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Literatur_r.evolver - The Nazi Island Mystery

Schlampen, Schleim und Stöckelschuhe

Finanzkrise, EU-Narren und allgemeiner Weltschmerz: Gründe genug, sich sofort das Leben zu nehmen, ja. Springen Sie aber nicht aus dem Fenster, bevor Sie diese Rezension gelesen haben. Das Thriller-Debüt des Romanciers, der aus der Hölle kam, wird Sie nämlich versöhnen - mit allem.    07.06.2010

Viele "Autoren" verbringen Jahre damit, über ihre ungeschriebenen Werke zu reden, statt sie zu schreiben. Sie lassen jedem gutmütigen Zuhörer in Schallreichweite die eiernde C60-Kassette ihrer Schreibblockade ins wehrlose Tape-Deck schnappen. Und irgendwann sterben sie - glücklicherweise meist, ohne die Welt mit einer schriftlichen Hinterlassenschaft beschmutzt zu haben. Der Rezensent liebt solche Werke, weil er sie mangels Existenz nicht besprechen muß.

 

Anders verhält es sich bei "The Nazi Island Mystery" des hier besprochenen "r.evolver". Es ist ein Buch, das geschrieben ist wie ein Vulkanausbruch: Der Sage nach wollte der damals noch junge Autor (und Musiker (und Filmemacher)) einem seiner schriftstellerischen Idole nacheifern und im absichtlich herbeigeführten Suff binnen kürzester Zeit einen Pulp-Roman herunterreißen. Zu diesem Zwecke schloß er sich in ein Hotelzimmer ein, das zuvor eine Rockband in desolatem Zustand hinterlassen hatte und das die Hotelleitung daher einige Tage lüften lassen wollte - mit offener Tür. Hier, umgeben von liegengebliebener Groupie-Unterwäsche, nicht vollständig konsumierten Alkoholika und dem Geist des Rock´n´Roll, bot der Autor mit Papier, Bleistift und zahlreichen Minibar-Fläschchen Absinth gewappnet dem sinnlos vor sich hin expandierenden Universum die Stirn, um ihm im titanischen Zweikampf ein Werk von Bedeutung abzuringen.

61 Stunden und 17 Minuten schrieb "r.evolver" ununterbrochen, so vermutet man heute. In dieser fiebernden Ekstase gebar er, was geheime Archive als die Urfassung von "The Nazi Island Mystery" betrachten. Völlig erschöpft lag er in seinem nicht mehr ganz frisch Erbrochenen, als die Putzkolonne eintraf, um die Reste der Rockband-Rückstande zu entfernen. Die dreckigen Lumpen fegten ihn aus dem Zimmer, und das, obwohl er es ohne monetäre Gegenleistung auch von Drogenresten gereinigt hatte. Trotz schwersten Schreib-Burnouts und gepeinigt von verschiedensten Flashbacks, ergriff der geistesgegenwärtige Autor die Seiten seines Manuskripts und floh taumelnd in eine Bahnhofsmission, wo er zum ersten Mal mit nüchternen Sinnen die Geschichte der schönen und klugen, mit ihrer Figur nicht immer glücklichen, schwer sex-, fummel- und drogensüchtigen MI6-Agentin Kay Blanchard las und darüber so sehr weinte, daß die Schwestern der Mission noch eifriger als sonst für sein Seelenheil beteten, nicht ahnend, daß sein blasphemisches Werk später gereizte Tumulte gewisser Exorzistenkreise des Vatikan provozieren würde.

 

Worum geht es in der dystopischen Groteske "The Nazi Island Mystery"? In der Vorgeschichte wurde der MI6-Agent Dr. Braven Dreyer bei den Nazis eingeschleust, um für die Krone ein neues Agentennetz aufzubauen - doch ein Kopfschuß vom Kaliber .45 beendete seine Mission außerplanmäßig. Immerhin konnte der gelernte Biochemiker vor seiner grauenvollen Hinrichtung noch eine letzte chiffrierte Meldung an den britischen Geheimdienst MI6 absetzen: "Victoria geht es schlecht."

Was hat es damit auf sich? fragt sich mit dem Leser der MI6 und schickt eine Agentin nach Wien. Doch was für ein Wien! Die Nazis sind in der Moderne angekommen, die gute alte Republik Österreich gibt es bei "r.evolver" nicht mehr; stattdessen hat sich das Vierte Reich unter Umgehung von Moskauer Deklaration und D-Day direkt zur Nationalsozialistischen Europäischen Konförderation weiterentwickelt – angesichts bevormundender EU-Verordnungen ein realitätsnahes Szenario, das der Schriftsteller mit einer kalten Beiläufigkeit einführt, als habe er dort neulich mit Fidel ein paar Cubanos geshoppt. Im Subtext etabliert der Autor hier nebenbei eine profunde Kritik unserer politischen Identität, an deren Analyse die Wissenschaft noch jahrelang kauen wird.

MI6-Operative Kay Blanchard, notorisch oversexed & underfucked, hofft, sich auf Spesen neu einzukleiden zu können. Doch allzu schnell überschlagen sich die Ereignisse, und es bleibt nur Zeit für ein, zwei gekaufte Lover, nicht jedoch für eine solide Legende. Notdürftig getarnt als wissenschaftliche Mitarbeiterin, folgt Kay den Spuren Dreyers. Die führen zunächst in den Riefenstahl-Tower von Wien und - nach diversen verschwitzten Konfrontationen mit wahlweise tödlichem oder orgasmischem Ausgang - schließlich nach Triest und von dort zur namensgebenden Insel. Hier, auf dem Fantasy-Island der Reichsführung, arbeiten Nazi-Wissenschaftler unter der Leitung der sadomasochistischen NS-Schnickse Inge Stein an der unheiligen Wiedergeburt alter und dunkler Mächte. Mehr soll nicht verraten werden, außer, daß Kay - stets in Gefahr, aufzufliegen - sogar den Führer rettet, weil nicht mal Er den grausam blubbernden Tod verdient hat, der hier wegen Repressionen der Zensurbehörden nur mit drei Punkten angedeutet werden kann ... Möglicherweise tat sie es aber auch nur aus Schussligkeit.

 

Natürlich fand sich kein Verlag, um dieses visionierte Werk der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zu heiß war das Eisen, das "r.evolver" hier geschmiedet hatte, zu groß der Widerstand, der dem Autor aus etablierten politischen und kulturellen Kreisen ebenso wie aus zahlreichen verschworenen Geheimzirkeln des Untergrunds entgegenschlug. Die Welt würde beben wie seit dem 9/11 nicht mehr, hieß es aus berufenen Schlündern, erschiene dieses Buch ungeschwärzt. Zahlreiche Unschuldige starben - aus natürlichen Ursachen, wie die Mainstream-Presse kolportierte? Oder doch eher, wie man in der gehobenen Rezensenten-Szene munkelt, weil sie einen kurzen Blick auf das Manuskript erhascht hatten? Man weiß es nicht, und keiner mag darüber reden ...

Schließlich lag alle Hoffnung auf dem EVOLVER als letzter denkbarer europäischer Instanz für die Belange der Popkultur. Und das Wiener Netzmagazin kam seiner publizistischen Pflicht nach: Es veröffentlichte das WERK vorsichtig dosiert, um den Leser nur ja nicht mit der omnisphären Wucht des Originaltextes zu erschlagen, aufgeteilt in kleinere Häppchen, um den komplexen Stoff mit all seinen Personen - Nazis, Busineß-Fotzen, Sammy Davis, Jr., Werwölfe, um nur einige zu nennen - und all den glamourösen Schauplätzen zwischen öffentlichen Toiletten und schmierigen Hotelzimmern sowie seinen möbiusartig ineinander verschlungenen Handlungssträngen für sterbliche Personen überhaupt konsumierbar zu machen.

Diese Rücksicht nimmt das Buch nicht mehr. Auf 120 Seiten jagt ein Kapitel von "The Nazi Island Mystery" unerbittlich das andere, die Handlung oszilliert leidenschaftlich zwischen bizarrer Near-Future-Science-Fiction, erschreckend aktuellem Parallelwelten-Politthriller und gedoptem Slipstream-Trip und stemmt sich vom Vorspiel an mit pumpenden Hüften ihrer dramaturgischen Klimax entgegen. Witzig und charmant, ohne fade parodieren oder ironisieren zu wollen, blutig, ohne sich in tarantinoesker Verkunstung zu verlieren, mit kraftvollen Dialogen, die den Leser an der Gurgel packen und durch das tückisch verminte Handlungsgeflecht zerren, das schließlich im dionysisch-apollinischen Höhepunkt einer Nazi-Mega-Propagandaparty kollabiert, auf der "r.evolver" Handlungs-, Personen- und Leser-Trümmer aus den rauchenden Restruinen unserer Realität blastet.

 

Von diesem Autor ist noch einiges zu erwarten. Sein genialisches Debüt ist ein must read für alle Liebhaber exzentrischer Spannungsliteratur, mithin das literarische Equivalent zu einer Supernova, die ausgesprochen viel Spaß hat an der Vernichtung hochstehender Zivilisationen. Kurz: Für solche Romane hat Gott uns das Papier geschenkt. Auf eine Fortsetzung darf gehofft werden; die Schwestern der Bahnhofsmission beten bereits dafür - und nach dem Lesen tun Sie es auch.

Andreas Winterer

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The Nazi Island Mystery

ØØØØØ

Leserbewertung: (bewerten)

Lassen Sie sich nicht in die Irre führen: "The Nazi Island Mystery" ist kein "Trash" - dazu ist es viel zu professionell geschrieben. Es ist eigentlich auch kein "Pulp", denn dafür sind Papier und Satz viel zu gut. Es ist noch nicht mal Trivial- oder Schundliteratur.

 

Es ist einfach nur einzigartig. Und verdammt gut zu lesen.

 

Der Rezensent (das bin ich) hat sich sehr schwer getan, obige Rezension zu verfassen. Denn ich gehöre ja zum EVOLVER-Team, kann also irgendwie nicht neutral sein, oder? Und doch: Ich schwöre hiermit feierlich bei meiner Ehe: Ich bin es. Ich revanchiere mich hiermit auch nicht für r.evolvers großartige Besprechung meines eigenen Schundwerks.

 

Also, das müssen Sie mir einfach glauben. (Wenn nicht, ist es mir auch wurst. Hauptsache, Sie lesen das Buch.)

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