Stories_Peter Stöger

Das Monokel des Polyphem - Notizen (15)

Sein literarisches Opus magnum blieb unvollendet. Der EVOLVER präsentiert nun die betreffenden Studien des 1997 verstorbenen Künstlers. Seien Sie gewarnt: Eine Sprache, die "herrschende Textgewohnheiten ignoriert und unter Verwendung pseudoklassischer Formen individuelle, skurrile und anarchische Inhalte" vermittelt, ist nicht jedermanns Sache.
Halten Sie Ihren Homer griffbereit und "den Sphinkter im Zaum"!    26.08.2011

In den Jahren 1982 bis 1987 veröffentlichte Peter Stöger sechs schmale Bände mit Vorarbeiten zum "Monokel des Polyphem"; eine ausführliche Introduktion zum Thema finden Sie hier.

Wir bringen dieses brillante Textkonvolut, exklusiv und erstmals im Internet, als fortgesetzte Serie in lesefreundlichen Abschnitten - und zwar als Faksimile, da Typographie (und stellenweise Graphik) eine seitens des Autors gewählte Einheit bilden. Im Anschluß finden Sie jeweils nähere Erläuterungen.

 

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Daß Exegese eine heikle Sache ist, haben wir bereits in der ersten Folge erörtert.

Immerhin lassen sich hier und heute Stellen, die man nicht versteht, umstandslos nachschlagen. Wir beschränken uns daher auf Hinweise, die Ihnen die Suche erleichtern, sowie auf Anmerkungen des Verfassers selbst.
Denn schon die Gefährtin des Künstlers saß manchen Passagen ratlos gegenüber, und deshalb fragte sie nach. Daraus entwickelte sich später eine regelmäßige Korrespondenz; teils (hand-)schriftlich, teils über Tonbandaufzeichnungen. (Die Zitate aus ihren Abschriften im Folgenden kursiv.)

 

 

" ... Vor allem gibt es in Mitteleuropa jede Menge Haikudichter - und ich find' das nicht gut.
... Da scheint irgendwo einer zu sitzen, der dieser Sache mächtig ist. Das ist wohl kein Japaner, weil ... es wird ja g'sagt, daß seine Schuhe niemals Kyotos Gärten durchstreunt hätten - aber die Schuachbandel ... Die Katakana ist die japanische Einfachschrift und besteht hauptsächlich aus Schlingen ... "

" ... Das andere ist das mit der Mongolenfalte vom umhaarten Bauch ... der umhaarte Nabel eine Paraphrase ist zum sogenannten, oft zitierten umbrauten Auge. Das ... kommt bei den Japanern ständig vor ... wie in der deutschen Lyrik der silbern schimmernde Mond."

" ... kara te heißt, wörtlich übersetzt, leere Hand. Der Mönch hat a leere Hand ... is klar, weil er ja ka Geld hat. Andererseits hat er a leere Hand, weil er auch ka Frau hat, und mit der leeren Hand befriedigt er sich selbst - und wehrt auch durch Karate, weil damit haut er ja den anderen nieder, usw. ... "

" ... in hoc signo vinces ... Das hat angeblich dem Kaiser Konstantin - der das Christentum als Staatsreligion pflichtgemäß einführte und im Zuge dieser Aktion auch sämtliche Akademien in Athen, Saloniki etc. geschlossen hat - ... das hat dem im Traum, angeblich, ein Engel prophezeit. Der hat ihm ein Kreuz gezeigt und g'sagt ... unter diesem Zeichen wirst Du siegen.
Das Zeichen hat er daraufhin den Kriegern aufs Schild malen lassen. Die hatten nämlich vorher ein Sonnenrad drauf, ein X. Er hat noch ein' Strich hinzugefügt, damit war also ein X und ein Kreuz zu sehen, und hat das dann, mit einem kleinen Hakerl noch dazu, so gedeutet: das X wäre ein chi und der senkrechte Strich mit dem Hakerl dazu ein rho ... hieße dann natürlich chr ... also Chrestos, der Gesalbte ... "

karate: Man darf davon ausgehen, daß dem Autor die Bedeutung der "leeren Hand" (gemäß der späteren japanische Interpretation) als Synonym für Waffenlosigkeit bekannt war.

lynkeus: Hier ist wohl nicht der Sohn des Aigyptos gemeint, sondern jener des Aphareus und der Arene, von dem es heißt, er hätte so scharfe Augen gehabt, daß er durch Mauern blicken und ins Erdinnere schauen konnte.


 

Womit wir am Ende des ersten Textauszuges angelangt wären. Nächste Woche geht es hier weiter, mit dem zweiten Band der "notizen". Für heute verabschieden wir uns wie immer mit den Worten des Verfassers:
"Ja, die Grausbirnen werden ihnen aufsteigen - ich hoff's - und es g'schieht ihnen recht."


EVOLVER-Redaktion

Peter Stöger


1939 - 1997

Links:

Peter Stöger: das monokel des polyphem - notizen

Band 1


Vergriffen.
Im Sammelband herausgegeben bei:
Österreichischer Kunst- und Kulturverlag (Ö 2007)
ISBN 9783854372974

Peter Stöger: peregrinus - eine introduktion

Hrsg.: Helga Schicktanz


Österreichischer Kunst- und Kulturverlag (Ö 1998)

Links:

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