Print_Marcel Feige - Kalte Haut

Gehäutet in Berlin

Eine türkischstämmige Kommissarin jagt einen Serienkiller. Daß der deutsche Autor die Handlung in seiner Heimatstadt spielen läßt, verleiht dem rasanten Thriller zusätzliche Authentizität.    19.05.2012

Gnade kennt er nicht. Zuerst zertrümmert er seinen Opfern Hände und Füße, danach schält er ihnen die Haut vom Torso. In Marcel Feiges "Kalte Haut" versetzt ein Serienmörder Berlin in Angst und Schrecken. Die Vorgehensweise erinnert an den Knochenmann, einen amerikanischen Killer. Doch der sitzt in den Staaten längst in Haft und wartet auf seinen Prozeß. Wer also steckt hinter den grausamen Verbrechen?

Dr. Robert Babicz, Psychologe und Fallanalytiker, der dem FBI in den USA bei der Ergreifung des Knochenmanns geholfen hat, wird von der Berliner Polizei zu den Ermittlungen hinzugezogen. Vier Jahre lang hat Babicz in Amerika gelebt und eine Profiler-Ausbildung beim FBI absolviert, jetzt ist er nach Berlin zurückgekehrt.

Den Jetlag noch in den Knochen, arbeitet der Fallanalytiker intensiv mit Kommissarin Sera Muth zusammen.

Die Zeit drängt. Der politische Druck ist enorm. Denn beim ersten Opfer handelt es sich um Frank Lahnstein: 29 Jahre alt, DJ und der Sohn des Berliner Innensenators Dr. Lahnstein. Nur wenige Tage zuvor hatte der Senator die Abschiebung ausländischer krimineller Jugendlicher und ein Ende der "multikulturellen Verblendung" gefordert. Es hagelte Beleidigungen und Morddrohungen. Ist die Tat also politisch motiviert, oder steckt vielmehr ein perverser Nachahmungstäter dahinter?

Denn wer zieht einem 29jährigen die Haut vom Leib, filmt einen Teil der Folter, hostet das Video auf einem russischen Filesharing-Server und schickt einen Videolink per E-Mail an die Journalisten des Boulevardblatts "Berliner Kurier", um danach die junge Reporterin Tania Herzberg an den Fundort, eine verlassene Lagerhalle, zu dirigieren? Jemand, der Macht ausüben will und ein perfides Spiel treibt. Davon ist Dr. Babicz überzeugt. Denn anscheinend verfügt der Täter über Insider-Wissen und kennt das Privatleben der Ermittler genauer, als diesen lieb sein kann.

Als ein zweites prominentes, gehäutetes Opfer gefunden wird, spitzt sich die Lage zu. Die Jagd nach dem Täter wird immer fieberhafter. Doch je weiter die Ermittlungen voranschreiten, desto rätselhafter erscheint der Fall, und Dr. Babicz wird mit längst vergessen geglaubten Ereignissen aus seiner Vergangenheit konfrontiert.

 

Mit "Kalte Haut" veröffentlicht Marcel Feige jetzt seinen vierten Kriminalroman im Münchner Goldmann-Verlag und bietet seinen Lesern auf prallgefüllten 448 Seiten mehr als nur spannende Unterhaltung. Spielte in den vorherigen Büchern noch der Berliner Kommissar Paul Kalkbrenner die Hauptrolle (der in der Zwischenzeit bei einer Schießerei verletzt wurde), betritt im vierten Buch seine Kollegin Sera Muth die Bühne.

Fast 100 Seiten nimmt die Exposition der neuen Protagonistin ein, die in einer türkischen Familie aufgewachsen ist und sich sehr zum Mißfallen des Vaters für den Beruf der Polizistin entschieden hat. Auch mit traditionellen Familienbildern kann die junge Frau wenig anfangen. Während ihre Schwestern in der Rolle als Mutter und Hausfrau aufgehen, wehrt sich Sera Muth gegen die verzweifelten Verkupplungsversuche ihres Vaters und führt eine heimliche Affäre mit einem verheirateten Lokalbesitzer.

Gleichzeitig muß sie den versuchten Ehrenmord an einer türkischen Frau aufklären, die ihren Ehemann verlassen wollte. In den Mordanschlag scheint auch noch Seras Onkel involviert zu sein. In diesem Spannungsfeld aus Familie, Herkunft, Privatleben, dem Verorten der eigenen Identität und polizeilicher Ermittlungsarbeit entwickelt "Kalte Haut" überzeugende literarische Qualitäten.

Marcel Feige versteht es, fernab von Klischees eine stringente Handlung zu entwickeln, die mit ihrer Szenenvielfalt und dank der präzisen Beobachtungsgabe des Autors realistische Einblicke in die Berliner Lebenswelt einer türkischen Familie und jungen Frau ermöglicht. Selbst die immer wieder im Text auftauchenden türkischen Sätze stören nicht, sondern tragen zur Authentizität bei.

 

Als allerdings der Knochenmann auftaucht, wird Sera Muth von ihrem Ehrenmord-Fall abgezogen. Der tote Senatorensohn genießt Priorität.

Auch wenn der Übergang vom versuchten Ehrenmord-Teil des Romans zum Serienkiller-Teil noch relativ flüssig und plausibel gelingt, liegt hierin doch die Schwachstelle des Romans. Zu gerne hätte man als Leser mehr über Sera Muths anfängliche Ermittlungen erfahren. Stattdessen wird die Mordanschlag-Geschichte später gegen Buchende relativ schnell mit einer "Deus ex machina"-Lösung abgewickelt.

Eigentlich hätte Marcel Feige aus "Kalte Haut" zwei Romane entwickeln können. Daß er beide Geschichten in ein Buch packt, den Umfang dadurch vergrößert und der Serienmörder-Geschichte den Vorrang gibt, ist zwar verständlich und vermutlich teilweise auch dem Trend aktueller Kriminalromane geschuldet - ein kaltblütiger Serienkiller mit bizarrem Modus operandi ist eben en vogue und spricht vermutlich mehr Leser an -; trotzdem ist es schade. Denn gerade der versuchte Ehrenmord-Fall hätte locker das Potential zu einem eigenständigen Roman mit toller literarischer Qualität gehabt.

Trotz dieser Kritik bietet "Kalte Haut" nach dem Auftauchen des Serienmörders in Berlin natürlich auch weiterhin packende Unterhaltung. Grausame Hautabziehszenen und Schlitzerdetails hat Marcel Feige dabei nicht nötig, er gehört zu jenen Autoren, die allein mittels Geschichtenerzählens in der Lage sind, Spannung aufzubauen und beim Leser ein Gänsehautgefühl zu erzeugen.

So liest sich der komplette Roman, trotz seines satten Umfangs, durchweg spannend und ohne Längen. Dazu tragen vor allem die griffig kurzen 122 Kapitel mit einer durchschnittlichen Seitenlänge von drei bis vier Seiten bei, die die Handlung voranpeitschen und dem Buch sein hohes Tempo geben. Lediglich die gegen Ende recht inflationär auftauchenden, kursiv gesetzten Gedanken der Ermittler stören manchmal etwas, ansonsten endet der Thriller mit einem wirklich überraschenden, aber nachvollziehbaren Finale, das die komplette Wahrnehmung des Romans verändert.

 

"Kalte Haut" bietet tolle Krimi-Unterhaltung auf internationalem Niveau mit präzisen Recherchen, einem realistischen Setting und einer Handlung, in der eine Wendung die nächste jagt. Auf die weiteren Fälle der Berliner Kommissarin Sera Muth darf man gespannt sein. Wirklich lesenswert!

Frank Gundermann

Marcel Feige: Kalte Haut

ØØØØØ

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Goldmann (D 2012)

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