Kolumnen_Linientreu #16

Wer hat schon die Zeit?

Gratiszeitungen in den Öffis sind die Nespresso-Kapseln der Berichterstattung: viel Müll für nix. Um sich von der Masse abzuheben, kauft man "Die Zeit" kommt sich toll vor und bereut es im U-Bahn-Gedränge gar bitterlich - Formatchaos, what else?    25.11.2013

Straßenbahn, U-Bahn, Autobus - die öffentlichen Verkehrsmittel (im Wiener Werbefirmen-Dialekt "Öffis" genannt) sind social ohne network, die dringend nötige Pause zwischen Streß im Job und Streß zu Hause, der bekanntlich viel interessantere Weg zum ohnehin immer gleichen Ziel. Nirgendwo sonst liegen Freud und Neid, Tanzschule und unterste Schublade, Hoffnung und Verspätung so eng nebeneinander. Und die Wahrheit lauert stets irgendwo im Spalt zwischen U-Bahntür und Bahnsteig. Vorsicht beim Einsteigen!

 

Ich bin gerade eine Busstation weit gekommen, da entpuppt sich mein 1600-Seiten-Buch als schwere Lüge: die letzten 300 Seiten sind Begriffserklärungen. Aufgelöst ist die Geschichte auch nicht, da irgendein windiger Verlag glaubt, man muß dem Leser nicht unbedingt auf die Nase binden, daß es einen zweiten Teil geben wird. Irgendwann. Vielleicht.

Also hänge ich in der Luft und sehe mich mit einem gähnenden Abgrund konfrontiert: Die Hälfte meiner Mitreisenden gähnt ins Handy, die andere Hälfte in die kostenlose Zeitung.

Ich belächle beide Seiten milde, da sie nicht das Format haben, das ich wenig später besitze: Die Zeit. Haben Sie die schon einmal gelesen? Zusammengefaßt kann man sagen: Storytelling meets Qualitätsjournalismus auf gefühlten 100 Seiten. Wöchentlich. Allein die Druckerschwärze muß ein Vermögen kosten. Ganz zu schweigen von den vielen winzigen Buchstaben, die aus den DIN-A2-Blättern quellen. Das Logo schreit Tradition, die Bilder schreien Ausstellung, die Artikel schreien Pulitzer. Sofort bin ich überfordert.

Bei näherem Hinsehen ist die Zeit jedoch genau das, was man braucht, wenn man nicht immer auf dem laufenden ist. Sie bringt Mehrwert für diejenigen, die die ZIB öfters auslassen und bald - ähnlich wie bei einer spannenden Serie - nicht mehr mitkommen. Abends gehen sie dann uninformiert ins Pub und stehen blöd da, weil der beste Freund alle Folgen gesehen hat.

Die Zeit bietet die nötigen Hintergrundinfos, die deutlich machen, wer mit wem warum wo ein Gipfeltreffen hatte und was das jetzt für den Klimawandel bedeutet. Sie durchleuchtet, warum jemand historisch gesehen mit einem anderen gar nicht kann und wie die Merkel damit umgeht. Und äußerst emotional erzählt die Zeit Geschichten von Menschen, die dabei waren. Mitten drin in der Unruhe, dem Aufstand, dem Tsunami. Die Zeit ist also die perfekte Zeitung für Dumme wie mich, weil sie mich mit der Nase auf Zusammenhänge stößt. Jeder andere ist anscheinend gescheit genug, um die News-Häppchen zu verstehen, die wir sonst so zugeworfen bekommen. Ich nehme mir die Zeit. Und die Zeit hat Format. Und das ist das Problem.

Eingerollt ist sie harmlos. Ziemlich schick sogar, wenn sie unter den Arm geklemmt wird. Erstmals entfaltet, entfaltet die Zeit jedoch ihre Wirkung und überschreitet sofort die Grenzen zur Privatsphäre des Sitznachbarn. Der wollte die Zeit anders nützen, aber nicht lesen. Trotzdem wird er für Seite 2 eingespannt, da ich Seite 1 lese und die volle Breite der Zeitung auf meine Armeslänge paßt.

Gut, so geht´s nicht, kommt auch die Unmutsbekundung von rechts. Der Versuch einer Faltmethode erfordert jedoch Origami-gleiche Fingerakrobatik, die mir den Schweiß auf die Stirn treibt und so manch bedrucktem Blatt die Freiheit gewährt, sich fallen zu lassen. Das wiederum schreckt den Nachbarn gegenüber aus dem Handykoma auf und bringt ihn dazu, sich genau dann zu bücken, wenn ich mich auch bücke - Schädelfraktur, what else?

Gut, so auch nicht. Ich bleibe also auf Seite 1, die Lust auf mehr macht und mich auffordert, auf Seite 4 zu blättern. Eine halbe Stunde später öffnet sich endlich das erhoffte Zeitfenster, während meine Banknachbarn den Schichtwechsel üben. Das zwei Meter große Loch, das sie kurz hinterlassen, nütze ich, um hastig umzublättern und damit einen mittelschweren Hurrikan auszulösen. Als sich der Wind legt und sich alle Mitfahrenden von den Haltegriffen gekratzt haben, wird mir klar, daß die vielversprechende Seite 4 absolut nichts Interessantes bietet.

Irgendwann komme ich doch noch zu einem wirklich guten Artikel, aber jetzt habe ich keine Zeit mehr – ich muß aussteigen. Schade drum, denn ich weiß zwar jetzt, warum Land A mit Land B historisch gesehen nicht kann. Was das mit dem Klimawandel und der Merkel zu tun hat, bleibt aber auf ewig ein Rätsel. Halbwissen - what else?

Nina Munk

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