Kolumnen_Linientreu #17

Urbi et Öffi

Jeder hat sein Packerl zu tragen - zu Weihnachten sogar zwei oder drei. Wer da öffentlich unterwegs ist, braucht starke Arme und einen ebenso starken Hang zum Phantastischen. Auch in der U-Bahn sollte eigentlich der 24. sein. Man merkt es nur nicht.    24.12.2013

Straßenbahn, U-Bahn, Autobus - die öffentlichen Verkehrsmittel (im Wiener Werbefirmen-Dialekt "Öffis" genannt) sind social ohne network, die dringend nötige Pause zwischen Streß im Job und Streß zu Hause, der bekanntlich viel interessantere Weg zum ohnehin immer gleichen Ziel. Nirgendwo sonst liegen Freud und Neid, Tanzschule und unterste Schublade, Hoffnung und Verspätung so eng nebeneinander. Und die Wahrheit lauert stets irgendwo im Spalt zwischen U-Bahntür und Bahnsteig. Vorsicht beim Einsteigen!

 

Kein Schwarzkappler traut sich zu Weihnachten in die Öffis. Packerln würden fliegen. Sektkorken gegen Kontrolleursinsignien knallen. Man würde sämtliche Mixer mit Bestimmungsort Schwiegermutter gegen die Staatsorgane einsetzen und die gerade eingekauften und festlich verpackten elektrischen Küchenmesser anwerfen. Blut, Beuschel, Bürgerkrieg.

Und das alles nur, weil Weihnachten ist. Und zu Weihnachten läßt man die Leute gefälligst in Ruhe und bewahrt den Frieden - um jeden Preis. An diesem Tag sind alle katholischer als der Papst, und der muß auch nie seinen Fahrschein herzeigen.

Seltsam nur, daß gerade da, wo das soziale Nebeneinander - wenn schon nicht Miteinander - so wichtig wäre, Weihnachten einem Tag wie jedem anderen gleicht. Je tiefer die Rolltreppe, desto weniger Stimmung, desto länger die Gesichter. Vor der Station kreisen ein paar Christkindln wie Trabanten um den Weihnachtsstern, aber hat man diese Barriere erstmal überwunden, dann schüttelt man alles Feierliche ab wie die letzten Tropfen am Urinal und läßt sich in einen U-Bahn-Sitz sinken, der noch genau so riecht wie einen Tag davor und einen Tag danach.

Weihnachten spielt´s hier nicht. Vielleicht erhascht man einen Blick auf ein paar Pendler, die vom Fest A bei seinen Eltern zu Fest B bei den ihren wanken. Vielleicht sitzt der oberste Knopf von Papas Hose schon ein wenig enger. Eventuell werden rasch noch ein paar Last-Minute-Wünsche auf eine Karte gekritzelt, und möglicherweise wechselt hie und da ein verschämtes Geschenk seinen Besitzer (oder man ist gerade Zeuge eines Drogendeals, der mit einem Schleifchen perfekt getarnt wurde).

Aber meistens nicht. Meistens sitzt man komplett unfestlich zwischen Leuten, die auch morgen und übermorgen genau im selben Aufzug genauso unrasiert genau derselben Tätigkeit nachgehen - wie zurückgelassene Statisten in einer Szene, die längst abgedreht wurde. Wenigstens konsequent, behaupten manche. Ziemlich kontrovers, sagen andere. Aber diese Verweigerer formen Weihnachten zum Kumpfschen Gesamtbild: Da oben mag zwar leise der Schnee aus den Lautsprechern rieseln, hier unten sind wir dagegen - und stolz drauf.

Hier unten ändert sich nichts. Wir fliegen nicht plötzlich auf Engelsflügeln zur Verwandtschaft, nur weil der 24. Dezember ist. Wir streuen keine Rosen, wenn der Wastl vorne vergessen hat, wie man aussteigt; Fest der Liebe hin oder her. Und wir werden nicht schlagartig besinnlich, wenn sich die Schnepfn mit ihrem Zwei-Meter-Weihnachtsbaum auch noch reinzwängen muß.

Zur Besinnung würden wir erst kommen, wenn jemand einen Ausweis zückt und zur Fahrscheinkontrolle trompetet. "Sturm der Entrüstung" trifft es nicht annähernd, "Orkan der Empörung" kommt schon eher hin, "Tsunami der Heuchelei" ist knapp an der Wahrheit dran. "Wie unchristlich!" würde es aus allen Ecken schallen, besonders aus der, die grad noch die Schnepfn mit dem Weihnachtsbaum gewürgt hat. "Wie blasphemisch! Wie verschissen unweihnachtlich! Hängt ihn an die nächste Tanne, bindet ihn an die Silvesterrakete!"

Liebe Wiener Linien, hier ist also mein Wunsch ans Christkind 2014: Macht mir die Freude und kontrolliert heftigst. Ich hab´ eh eine Jahreskarte. Aber ich schau´ gern zu ...

Nina Munk

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