bond-Filme eher unterdurchschnittlich.

 

Außerdem dürften nicht nur 007-Exegeten erkennen, an welchen Song sich White beim Komponieren angelehnt hat und ihn - für Bond-Songs logischerweise üblich - mit Zitaten des Titelthemas des fünffachen Oscar-Preisträgers John Barry gespickt hat: "Live And Let Die" von Paul McCartney und den Wings. Auch der Ex-Beatle hat eine dreigeteilte Mini-Symphonie aufgebaut, bei der sich die Ruhe vor dem Sturm auf das Hauptquartier des Bösen in einem orchestralen Gewitter entlädt.

1973, zum Bond-Debüt von Roger "Simon Temple" Moore, klang das durchaus neu, weil es eher an ein Konzeptalbum als an einen 007-Hit erinnerte. In den 60er Jahren wurden für Connery und Lazenby nämlich beinahe simple Songs geschrieben und in opulent produzierte Klanggewänder gesteckt. Tom Jones, Shirley Bassey, Nancy Sinatra, Louis Armstrong oder auch Matt Munro ("From Russia With Love") stehen für diese Ära, die freilich mit den nächsten Moore-Bonds und Lulu, Carly Simon sowie - again - Shirley Bassey vorübergehend zurückkehrte.

Der direkte Vergleich der beiden überkandidelten Stücke von McCartney und White geht klar an den ewigen Pilzkopf. Erstens ist die Grundmelodie besser, zweitens die Produktion präziser und weniger rumpelig, und drittens hat Macca das Bond-Thema viel eleganter, weil weit weniger holzhammermäßig auffällig eingewoben. Dazu kommt noch, daß "Live And Let Die" nicht gewollt konstruiert klingt, was entweder dem Talent des Songwriters und/oder der Tatsache geschuldet ist, daß der halt auch Brite ist. McCartney hat schließlich schon im Auftrag Ihrer Majestät gesungen, als White noch nicht mal wußte, daß die Beatles berühmter als Jesus sind.

In diesem Zusammenhang fallen mir die Zeilen eines Songs von Alabama 3 ein - und die sind Engländer, die ihrerseits den Ami-Style perfekt beherrschen. Die Sätze haben zwar nix mit Bond zu tun, aber Bibel- und Country-feste Menschen werden sie lieben: "I was there when they crucified the Lord/I was there when they crucified the lord/And I said to Jesus/Hello I´m Johnny Cash/I said to Jesus/Hello ... sweet hello, Lord, I´m Johnny Cash."

Nächste Woche feiere ich an dieser Stelle gemeinsam mit euch die Auferstehung der Brauseköpfe - denn Guns N´Roses, genauer gesagt Axl Rose, sind wieder da.

Manfred Prescher

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O.S.T. - A Quantum Of Solace

(Photo © David Swanson)

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