Print_James Marriott/Kim Newman - Horror

Hundert Prozent Grauen!

Eine ordentliche Portion Zombies und Geister, ein Rudel Werwölfe, eine Prise Vampirismus, das Ganze abgeschmeckt mit Blut und Gedärm und appetitanregend dekoriert mit Serienmeuchlern und Folterknechten: Das Ergebnis heißt "Horror" und ist das Filmbuch, auf das wir schon lange gewartet haben.    19.02.2008

Der Titel ist ebenso schlicht wie größenwahnsinnig: "Horror" steht in blutroten Lettern auf dem großformatigen Wälzer des Herausgeber-Duos James Marriott und Kim Newman (Genre-Kennern alles andere als unbekannt). Gemeint freilich ist der Horrorfilm; der wird dafür aber wirklich umfassend - lexikalisch ebenso wie essayistisch - abgehandelt: von "Alien" bis "Zombie 2", von Georges Méliès´ "Teufelsschloß" (1896) bis zu George A. Romeros "Land of the Dead" (2005).

Von der Vielzahl der Hochglanzpublikationen zum Thema Film im allgemeinen und dem oft ebenso blutdürstigen wie voyeuristischen Gehechel eingefleischter Horror-Fans im besonderen hebt sich das Buch wohltuend ab. Hier kommen Autoren zu Wort, die wirklich Ahnung von ihrem Thema haben und vor starken Urteilen nicht zurückschrecken - auch wenn das bedeutet, daß gelegentlich ein vermeintlicher Klassiker in Grund und Boden geschrieben wird. Und doch ist´s kein intellektueller Rundumschlag, sondern ein echtes Liebhaberwerk von Kennern. Derart kenntnisreich kommen sonst nur Jürgen Fichtingers DVD-Reviews im EVOLVER daher.

So schreiben etwa die Horrorschriftsteller Stephen Jones, Rebecca Levene, Kerri Sharp und Peter Tombs über ihre meistgeliebten und bestgehaßten Filme. Als ausgewiesener Giallo-Experte serviert Stephen Thrower wiederum eine nahrhafte Portion italienischen Kinowissens von Lucio Fulci bis Dario Argento.

 

Insgesamt besehen bietet die Auswahl an 300 Filmrezensionen in chronologischer Reihenfolge (viele weitere Filme werden in Essays zu einzelnen Dekaden oder Horrorthemen aufgeführt) eben wesentlich mehr als die hinlänglich bekannten Exponenten des US-amerikanischen und britischen Kinos. Etwas vernachlässigt scheinen dagegen die asiatischen Produktionen, die spätestens seit "Ringu" auch in unseren Breiten lebhaft rezipiert werden. Immerhin sind neben den üblichen Verdächtigen ("Ju-on", "Dark Water") auch die echten Leckerbissen ("Uzumaki", "Audition") verläßlich vertreten.

Den Begriff des Horrorfilms legen die Autoren mit einiger Berechtigung weit aus: eben nicht als Genre oder durch die Bildsprache, sondern durch Effekte wie Angst, Schock und Ekel, die dieser hervorzurufen pflegt. "Diese Effekte entstehen bei Filmen, die am Rande des Genres einzuordnen wären oder vielleicht gar nicht als Horrorfilme gelten, oft viel intensiver als bei 'korrekt' konstruierten", heißt es dazu in einer Vorbemerkung. Entsprechend findet man im Inhalt auch die Racheorgie "Straw Dogs", den Urbanoia-Thriller "Deliverance" oder Pier Paolo Pasolinis gesellschaftskritischen Ekel- und Sado-Schocker "Die 120 Tage von Sodom".

Man kann in dieser Sammlung des Grauens wahllos herumschmökern oder sie von vorne bis hinten in einem Satz verschlingen (wie es der Rezensent getan hat). Man kann sich an Reproduktionen alter Kinoplakate und manch abstrusem Szenenbild ergötzen. Man kann sich wohlig schaudernd an Filme erinnern, die man vor Jahren gesehen hat, und dabei dank der kenntnisreichen Texte nachträglich einiges dazulernen. Man kann sich für den nächsten Besuch in der Videothek inspirieren lassen. Eines kann man jedoch nicht, wenn es einem mit dem Horror ernst ist: Man kann an diesem Buch nicht vorbei (noch dazu, wo´s der Verlag derzeit billig hergibt – nämlich um schlanke 16,95 Euro)!

Reinhard Ebner

James Marriott/Kim Newman - Horror. Meisterwerke des Grauens von Alien bis Zombie

ØØØØØ

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tosa (Wien 2007)

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