Stories_The Prisoner/Part I

Mehr als eine Nummer ...

Der EVOLVER freut sich, eine neue Kooperation bekanntgeben zu dürfen - diesmal mit der tradtionsreichen Comic-Fachzeitschrift DIE SPRECHBLASE, die sich auf ihren Seiten nicht nur der allseits beliebten Bildergeschichten, sondern auch anderer Popkultur-Themen annimmt. SPRECHBLASE-Chefredakteur Gerhard Förster setzt sich in unserer Premiere mit einer der wichtigsten "Kultserien" aller Zeiten auseinander.    20.02.2015

 

Worum es geht?

 

Die ungewöhnliche TV-Serie "Nummer 6", im englischen Original "The Prisoner" genannt, handelt von einem britischen Geheimagenten (Patrick McGoohan), der offenbar etwas sehr Empörendes herausgefunden hat. Jedenfalls sieht er sich veranlaßt, seinem Vorgesetzten wütend gegenüberzutreten und seinen Job hinzuwerfen. Als er überstürzt einen Koffer packt, strömt Betäubungsgas durch das Schlüsselloch der Wohnungstür.

 

 

Er wacht an einem scheinbar sehr idyllischen Ort auf, der im Original "The Village" genannt wird (in der deutschen Fassung hieß er nicht etwa "Das Dorf", sondern wurde umschrieben mit "bei uns" oder "in unserer Gemeinschaft"), Die Bewohner sind überaus freundlich und wirken so, als ob sie permanent auf Urlaub wären. Man sieht lieblich angelegte Gärten und verspielte Häuser, die Türmchen, Säulen und allerlei Zierat aufweisen. Merkwürdig ist allerdings, daß die Bürger nicht mit Namen, sondern mit Nummern bezeichnet werden. Der Protagonist erfährt, daß er Nummer 6 ist.

Langsam realisiert Nummer 6, daß er sich in einem Miniatur-Überwachungsstaat befindet, in dem eine unbekannte Macht Geheimnisträger entführt, um ihnen ihr als wertvoll erachtetes Wissen zu entlocken. Alle ordnen sich letztlich der scheinbaren Idylle unter - alle bis auf einen: Nummer 6. Er weigert sich zu kooperieren, und versucht immer wieder, dem "Village" zu entkommen. Fluchtversuche werden in der Regel von einem aus dem nahegelegenen Meer steigenden, schwebenden weißen Ball - im Original "Rover" genannt - verhindert, der die Flüchtlinge, wenn er sie eingeholt hat, niederdrückt, bis sie - je nach Bedarf - bewußtlos oder tot sind. Doch wo ist der "Big Brother", der die Fäden zieht? Sichtbar ist nur eine wechselnde Nummer, die das "Village" von einer futuristischen Kommandozentrale aus regiert, in Wahrheit jedoch ein armer Tropf ist. Nahezu jede Nummer scheitert an der Aufgabe, Nummer 6 dazu zu bringen, zu verraten, weshalb er seinen Agenten-Job gekündigt hat.

 Einprägsame Elemente sind der Gruß der Bewohner dieser Kunstwelt: "Wir sehen uns" (im Original "Be seeing you") mit der dazugehörenden Handbewegung, und das Hochrad, das als Serienlogo dient und im "Village" vor allem als Abzeichen zu sehen ist.

 

Wer ist Patrick McGoohan?

 

Da die Serie stark vom Charakter des Hauptdarstellers und Co-creators geprägt ist, wollen wir uns zunächst mit ihm beschäftigen. So wie McGoohans Held gegen Normierungen kämpfte, tat er es auch in seinem Leben. Doch kommen die Beschränkungen wirklich von außen? Das ist eine Frage, die sich McGoohan gestellt hatte, auch in durchaus selbstkritischer Weise. Ist der Prisoner letztlich sein eigener Gefängniswärter? Steht der Mensch sich generell selbst im Wege? McGoohan wurde oft Opfer seines cholerischen Temperaments, seiner starken Stimmungsschwankungen, auch seiner Kontrollwut und Egomanie. Er sprach viel von Freiheit, doch schon allein seine konservativen Überzeugungen, die durch eine strenge katholische Erziehung geprägt wurden, ließen ihm wenig Spielraum (er sperrte sich z. B. gegen die "Pille", die er für "gefährlicher als die Atombombe" gehalten haben soll).

McGoohan wurde 1928 in New York geboren. Nach dem Willen seiner Mutter sollte er Priester werden, verweigerte dies jedoch im letzten Moment, wohl in Folge seiner erwachenden Sexualität. Stattdessen jobbte er als Hühnerfarmer, Bankangestellter und Lastwagenfahrer, bis er eine Anstellung als Bühnenmanager bekam. Als er für einen erkrankten Darsteller einsprang, fand er den aufregenden Beruf, den er gesucht hatte. Als Theaterschauspieler war er bald sehr gefragt. Sogar Orson Welles verpflichtete ihn. Auch für Schurkenrollen in B-Movies wurde er engagiert, doch nach kurzer Zeit kündigte er den Vertrag - die Qualität der Filme war ihm zu schlecht. Als ihn der britische TV-Produzent Lew Grade ("Simon Templar", "Der Mann mit dem Koffer", "Jason King", "Die Zwei", "Ufo") 1962 für die TV-Serie "Geheimauftrag für John Drake" (im Original "Dangerman") engagierte, kam seine Karriere in Schwung.

 

 

Mein Name ist Drake, John Drake

 

Doch streichelweich war der junge Mann auch hier nicht. Er stellte Bedingungen: Alle Faustkämpfe sollten sich voneinander unterscheiden, und Drake sollte sich primär seines Gehirns bedienen und nur in Ausnahmen zur Waffe greifen. Dagegen hatten die Produzenten nicht viel einzuwenden, entsetzt waren sie allerdings, daß er jegliche Intimität zwischen den Geschlechtern verweigerte. Ein Agent ohne Weibergeschichten? Nichtsdestotrotz bekam er einen Vertrag, und "John Drake" erwies sich als großer Erfolg. Doch nach der ersten Staffel kehrte McGoohan der Serie den Rücken, um in Kinofilmen zu spielen, darunter einigen Billigstreifen von Disney (u. a. "Dr. Syn, das Narbengesicht") und bemerkenswerterweise einer TV-Produktion mit dem Titel "The Prisoner", in der McGoohan einen für Verhöre zuständigen Offizier eines totalitären Staates spielte, der einen Kardinal dazu bringen will, öffentlich seinem Glauben abzuschwören.

Erst als man McGoohan eine Wochengage von 2000 Pfund bot, die ihn zum höchstbezahlten Darsteller des britischen Fernsehens machte, ließ er sich breitschlagen, neue Episoden von "John Drake" zu drehen. Seine weiteren Bedingungen: Ausdehnung der Spieldauer von 25 auf 50 Minuten und bessere Drehbücher. Die ab 1964 ausgestrahlten neuen Folgen waren ungemein populär, doch nach nur ungefähr einem Jahr kündigte McGoohan erneut, diesmal für immer. Vielleicht ist es mehr als Zufall, daß "Nummer 6" mit einer Szene beginnt, die einen Geheimagenten bei seiner energischen Kündigung zeigt.

Der schwierige McGoohan hatte 1961 auch die Rolle des James Bond in "Dr. No" angeboten bekommen. Er lehnte ab, da sie ihm zu gewalttätig und sexuell freizügig erschien. Man könnte annehmen, daß er angesichts des riesigen Erfolgs die verpaßte Chance später bereute - doch nein, 1968, als Sean Connery nicht mehr wollte, bot man ihm die Rolle wieder an, und McGoohan verweigerte erneut (George Lazenby spielte dann Bond). Angeblich soll die Vorstellungsfloskel "Mein Name ist Bond, James Bond" aus der "John Drake"-Serie übernommen worden sein, da sich Drake am Beginn der Folgen ebenfalls in dieser Diktion einführt, doch es dürfte umgekehrt gewesen sein, da die Drake-Serie erst ab 1962 lief und die Floskel bereits in den Büchern von Ian Fleming vorkommt.

McGoohan hat es übrigens auch abgelehnt, Simon Templar darzustellen (zugunsten von Roger Moore) - dies allerdings, weil Templars Auto nicht mit der Romanvorlage harmonierte, die er als Jugendlicher gelesen hatte. Er meinte, wenn so ein wichtiges Detail schon nicht stimmt, dann sicher auch nicht der Rest des Konzepts. Der Schauspieler schlug Filmangebote aus, die wohl kaum jemand anderer abgelehnt hätte, und schwamm sehr oft gegen den Strom. Er mag ein Exzentriker gewesen sein, aber das ist schon beeindruckend ...

 

 

Zur Fortsetzung ...

Gerhard Förster

Nummer 6

(The Prisoner)

Leserbewertung: (bewerten)

Koch Media (GB 1967)

DVD Region 2

892 Min. + Zusatzmaterial, dt. Fassung oder engl. OF

Regie: Patrick McGoohan u. a.

Darsteller: Patrick McGohaan, Guy Doleman, Leo McKern u. a.

 

Photos: ITV Studios/Koch Media GmbH

Links:

Die Sprechblase


Dieser Artikel ist der Zeitschrift DIE SPRECHBLASE Nr. 229 entnommen. Weitere Informationen zu dieser wunderbaren Fachpublikation finden Sie auf der SPRECHBLASE-Website, wo Sie das Heft auch gleich abonnieren und/oder ältere Ausgaben bestellen können. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Stories
Sandokan/Part 3

Farewell, Sandokan ...

Im dritten und letzten Teil seiner Aufarbeitung des Sandokan-Phänomens widmet sich SPRECHBLASE-Chefredakteur Gerhard Förster weiteren "Sandokan"-Sequels und Spin-offs, anderen Filmen mit Kabir Bedi und den Comic-Inkarnationen des wilden Malaien.  

Stories
Sandokan/Part 2

Auf den Spuren Sandokans

Bevor es mit den Sandokan-Filmen weitergeht, setzt sich SPRECHBLASE-Chefredakteur Gerhard Förster mit Emilio Salgari, dem Autor der Romanvorlagen, und der historischen Figur auseinander. Wohl bekomm´s!  

Stories
Sandokan/Part 1

Gepriesen sei Sandokan!

Wer erinnert sich nicht an den wilden malaiischen Piraten mit den (geschminkten) Glutaugen? Sandokan stand für Abenteuer und Exotik wie kein zweiter zu seiner Zeit. SPRECHBLASE-Chefredakteur Gerhard Förster versucht zu klären, was die Miniserie so unvergeßlich macht.  

Stories
The Prisoner/PS

Von Nummern und Menschen

Im vierten und letzten Teil unserer "The Prisoner"-Serie berichtet SPRECHBLASE-Mastermind Gerhard Förster über die innige Feindschaft zwischen den Schöpfern von "Nummer 6". Wir übergeben das Wort an George Markstein und Patrick McGoohan.  

Stories
The Prisoner/Part III

Der neue Heiland

Unsere erste Kooperation mit der hochgeschätzten Zeitschrift DIE SPRECHBLASE - über Comics und artverwandte Themen der Popkultur - zahlt sich gleich richtig aus. Im dritten Teil seines ausführlichen Artikels über die Serie "Nummer 6" geht Gerhard Förster unter anderem auf das Remake mit Jim "Jesus" Caviezel ein.  

Stories
The Prisoner/Part II

Kopfweh in Portmeirion

Die Kooperation zwischen EVOLVER und DIE SPRECHBLASE geht weiter - mit dem zweiten Teil von Gerhard Försters Artikel über die legendäre Fernsehserie "The Prisoner" alias "Nummer 6". Diesmal geht es um geheimnisvolle Orte in England, die Männer im Hintergrund und immer noch um einen äußerst exzentrischen Schauspieler.