Texte_Peter Stöger

Das Monokel des Polyphem - Notizen (1)

Sein literarisches Opus magnum blieb unvollendet. Der EVOLVER präsentiert nun die betreffenden Studien des 1997 verstorbenen Künstlers. Seien Sie gewarnt: Eine Sprache, die "herrschende Textgewohnheiten ignoriert und unter Verwendung pseudoklassischer Formen individuelle, skurrile und anarchische Inhalte" vermittelt, ist nicht jedermanns Sache.
Halten Sie Ihren Homer griffbereit und "den Sphinkter im Zaum"!    20.05.2011

In den Jahren 1982 bis 1987 veröffentlichte Peter Stöger sechs schmale Bände mit Vorarbeiten zum "Monokel des Polyphem"; eine ausführliche Introduktion zum Thema finden Sie hier.

Wir bringen dieses brillante Textkonvolut, exklusiv und erstmals im Internet, als fortgesetzte Serie in lesefreundlichen Abschnitten - und zwar als Faksimile, da Typographie (und stellenweise Graphik) eine seitens des Autors gewählte Einheit bilden. Im Anschluß finden Sie jeweils nähere Erläuterungen.

 

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Exegese ist eine heikle Sache: Zu leicht interpretiert man Unsinn, oder erklärt im anderen Falle den Text zu Tode. Wir wagen uns hier trotzdem auf dieses dünne Eis (ein paar Schritte weit, zumindest); um zu zeigen, daß das scheinbar sinnfreie Wortfeuerwerk an jeder Stelle einer wohlüberlegten Choreographie folgt - selbst wenn es vereinzelt nur auf humanistische Kalauer hinauslaufen mag.

Immerhin kann man hier und heute umstandslos via Suchmaschine nachschlagen (vor 30 Jahren, als der Text entstand, waren Autoren und Leser noch auf ihr eigenes Hirn angewiesen oder mußten zumindest Bibliotheken aufsuchen). Wir beschränken uns daher auf Hinweise, die Ihnen die Suche erleichtern, sowie auf Anmerkungen des Verfassers selbst.
Denn schon die Gefährtin des Künstlers saß manchen Passagen ratlos gegenüber, und deshalb fragte sie nach. Daraus entwickelte sich später eine regelmäßige Korrespondenz; teils (hand-)schriftlich, teils über Tonbandaufzeichnungen. Die Zitate aus ihren Abschriften finden Sie im Folgenden kursiv gedruckt.
(Anmerkungen: Es handelt sich um eine Auswahl privater Zeilen und Aufnahmen, die nicht zur Veröffentlichung verfaßt worden waren, was die streckenweise eigenwillige Diktion erklärt. Und: So auskunftsfreudig zeigte sich der Autor nur hier, zu Beginn.)

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" ... würde größerer Erklärungen bedürfen? Das glaub' ich nicht ganz ... die, für die ich schreib' - und ich schreib' für 'Insider', weil die anderen interessieren mich nicht -, die wissen das ... "

" ... ein Verständnis, das durch die abendländische Kultur gegeben ist. Wenn z.B. jemand sagt 'Ich freue mich, mit dem alten Herrn zu sprechen', da weiß doch jeder: damit ist Goethe gemeint, Mephisto ... "

" ... es ist mir nicht möglich, mich an eine anonyme Allgemeinheit zu wenden, sondern natürlich nur an Leut', die sich ein bißl auskennen - aber von denen gibt's (hoff' ich zumindest) doch noch ein paar mehr ... "

 " ... die ersten Seiten sind faktisch nur so eine Art Einführung in verschiedene Stilmethoden: Da wird zuerst in einer 'Anrufung' auf das Folgende Bezug genommen, und zwar fängt der nun da an, daherzuschwafeln - ich werd euch ein Lichtlein aufstecken, mein Lieber, und da werd'ts sehen - und so fort , eine Art Bauchrednerei, ein bramarbasieren à la Biertischrede. Am Ende gelangt er dann in den homerischen Duktus ... "
 
" ... keinen Reim (darauf) machen? Naja, zum Teil ist's auch Absicht (die hinterlistige) und bewußt apokryphes Orakeln (das unverständliche), was ich als - sagen wir halt: Stilmittel - gemißbrauche.
Offenbar redet da einer einen (oder mehrere) an, droht (ihnen), versichert, warnt, etc. (es ist - erst - 1 Teil einer längeren Suada, in deren Verlauf eine Art 'poetischer Grundsatzerklärung' abgegeben werden soll) - ein bißl 'Aufkläricht' kann ich aber liefern.
Also: das 'innere Auge' trägt (weil Singular) selbstverständlich zwecks Sichterweitern ('Seherfähigkeiten') 1 Monokel - durch dieses ist aber leider nicht das Paradies zu sehen, sondern die (seit der Vertreibung daraus) von IHM vorgestellten Erzengel mit den kreisenden Flammenschwertern (siehe Bibel, 1. Buch Moses), d.h. also die 'Parkwächter': ein Schauspiel, das unsere Reue (über die Erbsünde) erwecken soll (ein variiertes Zitat, denn im Faust II heißt's: 'verzeiht das Flammengaukelspiel').
Dann folgt, auf diese Frustration, das Gebet (ora pro nobis, nochmals variiert als Morgenröte - aurora -, die hier als Leitlicht - Stern von Bethlehem - 'aufgesteckt' wird, ergo: 'euch soll 1 Licht aufgehen!').
Dann wird ein bildhaftes Gleichnis angekündigt, 'an dem kein Spatz picken wird' - 'beim Zeuxis'. Also im Gegensatz zu dem berühmten Bild des Zeuxis - der angeblich Weintrauben so täuschend 'echt' malte, daß die Vögel irrtümlich daran pickten - wird das Gleichnis des Erzählers keineswegs täuschend echt sein, im Gegenteil: von solcher Art, daß sogar die Aasfliegen 'voll Entsetzen' die Flucht ergreifen werden (keine geringe Drohung!).
Als 'Bart der Aphrodite' pflegten respektlose Symposiarchen das zu bezeichnen, was man als Geograph z.B. 'Venushügel' nennt.
Der 'Zug von Millionen' ist Zitat eines bekannten Liedes der proletarischen Revolution (à la we shall overcome); und deshalb sind 'wir alle' dabei, inklusive unserer Symbole (Klapperstorch, etc).
Dieses Bild empfindet der Erzählende quasi als Vision, er wird, wie er sagt, zum Visionär durch Selbstanschauung ('Autopsie'), vorausgesetzt, man gibt ihm was zu trinken (da mihi potum). Ebendas bringt ihn dann auf den Gedanken an Leute, die sich beim Stürzen das Genick brachen, was einem Trunkenen ja auch passieren kann (beide Beispiele aus Ilias + Odyssee); er schließt also mit 1 Warnung und vergißt auch nicht, zu empfehlen, sich nicht in die Hosen zu machen ob all dieser Gefahren ... "

" ... Im Talmud (um nicht immer nur die Bibel oder die antike Mythologie zu bemühen) gilt der stilistische + aussagemäßige Grundsatz von Kasche + Teruz, d.h.: von Frage und Antwort, bzw. Problemstellung + Synthese, etc. In meinem Textfragment werden diese Dinge (in parodierend jiddischer Wortstellung) als Variante zu Shakespeare (to be or not to be) und zum Gemeinplatz (da liegt der Hund begraben) verwendet (verschrieben) - und daraus die 'Lehre' gezogen, daß solches dem Dummen (mit pflegeleichter Seele, etc.) nichts nützt ... "

" ... die G'schichte mit Dostojewskijs Knie ist ein Spaß. Es gibt ein berühmtes Bild von Max Ernst, das heißt 'Au rendez-vous des amis', also das Rendezvous der Freunde, und da sitzt er tatsächlich auf den Knien Dostojewskijs ... Raffael im Rücken usw.
Und das gehört dann natürlich auch gleich zu dem nächsten Textstück da mit dem ausgeschlagenen Auge. Das steht am Anfang, logisch, weil es sich auf den Polyphem - Einäugigkeit - bezieht; der Victor wird ja dann auch so tituliert. Der Vorgang ist historisch ... fand im Jahr 1938 statt, und auch die Namen stimmen: 'Victor' ist Victor Brauner, 'Stefan' ist Esteban Frances, und der, der das geworfen hat, war Oscar Dominguez ... eine Sauferei und Streiterei unter Surrealisten. Tatsächlich hat der Brauner schon Jahre vorher Selbstporträts gemalt, wo das eine Auge fehlte - oder verdeckt war, o.ä. - das stimmt alles, auch die Weiterung: daß er dann geglaubt hat, also an solche spiritistischen Angelegenheiten ... "


Hier noch ein paar Hinweise unsererseits:

echion: gemeint ist der Sohn des Portheus - siehe Trojanischer Krieg
epeios: gemeint ist der Erbauer des Trojanischen Pferdes

cavete amici: aphoristische Variation zu "cave canem"
thauende ros: vermutlich eine Anspielung auf Musaios' "Hero und Leander"
odenschmied: gemeint ist anscheinend Klopstock
nürnberger: siehe Christian Friedrich Nürnberger

leuchtgas: vermutlich eine Anspielung auf Marcel Duchamps

                 "Etant donnés: 1° la chute d’eau / 2° le gaz d’éclairage"

Soweit zu den ersten zwei Seiten (von insgesamt mehr als zweihundert). Nächste Woche geht es weiter. Für heute zum Abschluß noch ein letztes Zitat des Autors:


"Ja, die Grausbirnen werden ihnen aufsteigen - ich hoff's - und es g'schieht ihnen recht."


EVOLVER-Redaktion

Peter Stöger


1939 - 1997

Links:

Peter Stöger: das monokel des polyphem - notizen

Band 1


Vergriffen.

Im Sammelband herausgegeben von Helga Schicktanz bei:
Österreichischer Kunst- und Kulturverlag (Ö 2007)
ISBN 9783854372974

Peter Stöger: peregrinus - eine introduktion

Hrsg.: Helga Schicktanz


Österreichischer Kunst- und Kulturverlag (Ö 1998)

Links:

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