Kolumnen_Rez gscheid!

Schas ...

... ist auch der Name einer politischen Partei Israels. Ihre Gründer stammten wohl nicht aus Österreich, sonst hätten sie einer anderen Bezeichnung den Vorzug gegeben. Was es mit diesem bedeutungsvollen Wort im Wienerischen auf sich hat, erfahren Sie von unserem Sprachressort.    18.06.2009

"Languages matter!" wußte die UNESCO, als sie das Jahr 2008 zum "International Year of Languages" erklärte. Wir meinen: Ein Jahr ist längst nicht genug. Unser Sprachexperte Dr. Seicherl widmet sich daher weiterhin dem Österreichischen, genauer gesagt: der proletarisch korrekten Sprache im Alltag. Warum? Das erfahren Sie hier.

 

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Sehr verehrter Herr Doktor!

Ich lasse Ihnen den vorliegenden Text von meinem Großneffen schicken, da ich mich mit diesem Internet nicht beschäftige. Ich hoffe, er vertippt sich nicht. Sie sollen ja eine Koryphäe auf dem Gebiete des Wiener Dialekts sein. Ich wende mich also vertrauensvoll an Sie.
Als meine Freundinnen und ich letztens bei unserer wöchentlichen Canasta-Runde saßen, sagte Martha etwas, das alle zum Lachen brachte. Dazu muß ich erklären, daß wir uns seit 42 Jahren regelmäßig am Donnerstag Nachmittag treffen. (Also außer der jungen Hermi, die ist erst seit ´78 dabei.)
Jedenfalls entfuhr Gudrun ein peinlicher Laut, als sie sich zum Talon beugte, und Martha meinte: "Na, hoffen wir, daß es kein Dritschler war!" Jedenfalls habe ich es so verstanden, und meine Ohren sind noch recht gut.
Aber was hat sie damit gemeint? Es wäre sehr nett von Ihnen, wenn Sie mir das erklären könnten.

Hochachtungsvoll
Eusebia Krammer

 

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Dr. Seicherl antwortet:

Sehr geehrte gnädige Frau Krammer!

Ich weiß Ihr Vertrauen zu schätzen und erläutere Ihnen gerne diesen etwas delikaten Ausspruch. Unter "dritschla" versteht man einen Wind der - sagen wir - feuchten Art. Ich darf vermuten, daß Ihre Freundin Martha die Damen öfters mit Anzüglichkeiten unterhält?
Wie dem auch sei. Ich hoffe, Ihnen gedient zu haben und verbleibe

mit freundlichen Grüßen
Ihr Dr. S

 

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Erläuterungen/Gebrauchshinweise

Zunächst: Der schas ist eo ipso keine Blähung (wie oft im Bemühen um vornehme Ausdrucksweise behauptet wird), sondern vielmehr deren Linderung auf natürlichem Wege.
Diffundieren die im Verdauungstrakt entstehenden Gase auch großteils in den Blutkreislauf, bleibt dennoch beim Menschen ein täglicher Überschuß von rund 1000 Kubikzentimetern, der durch den Sphinkter entweicht. (Wem dies viel erscheint, der möge bedenken, daß ein Rind durchschnittlich das 3600fache produziert - weshalb solche Wiederkäuer maßgeblich zum Treibhauseffekt beitragen. Daß die Aufspaltung rein pflanzlicher Nahrung ein vergleichsweise aufwendiger Prozeß ist, kann auch jeder bestätigen, der regelmäßigen Umgang mit Vegetariern pflegt.)
Das Gasgemisch enthält unter anderem Wasserstoff und Methan - deren Brennbarkeit adoleszente Knaben gerne vermittels in den Schritt gehaltenen Feuerzeuges nachweisen - sowie Schwefelverbindungen. Vor allem letztere sind für die olfaktorische Registrierung verantwortlich: Der Ausdruck eiaschas definiert chemisch präzise die Duftnote von Schwefelwasserstoff, der auch beim Erhitzen von Eiern entsteht.

 

Der in obiger Zuschrift angeführte dritschla, auch britschla genannt, reflektiert onomatopoetisch das Plätschern mitabgehenden Stuhles (vgl.: britschln = spielerisch mit Wasser umherspritzen; bdt.: "planschen"). Selbiges Phänomen - auch als madarialschas bekannt - beruht zumeist auf einer Störung der Darmflora (vgl.: dinschiß).
Auf die akustische Wahrnehmbarkeit von Flatulenzen beziehen sich weiters die Termini schleicha, butaschas ("weich wie Butter") oder drülla (angestrengt vorgebracht, was die hohe Tonlage erklärt; von hdt.: Triller); im Oberösterreichischen ist gar dunaweda geläufig ("Donnerwetter").
Auch bumpa bzw. buffa zählen zu dieser Kategorie - in aufgesetzter Kindersprache zu bu verkürzt -, sowie das Synonym "Koffer", das ursprünglich im soldatischen Sprachgebrauch lautmalerisch ein abgefeuertes Geschoß bezeichnete; vgl.: an koffa oschdön (scherzhaft doppeldeutig), sowie abgeleitet (voi-)koffa = (großer) Dummkopf.
(Hinweis: Mit koffan ist hingegen nicht etwa "eine lautstarke Salve abgeben" gemeint, sondern laufen in höchstem Tempo, quasi einem Projektile gleich - vgl.: "pfeilschnell". Das Gepäckstück hat damit nichts zu tun, auch nicht die ob der Anstrengung beim Anheben desselben potentiell abgehenden Winde.)

Als generelle Bezeichnung kennt man den vom mittelhochdeutschen "varzen" abgeleiteten Furz (wien.: bfuaz); Ähnliches gilt für das prätentiöse "fahren lassen". (Im Wienerischen klingt es weniger geziert: an foan lossn.)

 

Nicht gänzlich geklärt ist in diesem Zusammenhang die Herkunft von viazga. Wohl könnte sich die Formulierung auf das Ausspielen eines "Paares" von Trumpfkarten beim Schnapsen beziehen, was dem "Ansager" 40 Punkte einbringt; da er damit dem Endziel des Spieles (66) gefährlich nahe rückt, mag der Kontrahent die Situation subjektiv mit so a schas beurteilen. Wahrscheinlicher ist jedoch abermals ein militärischer Hintergrund (im Sinne männlichen Imponiergehabes, was gleichermaßen die infantile Freude am Explizieren der eigenen Körperausscheidungen betrifft): Granatwerfer für "Kaliber 40" verursachten auch im Zweiten Weltkrieg erheblichen Lärm und Gestank.

Die schmackhafte Mehlspeise "Nonnenfürzchen" hingegen (schwäb.: nonnenfürzle) soll nichts mit pittoresker Analfixierung zu tun haben, sondern sich von nunnekenfurt ableiten, was angeblich "von den Nonnen am besten zubereitet" bedeutet.

Soweit das Thema Damen betrifft, ergab übrigens eine vor Jahren durchgeführte Untersuchung, daß deren Winde ein signifikant heftigeres Aroma entfalten als jene maskuliner Provenienz. (Im Testablauf verzehrten die Probanden zunächst ein Gericht aus Hülsenfrüchten und anderen zweckdienlichen Ingredienzien; vgl. bdt.: "jedes Böhnchen ein Tönchen". Danach wurden die Auswirkungen mit Ballons aufgefangen und - in anonymisierter Form - sorgfältiger Geruchsprüfung unterzogen: ein hehres Beispiel von Leidensfähigkeit im Dienste der Wissenschaft.)

Üblicherweise trachtet man eher, Blähungen zu vermeiden. In der Küche bewähren sich hierfür Fenchel, Kümmel, Bockshornkleesamen sowie der Lippenblütler satureia, der daher unter dem Namen Bohnenkraut bekannt ist. Falsche Ernährung kann nämlich zu Meteorismus beitragen (= Blähsucht); nicht umsonst bezeichnet der Wiener eine umfangreiche Leibesmitte als schasdromme. Tatsächlich erscheint die dort pralle Epidermis etwa manchen Biertrinkers dem gespannten Fell einer Trommel nicht unähnlich - wenngleich es physikalisch gesehen nicht der im Inneren herrschende Gasdruck ist, der den Wanst dergestalt konkav bläht (vgl.: wampm, gössamuskl).

 

Im übertragenen Sinne benennt der flatus hierzulande auch Unbrauchbares oder Kleinigkeiten. In ironischer Verkehrung kann Bedeutendes mit den Worten des is ka lercherlschas kommentiert werden. Ganz besonders Unnötiges nennt man schas im woid (wo der Wind gewissermaßen ebenso rasch wie ungehört verweht), aufwendig angepriesene Überflüssigkeiten schas mit quastln - von den Uniformapplikationen dekorierter Soldaten. Und für hektisch-ziellose Betriebsamkeit hält die Mundart ein besonders lyrisches Gleichnis bereit: umanandaschiaßn wia da schas in da reita (= dt.: "umherfegen wie ein Furz im Sieb").

Auch außerhalb Wiens findet sich manch einschlägige Phrase. So pflegt im ländlichen Zentralösterreich der Herr am Pissoir, so er sich dabei vor Erleichterung auch einer Flatulenz entledigt, dies mit den Worten zu kommentieren: "Schiffm ohne Schas is wiara Hochzeit ohne Musi!" Als Legende darf hingegen der oft kolportierte Tischspruch Martin Luthers gelten ("Warum rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmacket?"); verbrieft ist lediglich des Kirchenmannes Einschätzung "Wenn ich hier einen Furz lasse, riecht man das in Rom."

madarial: Feststoff ("Material")
din: dünn
oschdön: abstellen
voi: voll(-ständig)
lercherl: Diminutiv zu Lerche

 

(Anmerkung: im Rahmen seines Projektes "Luna Luna" präsentierte der Wiener Künstler André Heller - dem eine gewisse Penetranz auch sonst nicht abzusprechen ist - 1987 in Hamburg unter anderem sogenannte Kunstfurzer. Diese Artisten verfügen dem Vernehmen nach über eine außerordentliche Fähigkeit, ihren Schließmuskel zu kontrollieren, was es ihnen ermöglicht, die Tonfrequenzen austretender Gase harmonisch zu modulieren.)

Dr. Seicherl

Rez gscheid!

Proletarisch korrekte Sprache im Alltag


Sie haben spezielle Fragen? Sie interessieren sich für die Herkunft einer Phrase? Sie haben keine Ahnung, was Ihnen Ihr unhöflicher Nachbar zu den unmöglichsten Tageszeiten zuruft? Zögern Sie nicht - schreiben Sie Dr. Seicherl unter Dr.Seicherl@gmx.net, oder hinterlassen Sie einfach einen Kommentar.

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