Kolumnen_Miststück der Woche II, Pt. 25

Im Zeichen des Bären

Wäre Richard Weize nicht, so wäre die Welt viel ärmer. Der Chef von Bear Family kämpft nämlich wie ein Don Quichotte in Latzhosen für gute Musik. Manfred Prescher widmet ihm deshalb diese Jubiläumsausgabe und singt ein Loblied auf ihn und seine Firma.    19.05.2008

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 

In den 70er Jahren war vieles besser: Der Musikbranche ging es gut, zweistellige Zuwachsraten ließen die Macher in eine sonnige Zukunft blicken. Und in der nahen Zukunft wartete mit der CD ein neues Tonträgermedium, das besseren Klang und vor allem neue Umsatzmöglichkeiten versprach. Daß sich damals, im Jahr 1975, schon die Krise der Plattenindustrie am Horizont abzeichnete, nahmen allerdings nur wenige Menschen wahr.

Einer davon war Richard Weize. Der damals 30jährige Musikenthusiast aus Bad Gandersheim wußte, daß die Firmen grob fahrlässig mit den Schätzen umgingen, die in ihren Archiven lagerten und dort vergammelten. Bereits in den Siebzigern jagte die AR-Meute den jeweils aktuellen Trends hinterher und vergaß dabei den wirtschaftlichen und kulturhistorisch bedeutenden Wert der back programs. Dabei haben Folk-Bewegung und Blues-Boom der 60er Jahre durchaus gezeigt, daß ein Interesse an den Ursprüngen existierte.

Als Weize 1975 sein Label Bear Family gründete, tat er das für Musikliebhaber, die mehr wollten als eine seltene LP - nach der konnten sie ja auch auf Flohmärkten suchen. Sie verlangten nach kompetenten Hintergrundinformationen, einem Klang, der das Optimale aus der Vorlage herausholt, ohne sie zu verändern, chronologisch geordneten und vollständigen Aufnahmen eines Künstlers - also einem Komplettpaket, das kaum eine Plattenfirma liefern konnte oder wollte. Diese Lücke füllte Richard Weize von Anfang an: Er kannte und kennt Künstler und wichtige Autoren, weiß, wie ein Lied klingen muß, und ist akribisch genug, um Vollständigkeit zu erzielen. Daß Bear Family mit dieser einzigartigen Arbeitsweise, die Sachverstand und Sturheit in hohem Maß voraussetzt, selbst zum Kult werden würde, war Weize 1975 sicher noch nicht klar.

 

Damals erschien als erste Veröffentlichung "Goin´ Back To Dixie" von Bill Clifton, eine LP eines Mannes aus der zweiten Reihe der Country-Stars, aber ein schöner Anfang. Drei Jahre später - und diesen Zeitpunkt feiern wir nun als Initialzündung von Bear Family - kam mit "The Unissued Johnny Cash" die erste Platte eines aktuell bei einem Major-Label unter Vertrag stehenden Künstlers heraus.

Den Umgang mit der Musikindustrie pflegt Weize auf seine persönliche Art sehr erfolgreich, und weil das so ist, erhält er die Rechte für fast alles, was ihm vorschwebt. Ausnahmen gab und gibt es, wie er mir anläßlich eines Interviews zum Bear-Jubiläum im Jahr 2000 erzählte: "Die großen drei, Frank Sinatra, Elvis und die Beatles sind für uns nicht zu bekommen." Deren Werk schlachtet die Industrie selbst gewinnbringend aus. Dafür hat Bear Family, auf vier Boxsets verteilt, die kompletten Capitol- und Reprise-Aufnahmen von Dean Martin und alles, was Johnny Cash in den 50ern und 60ern für Sun und Columbia eingespielte, herausgebracht. Den späten Cash findet man bei Bear nicht, was daran liegt, daß Weize diese Platten nicht mag. Das hat er dem befreundeten Künstler natürlich auch gesagt. Ein weiteres Plus des Bären-Vaters ist ja, daß er die maßgeblichen Leute persönlich kennt und mit ihnen auch ein offenes Wort pflegt.

 

Schon in den Anfangsjahren wuchs das Repertoire beträchtlich, mittlerweile umfaßt es eine gigantische Zahl an Einzel-CDs, LPs und vor allem an Boxsets. Weil Weize ein Sammler und Bewahrer vor dem Herrn ist, ist das allermeiste, was Bear Family veröffentlicht hat, auch heute noch erhältlich.

Man kann sich leicht vorstellen, daß die Firmenzentrale immer wieder aus allen Nähten platzte. Zuerst bediente man die Fans von einem Bauernhof in Harmenhausen aus, dann ließ man sich in der Bremer Goethestraße und später in der Eduard-Grunow-Straße der Hansestadt nieder, von dort ging es schließlich nach Vollersode. Trotz all dieser Umzüge blieb man sich stets treu: Geographisch findet man Bear Family seit jeher im flachen Norden Deutschlands, der Holzschnitt aus einer Enzyklopädie von 1898 ist immer noch das Firmenlogo, und auch Qualität und Anspruch der Veröffentlichungen erreichen nach wie vor das maximal Mögliche. Man sieht direkt vor sich, wie Perfektionist Weize sein kleines, feines Team antreibt. Das Ergebnis läßt sich schließlich mit jeder Box neu hören und sehen.

 

Das Programm von Bear Family umfaßt unterschiedliche Schätze. Im Zentrum stehen dabei amerikanische Interpreten - von Doris Day über die Sons Of The Pioneers, Willie Nelson, Louis Jordan und Hank Snow bis zu Pat Boone oder Del Shannon. Die USA sind für Bear nicht nur eine reich sprudelnde Quelle, sondern auch der wichtigste Absatzmarkt. Allerdings ist Hambergen auch für Schlager-, Beat- und Soundtrack-Fans die erste Anlaufstelle.

Wer die Gesamtwerke so vieler unterschiedlicher Künstler im Griff hat, kann auch phantastische Kompilationen extrahieren. Zum Beispiel "1000 Nadelstiche", eine Reihe, die auf bislang elf CDs deutsche Aufnahmen eigentlich englischsprachiger Interpreten versammelt. Herausragend aus dem ohnehin herausragenden Œuvre von Bear Family sind zum Beispiel die Boxsets zu Friedrich Hollaender, Lotte Lenya, zu den Hits der Zeit nach dem Schwarzen Freitag des Jahres 1929 ("Songs Of The Depression: Boom, Bust & New Deal") oder zum frühen Calypso ("West Indian Rhythm").

Jede Bear-Box setzt dabei neue Standards. Die opulenten Bücher im LP-Format enthalten kompetente und unterhaltsame Informationen, eine zeitlich korrekte Liste der Aufnahmen mit allen wesentlichen Daten sowie Photos, die häufig aus der Privatschatulle des Künstlers oder seiner Familie stammen. Sie runden die stets über den 80-Minuten-Rand hinaus vollen, perfekt gemasterten CDs zum Gesamtkunstwerk ab. Eine Bear-Box verfolgt immer einen ganzheitlichen Ansatz: Guru Weize vereint alle unsere Sinne, spricht zugleich Herz, Verstand, Forschergeist und Geschmackszentrum an.

 

Wer Geschmack hat, der komme. Beim Blick ins Lager mußte ich in Ehrfurcht verweilen und niederknien vor dem, was Weize und seine Mitstreiter für uns erschaffen haben. Im Wörtchen "uns" klingt aber auch schon das Dilemma an: Die Zahl derer, die eine Bear-Box kaufen, wird mit Sicherheit nicht größer, wie Richard Weize dem Kulturmagazin des "Spiegel" gegenüber betont. Das liegt zum einen daran, daß die "Wir-waren-dabei-Generation" allmählich ausstirbt, zum anderen aber auch am Zustand der Musikbranche.

Natürlich ist Bear Family abhängig von funktionierenden Vertriebswegen. Weil aber immer weniger physische Tonträger verkauft werden, verschwinden auch die großen Läden, die stets auch Bear-Boxsets anboten. Mit dem Umstieg auf iPod und MP3s - und ich spreche hier nicht von illegalen Downloads - rückt nicht nur das Ende der CD und der dazugehörigen Medientempel näher, sondern die Beliebigkeit des digitalen Formats hat auch überhaupt nichts mit der Arbeitsweise von Bear Family gemein. Im Gegenteil: MP3s klingen schlecht, die Tags werden meist schlampig und für den schnellen Gebrauch geführt, sodaß sie bald auf irgendeinem großen Datenspeicher vergessen werden.

Weil das aber so ist, brauchen wir Bear Family noch mehr als früher - und damit auch einen wie Richard Weize; einen, der unbeugsam seinen Weg geht und sich auch nicht vom Zeitgeist beirren läßt. Im August wird der Mann 63 Jahre jung, da denken andere an die Rente oder die Stabübergabe. Weize tut das auch, wie er dem "Spiegel" gegenüber betont. Doch sein eigener Nachwuchs scheint leider wenig Interesse an der Pionierarbeit für den guten Geschmack zu haben ...

 

Richard Weize braucht als Nachfolger einen Sturkopf, der sein Werk in seinem Sinne weiterführt, von ihm so lange wie irgend möglich lernen will und mit Schmackes Bear-Family-Standards erarbeitet. Es müßte ein Musikfanatiker sein, dem es auch "immer wieder mal kribbelig wird, wenn es um die Kosten einiger Projekte geht", einer mit Visionen für den zukünftigen Umgang mit der musikalischen Vergangenheit.

Genauso einen Kerl kennt übrigens meine Frau sehr gut ...


Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

Kommentare_

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Eric Danielski - 22.07.2011 : 12.19
"Mit dem Umstieg auf iPod und MP3s - und ich spreche hier nicht von illegalen Downloads - rückt nicht nur das Ende der CD und der dazugehörigen Medientempel näher, sondern die Beliebigkeit des digitalen Formats hat auch überhaupt nichts mit der Arbeitsweise von Bear Family gemein. Im Gegenteil: MP3s klingen schlecht, die Tags werden meist schlampig und für den schnellen Gebrauch geführt, sodaß sie bald auf irgendeinem großen Datenspeicher vergessen werden.Weil das aber so ist,[...]"

http://www.evolver.at/kolumnen/Bear_Family_Records_21_2008

Die Abneigung des Autors gegen digitale Dateiformate lässt sich deutlich erkennen und genau da sollte Bear Family Records ansetzen.

Mit vernünftiger Benennung der Datei und der dazugehörigen Meta-Daten kann Bear Family Records auch im digitalen Bereich Maßstäbe setzen.

Nicht umsonst existiert verlustfreie Komprimierung.

http://de.wikipedia.org/wiki/Free_Lossless_Audio_Codec

Außerdem ist Vielfalt bei den Datenformaten ebenso wichtig, wie sich an einem Beispiel zeigen lässt.

http://bandcamp.com/faq_downloading#format

Alles entscheidend ist daher die Qualität und der Einsatz freier Datenformate.

Mit freundlichen Grüßen


Eric Danielski
Manfred Prescher - 31.08.2011 : 14.24
Hallo Eric Danielski,

danke für Ihren informativen, guten Kommentar! Ich habe, muss ich aber anmerken, eigentlich nichts gegen MP3s oder AACs. Man kann durchaus klanglich etwas machen, das stimmt. Die Grenzen sind aber doch auch klar - und die liegen auch im Material. Sprich: Wenn heute die Arctic Monkeys oder Adele eine CD aufnehmen, ist die digital optimiert. Beim Material von Bear Family ist das nicht so. Außerdem ist die Aufbereitung in edlen Boxsets auch etwas für Sammler und Perfektionisten. Dicke Bücher und physische Tonträger passen außerdem perfekt zusammen. Es mag sein, dass Bear aufgrund der allgemeinen Bedingungen an neuen Konzepten arbeiten muss. Aber wie ich Richard Weize einschätze, wird es immer ein schlüssiges, edles Gesamtkonzept geben. Übrigens: Im direkten Vergleich (etwas bei Dean Martin oder Fats Domino) klingen die Bear-Aufnahmen deutlich besser als die CD-Versionen andrer Label. Vom iTunes-Store will ich da noch gar nicht reden.

Manfred Prescher

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