Kolumnen_Miststück der Woche - V/005: Sin City

Kummer & Max Raabe: "Der Rest meines Lebens"

Was macht man eigentlich, wenn man nicht weiß, wie lange die Chose noch dauert? Das ist die zentrale Frage, die hinter diesem kurzen Rap-Track steckt. Für die Antwort geht Manfred Prescher zurück in die finstere Vergangenheit - bezweifelt aber, daß er sie finden wird.    12.02.2020

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 
"Ich habe Kummer" sangen Trio schon 1981, aber den Felix Kummer meinten sie damit nicht. Denn der kam erst mit der sogenannten Wende im Jahr 1989 auf die Welt, hieß aber von Anfang an tatsächlich Kummer mit Nachnamen. Ob man ihn deswegen hänselte oder ob er eher stolz war, daß die Eltern Teil eines künstlerischen Kollektivs namens AG. Geige waren und man den Namen in aufgeklärteren ostdeutschen Kreisen kannte? Ich tippe stark auf den Stolz, zumal die Kummers nach dem Zusammenbruch der DDR einen Plattenladen im Plattenbau hatten und der kleine Felix mit allerhand Musik aus angloamerikanischen Gefilden in Berührung kam.

Nur ein paar Jahre, sprich eine Jugend später wurde Kummer Sänger der erfolgreichen Rockband Kraftklub, wobei der Begriff "Sänger" dann doch eher unangebracht ist, wie die beste Liebespartnerin von allen findet. Sie meint, der hätte schon auf der Debüt-CD "Mit K" eher gerappt als die Stimme einen Melodiebogen entlanghangeln lassen. Erst recht beim bislang dritten und letzten Album "Keine Nacht für niemand" hätte er eher "rhythmusbetont Gedichte vorgetragen". Sie hat recht und verweist darauf, daß sich Kummer bei Kraftklub "Brummer" nennt. Sollte er irgendwann mal bei einer Kombo für das Schlagwerk zuständig sein, dann wird er sich wohl zwangsläufig "Drummer" nennen ...

Felix Kummer wurde in Chemnitz geboren, wuchs auch dort auf und ging zur Klippschule - und lernte in dieser schönen Stadt auch Stefan Richter alias Trettmann kennen. Weil der elterliche Plattenladen eine zentrale Anlaufstelle für die aufgeklärte Jugend war, kannte man sich. Der leidenschaftliche Plattensammler Trettmann fiel dem Drei-SKE-Pfefferoni-Käsedreieckehoch auf, sooft wie der kam, um nach Neuheiten zu fahnden, wenn es denn die Hausaufgaben zuließen.

Heute sind Trettmann und Kummer die Speerspitze eines Deutschrap-Genres, das längst den intellektuellen Boden nach tieferen Ebenen durchgräbt. Deutscher Rap hat bislang immer noch alle Grenzen von Geschmack, Herzensbildung und Verstand unterschritten, kann aber eben auch anders. An den Rändern der Community, also dort, wo nicht Gewalt, Egotripping und Sex- beziehungsweise jede andere sich bietende Form von -ismus [als ob es diese -ismen wirklich und nicht nur in der Phantasie alter Linker gäbe; Anm. d. Red.] abgefeiert werden, tummeln sich – endlich wieder – Kinderzimmer Productions oder auch Deichkind, die mittlerweile so eine Art norddeutsche AG. Geige darstellen. Und eben auch Trettmann und Kummer, die mit ihren bislang drei hervorragenden Alben im Mainstream angekommen sind, denn sie schaffen es wie ihre Kollegahs auch jedes Mal auf Platz 1 der Albumcharts - Trettmann als der "Opa" unter den jungen Rappern und Kummer, der im Herbst sein erstes, Band-freies Soloalbum auf den Markt brachte. Trotz ihres Erfolges sind Trettmann und Kummer Randfiguren innerhalb ihres Genres, aber mit dem Sondermannstatus können die beiden sicher prima leben.

 

 

 

Der Name von Kummers Platte ist übrigens "KIOX". So hieß nämlich, als Public Enemy und LL Cool J noch mit Turntables und Microphones herumhantierten, der elterliche Plattenladen. Felix hat mit der Veröffentlichung des Albums sogar wieder den passenden "KIOX"-Laden eröffnet: Man findet ihn in der Chemnitzer Karl-Liebknecht-Straße. Kleine Zwischenfrage: Wer war das nun wieder? Um eine richtige Antwort zu bekommen, lohnt es sich nicht, einen der letzten verbleibenden SPD-Bundestagsabgeordneten zu fragen, weil der den Namen wahrscheinlich noch nie gehört hat und ihn vielleicht sogar mit William Thackeray oder Werner Sombart verwechselt. So weit sind wir nämlich schon gekommen, auf dieser Welt, die man ja als aufrechter "Flat Earther" für eine Scheibe hält.

Aber zurück zu Kummer: Auf seiner neuen Single, die in Wahrheit nur ein zwecks Vermarktung als virtueller Einzeltrack gekennzeichneter Song ist, arbeitet er mit Max Raabe zusammen. Genau: mit dem immer mindestens leicht blasiert singenden Künstler, der die Früh- und Spätweimarer Musik für uns am Leben erhält, quasi als Mischung aus Claire Waldoff und Willy Fritsch. Wer jetzt denkt, daß die beiden Künstler nicht zusammenpassen, sollte sich vergegenwärtigen, daß schon ganz andere Menschen gewinnbringend zueinandergefunden haben. So ist der größte US-Hit des Jahres Zwanzigneunzehn eine Kollaboration zwischen einem YouTube-Rapper und dem stets Stetson tragenden Vater von Miley Cyrus. Und Morrissey singt im Verbund mit der Soul- und Disco-Diva Thelma Houston, was bei Lichte betrachtet gar nicht mal so schräg ist, wie man zunächst glaubt.

Raabe paßt somit auch zu "Der Rest meines Lebens", weil er in dem Song für den Gang des Künstlerfreaks durch die gesellschaftsüblichen Institutionen der Spießigkeit steht - vom ersten Pärchenurlaub über das Prosit der Gemütlichkeit und den Spieleabend bis hin zu Gesprächen über Risikoanlagen. Raabe näselt dazu und verleiht dem Song tatsächlich den gewünscht spießigen Einschlag. Den beiden gelingt es damit, uns in eine authentischer wirkende Zukunft blicken zu lassen, als es Peter "Seeed" Fox mit dem "Haus am See" seinerzeit tat. Denn der träumte von einer Hippie-Oase in einem privatem Goa. Bei Kummer/Raabe hingegen kommt irgendwann der Freitag, an dem man früh ins Bett geht, weil man sonst zu müde für den Samstag ist. Man betritt unweigerlich die vorgezeichneten Pfade früherer Generationen.

"Irgendwann ist es zu spät/Um zu früh draufzugehen/Irgendwann bin ich zu alt/Zu alt, um jung zu sterben" heißt es fatalerweise und ganz im Sinne von Neil Young. Kummer hat das erkannt: Ein eigener Plattenladen ist freilich schon ein sehr cooler Verweis in Richtung der Altvorderen. So kann er schließlich auch aussehen, der Rest des Lebens. Es kommt ja bekanntermaßen sowieso immer alles irgendwie anders, als man es sich ausdenkt, und manchmal muß man die königliche Familie einfach verlassen, damit man später vielleicht die Kronjuwelen versilbern kann.

Ich verlasse Euch jetzt für den Rest der Woche. Aber eines ist gewiß: Das nächste "Miststück" kommt bestimmt!

Manfred Prescher

Kummer - Kiox

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Kummer & Eklat Tonträger 2019

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