Kino_Film-Tips März 2019

Volle Kraft voraus!

Liam Neeson greift zum Schneepflug. Fatih Akin serviert einen Hamburger Serienkiller. Und Jaques Audiard versucht sich am Western-Genre: die EVOLVER-Kino-Tips im März.    07.03.2019

EVOLVER-Redaktion

Der goldene Handschuh

Filmstart: 1. März 2019

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"Schwer erträglicher Gewaltmarsch" (Kurier). "Ausbeuterkino erster Klasse" (orf.at). "Geschmacklos" (Süddeutsche Zeitung Magazin). Ojeoje. Unsere Leinwandmoralisten hatten wieder alle Hände voll zu tun. Schade, daß sie nicht genau hingesehen haben - ist ihnen dadurch doch ein Meisterwerk entgangen. "Der goldene Handschuh" ist der Film, den Fassbinder nie gedreht hat: eine grimmige Studie über die Unterseite der Wohlstandsgesellschaft, eine blutige Ballade über die Kette sozialer Gewalt, an deren Ende, nur zu konsequent, Morde stehen. Der reale Kern der Geschichte ist hinlänglich belegt. Im Hamburg der 1970er Jahre beging der alkoholkranke Nachtwächter Fritz Honka eine Serie von Frauenmorden; von der Mühe des Tötens und Leichenzerstückelns erholte er sich in jener (noch bestehenden) Kneipe, die dem Film (und dem zugrundeliegenden Bestsellerroman von Heinz Strunk) den Titel gibt. Fatih Akin (zuletzt "Aus dem Nichts") hat daraus einen nahezu perfekten Film gemacht. Hier stimmt jedes Detail: die schmierige Dachkammer des Täters (ein Glück, daß das Geruchskino noch nicht erfunden wurde!), die bierselige Atmosphäre im "Goldenen Handschuh" mit ihren  präzise gezeichneten, durchaus warmherzigen Typen (Hark Bohm als alter Suffkopp!), die maskentechnische und mimische Stilisierung des bis dato kaum bekannten Jungschauspielers Jonas Dassler zum anrührend gequälten und anrührend quälenden Killer-Monster (eine Nutte über ihn: "Den würde ich nicht einmal anpissen, wenn er brennt!") , der Soundtrack aus klassischem Schlagergut von Adamo bis Freddy Quinn. Die Mordszenen sind angemessen kompromißlos. Was es wirklich bedeutet, einen Menschen zu töten, haben allenfalls Alfred Hitchcock ("Der zerrissene Vorhang") und Krzysztof Kieślowski ("Ein kurzer Film über das Töten") ähnlich intensiv vorgeführt. 2019 hat gerade erst begonnen, und schon gibt es einen Film des Jahres.  (HL)

 

 

Hard Powder

Filmstart: 1. März 2019

Leserbewertung: (bewerten)

Sicher, man kann etwas gegen Remakes haben. Man kann sich darüber alterieren, daß in Hollywood niemand mehr neue Ideen hat, daß man selbst die unbekanntesten Film- und Fernsehstoffe aus den 60er Jahren aufwärmt und selbst die bescheidensten Kino-/DVD-Erfolge aus anderen Ländern noch einmal abdreht, weil die Amerikaner halt nur bekannte Gesichter auf der Leinwand/dem Netflix-Bildschirm sehen wollen. Da dem aber nunmehr schon seit Jahrzehnten so ist, sollte man sich gar nicht mehr darüber aufregen - sondern lieber schauen, ob die Produzenten der Traumfabrik einem nicht zwischendurch doch die eine oder andere Perle vorwerfen.

"Hard Powder" ist so ein Fall. Man kann sich zwar nur über den "deutschen" Titel dieses Films wundern, weil der so gar nichts mit hartem Gesichtspuder, zu heftigem Geschlechtsverkehr oder pulvrigen Substanzen, die TV-Moderatoren die Nase verstopfen, zu tun hat, sondern wahrscheinlich (wer weiß, was die Titelgeneratoren in Berlin-Mitte so antreibt) mit Pulverschnee. Aber auch darüber sieht man als Mensch des 21. Jahrhunderts großzügig, weil gelangweilt, hinweg. Immerhin kann man froh sein, wenn für die US-Fassung eines "internationalen" Films der Originalregisseur engagiert wird - wie in diesem Fall der begabte Norweger Hans Petter Moland. Noch mehr freuen kann man sich darüber, daß der Film "Einer nach dem anderen" aus dem Jahr 2014, dessen Remake wir hier sehen dürfen, einer der besten und schwarzhumorigsten Streifen der vergangenen paar Jahre war. Und am größten ist die Freude, wenn man sich den Originaltitel in Erinnerung ruft, der soviel über so viele aussagt: "Kraftidioten". (!!!)

Erzählt wird die Geschichte eines Schneepflugfahrers (im Original in der norwegischen Provinz, in der Neufassung in einem Luxus-Skiort in Colorado), dessen Sohn durch eine Zwangsüberdosis Heroin ums Leben kommt und der daraufhin beschließt, blutige Rache zu nehmen (und nebenbei einen Drogenbandenkrieg auslöst). In "Kraftidioten" wurde der stille, depressive Rächer vom stoischen Stellan Skarsgârd gespielt, die US-Version läßt den pensionsreifen Racheexperten Liam Neeson ans Steuer des Schneepflugs. Böse-witzig bleibt die Sache trotzdem - auch wenn den seligen Bruno Ganz als Boß der norwegischen Serbenmafia-Filiale niemand ersetzen kann. Kann man sich anschauen; das Original aber (wenn man es noch nicht kennt) MUSS man sich anschauen.  (ph)

 

The Sisters Brothers

Filmstart: 15. März 2019

Leserbewertung: (bewerten)

Ein Western vom französischen Rabiat-Filmer Jaques Audiard ("Der Geschmack von Rost und Knochen", "Ein Prophet") - das versprach schon einiges. Schlecht ist der Film denn auch nicht geworden, doch ganz erfüllen kann er die Erwartungen nicht. Es geht um zwei Brüder namens Sisters (das Wortspiel des Titels ist unübersetzbar), die in fremdem Auftrag einem Goldsucher quer durch Oregon nachjagen. Ohne spoilern zu wollen: Das Ganze entwickelt sich ziemlich anders als vom Auftraggeber (und vom Zuschauer) erwartet. Es gibt, wie es sich gehört, viel Geballere, tolle Landschaftspanoramen, humorvoll-philosophische Lagerfeuergespräche und ein paar Details, die man bisher in Westernfilmen noch nicht gesehen hat, zum Beispiel Goldsuche mittels ätzender Säure. Gespielt wird auch ziemlich toll, vor allem von John C. Reilly (endlich in einer Hauptrolle) und dem immer verläßlichen Joaquin Phoenix als Brüderpaar, doch irgendwie fehlt dem Streifen das, was in modischen Kritiken gern die "Dringlichkeit" genannt wird. 

Der Film plätschert so dahin und läßt einem genügend Zeit, wehmütig an wirklich aufregende Neo-Western ("Slow West", "Hostiles - Feinde", um nur zwei zu nennen) zu denken.  (HL)

 

 

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