Print_Alice Sebold - In meinem Himmel

Susie, schau owa !

Böswillig gemeucheltes Lachs-Girl sieht den Hinterbliebenen aus der Vogelperspektive beim Trauern zu. Aus diesem originellen Anfang wird leider eine betuliche Psychostudie.    19.01.2004

"Ich hieß Salmon, wie das englische Wort für Lachs; Vorname Susie. Ich war vierzehn, als ich am 6. Dezember 1973 ermordet wurde." Die, die hier von sich selber im Imperfekt erzählt, fand einen gewaltsamen Tod und beobachtet nun quasi aus der Vogelperspektive den Trauerprozeß jener, die ohne sie zurückbleiben mußten.

Susie führt das Leben eines Teenagers in einer amerikanischen Kleinstadt - bis zu jenem Tag, an dem sie auf dem Nachhauseweg von einem Nachbarn vergewaltigt, getötet und zerstückelt wird. So einfach ist die junge Lachsdame jedoch nicht zu erledigen, von "ihrem Himmel" aus (siehe der Titel der Übersetzung) beobachtet sie nun alles Weitere, sieht den Polizeibeamten bei ihren Ermittlungen zu und den Eltern beim schmerzhaften Vorgang des Loslassens.

Zu Anfang des Romans kommt noch so etwas Ähnliches wie Spannung auf, was vor allem vom Informationsvorsprung herrührt, den Susie gegenüber allen anderen Akteuren hat - ohne die Möglichkeit, sich mitzuteilen. Allzubald jedoch verlangsamt sich das Tempo, die Geschichte weicht Beobachtungen zum Trauerprozeß und zur therapeutischen Wirkung des Trauerns an sich.

Sicher lag es nicht in Sebolds Absicht, einen spannenden Thriller zu konstruieren. Dennoch fragt man sich bei der Lektüre mitunter, ob sie nicht besser daran getan hätte, einen Ratgeber über das Heilsame der Trauerarbeit als einen nahezu 400 Seiten langen Roman zu fabrizieren, der die untote Susie über 20 Jahre lang beim Spannen vom erhöhten Posten aus begleitet. Der Roman mag gut gemeint sein, das ständige Beschwören von Gemeinschaft und das penetrante Plädoyer für Verständnis wirken auf Dauer jedoch bestenfalls sektiererisch.

In den USA lag die zweite Publikation und der erste Roman der ehemaligen Journalistin Alice Sebold übrigens wochenlang auf Platz 1 sämtlicher Bestseller-Listen. Die Frage nach dem Grund hierfür weiß vermutlich nicht einmal die allwissende Susie Salmon.

 

Reinhard Ebner

Alice Sebold - In meinem Himmel

ØØ

(The Lovely Bones)


Manhattan (München 2003)

Autoren-Photo © Jerry Bauer

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