Kolumnen_Schein-Angriff #4

Die letzten Straßen-Mohikaner

Stellen Sie sich vor, Sie sind auf einer Party - und die ist fad. Kann passieren. Ich weiß, wie man die Feier rettet: Erzählen Sie davon, wie Sie gerade den Führerschein machen. Schon bekommen alle feuchte Augen.    09.10.2014

Selbst der eingefleischteste Grünwähler kommt irgendwann auf den Punkt. Mein Punkt tauchte vor einem Jahr auf, als der Schwedenofen beim besten Willen nicht auf den Gepäckträger gepaßt hat. Also mach´ ich ihn jetzt. Das große Abenteuer. Die große Freiheit. Mobilität per Gaspedal - den Führerschein. Und das in meinem Alter!

 

"Und was tust du gerade so?"

"Ich mach´ den Führerschein."

Diese Eröffnung hat sich mittlerweile zum echten Partyhit entwickelt. Kennen Sie das? Ein Essen bei Freunden, die ewig gleichen Geschichten aus der Schulzeit. Tip: Streuen Sie ein, daß Sie Fahrstunden nehmen. Auch wenn es nicht wahr ist - ich garantiere Ihnen, Sie kommen sowieso nicht in die Verlegenheit, Genaueres erzählen zu müssen.

Denn schon geht es los: "Als ich damals ..." "Ich kann mich noch genau erinnern ..." Oder die schlimmste aller Antworten: "Ich hab´ heute noch Alpträume von der Prüfung." Wenn Sie tatsächlich gerade den Führerschein machen, dann klappen Sie jetzt die Ohren zu. Bitte. Dringend. Es kommt sicher irgendeine Horrorgeschichte ans Licht, die Sie niemals erfahren wollten. Meistens taucht eine Nahtoderfahrung darin auf. Oder abgrundtief böse, diabolische Prüfer, die den Sinn in ihrem Leben nur darin sehen, genau Sie durchfallen zu lassen. Hat denn niemand mehr etwas Nettes über seine ersten Fahrversuche zu berichten?

Ich warte immer noch auf eine Geschichte, die mit "Als ich damals ..." beginnt und mit "... war alles ganz easy und ist es heute noch" endet. Nein. Ein Unfall ist sicher irgendwo dabei. Assoziationen sind schon etwas Seltsames. Da möchte man berichten, daß der Druckpunkt von Gas und Kupplung immer noch schwer auffindbar ist, und es endet damit, daß jemand erzählt, wie einem Motorradfahrer die Gliedmaßen abgerissen wurden. In der Presse und im Freundeskreis gilt dieselbe Maxime: Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten.

Bis ins letzte, morbide Detail habe ich mir angehört, wie sich Autos aufs Dach gelegt haben, wie LKWs über die Leitschiene in den Abgrund gestürzt sind, wie Fußgänger hinter geparkten Autos lauern, um dann im richtigen Moment auf die Straße zu springen, wahrscheinlich mit einem lauten "HA!" Und natürlich jede Menge Geschichten über Radfahrer, die auch nur eines wollen: sich selbst umbringen und so viele Menschen wie möglich mit in den Tod oder in die ewige Gewissens-Verdammnis reißen. Straßenterror, Staus, ständige Angst - der Überlebenskampf im Stadtgebiet ist unerbittlich, und Autofahrer sind die letzten Mohikaner. Und immer, wenn du gar nicht damit rechnest, schneidet dich irgendein Vollidiot.

Wenn die letzte Kriegsgeschichte erzählt und die Narben ausreichend zur Schau gestellt wurden, bleibt immer noch das Parkpickerl. Und Radwege, die im Nichts enden. Und Touristen. An dieser Stelle kann man getrost auf Durchzug schalten, weil jetzt geht es tatsächlich nicht mehr um den Führerschein. Aber die fade Party hat plötzlich Schwung aufgenommen, und auf einmal wird allerorts über den Verkehrminister schwadroniert, was unweigerlich zur Lohnsteuer führt, was unweigerlich zum Wodka führt.

Wenn der gekippt ist, entsinnt sich irgendeiner spontan wieder: "Um das Thema abzuschließen: Du machst das schon. Der Führerschein ist ja a ka Atomwissenschaft." Ein kurzes Händetätscheln. Ein verklärter Blick in die Vergangenheit. Willkommen im Kreis der Straßenkrieger, Tochter. Dein Name lautet ab sofort: "Die-keine-Geschichten-mehr-hören-mag".

Nina Munk

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