Print_Charlie Huston - The Killing Game

The mild bunch

Mit diesem Jugendroman der etwas härteren Gangart legt der amerikanische Pulp-Autor seine erste in sich geschlossene Geschichte vor. Let´s ride shotgun!    28.07.2009

Charlie Huston ist der Mann mit der literarischen Achterbahn. Wer zu "Killing Game", dem neuen Roman des Amerikaners, greift und zu den vier jugendlichen Freunden - dem ungleichen Brüderpaar George und Andy sowie Paul und Hector - steigt, der zuckelt erst einmal mit dem Handlungs-Achterbahnwaggon durch eine kalifornische Kleinstadt des Jahres 1983. Viel scheint nicht los zu sein. Die Freunde fahren auf ihren Fahrrädern durch die Gegend, trinken Bier, rauchen Zigaretten, versuchen möglichst cool zu sein und halten Ausschau nach Mädchen. Die sommerliche Kleinstadtlangeweile hat jedoch ein jähes Ende: Als Andys fast schrottreifes Fahrrad von Timo Arroyo - einem Mitglied der berüchtigten Gang der Gebrüder Arroyo - geklaut wird, nimmt das Buch langsam Fahrt auf.

Das Teenager-Quartett beschließt, sich kurzerhand das geklaute Bike zurückzuholen und bricht ins Haus der Bande ein. Daß die Buben dabei auf ein Drogenlabor stoßen, die Arroyos an die Polizei verpfeifen und dummerweise auch noch ein Kilogramm Stoff klauen, markiert den Wendepunkt. Während sich die erste Hälfte des Romans wie eine Steigung zur Looping-Strecke zieht - Huston schildert amerikanische 80er Jahre-Verhältnisse zwischen Kleinstadt-Tristesse und Alltagstrott und zeichnet ein überzeugendes Charakterbild der sehr unterschiedlichen Freunde - entwickelt sich der zweite Teil zum gewohnten Hustonschen Höllenritt, der vor allem Fans des Autors überzeugen dürfte. In einer atemlosen Handlung läßt er die Jugendlichen auf die mittlerweile auf Kaution entlassenen Arroyos treffen. Und auch der Versuch, den Stoff an einen Dealer zu verscherbeln, bringt den Jungs jede Menge Ärger. So kulminiert die Geschichte mit ihrem Dialogszenen-Stakkato und teils herausragenden Cliffhangern in einem Showdown, der wohl auch Sam Peckinpah echte Freude bereitet haben dürfte.

Wer allerdings den direkten Vergleich zur Hank-Thompson-Trilogie zieht und ähnliche Erwartungen an "Killing Game" hegt, dürfte enttäuscht werden. Zwar präsentiert Huston in seiner Mischung aus Hardboiled-Jugendroman und ansatzweiser Gesellschaftskritik eine im großen und ganzen stimmige Handlung, die durchaus ihre raffiniert angelegten Stränge und etliche Überraschungsmomente hat, doch leider geraten dabei die Charakterzeichnungen bei den Arroyos und dem abgehalfterten Dealer Geezer im Vergleich zu den vier Freunden doch etwas blaß. Nichtsdestotrotz ist Huston mit seinem ersten abgeschlossenen Einzelroman eine spannende Geschichte geglückt, die seine Fans begeistern dürfte. Lesenswert!

Frank Gundermann

Charlie Huston - The Killing Game

ØØØ 1/2

(The Shotgun Rule)

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Heyne (D 2008)

(im Original mittlerweile auch als TB erhältlich bei Ballantine)

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Schreiben ohne Landkarte

(Photo © Sabine Braun)


Warum sich der Verfasser der "Prügelknaben"-Trilogie und Joe-Pitt-Erfinder nicht als Hardboiled-, sondern als Pulp-Autor sieht - und worin die Vorteile von Abgabeterminen für das Geschichtenerzählen liegen. Frank Gundermann fühlte dem Amerikaner auf den Zahn.

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