Stories_Schlaflos #9

Das Weltall ist nicht genug

Auch ein Perry Rhodan hat gelegentlich Sex - aber von Verhütung keine Ahnung. Das Ergebnis des außerehelichen Gspusis ist der "Sternenbastard". Und der spielt die Hauptrolle in einer höchst unterhaltsamen Hörbuchserie.    20.08.2007

Hörbücher und -spiele mögen ein Popularitätshoch erleben - von der Machart her sind sie dennoch oft genug Schlaftabletten. Im (Schlaf und Nerven kostenden) Selbstversuch macht sich Reinhard Ebner daher auf die Suche nach Hörkunstwerken, die auch zu fortgeschrittener Stunde garantiert wachhalten.

 


Der Abend davor: Lang, lang ist´s her. In der "Schulbibliothek" (eigentlich einer mit Büchern vollgestopften Besenkammer) gab es diese fetten "Perry Rhodan"-Bände mit dem silberfarbenen Hardcover. Ich glaube mich zu erinnern, daß ich auch ein-, zweimal zugegriffen habe - vermutlich aber weniger, um die Bücher tatsächlich zu lesen. Angetan hatten es mir vielmehr die darin enthaltenen Konstruktionszeichnungen fiktiver Raumkreuzer. Damit soll natürlich keineswegs angedeutet werden, daß unsereins lieber Schopenhauer statt Groschenromane verschlungen hätte .. man hielt sich nur eher an den Geisterjäger John Sinclair, weil sich da auch oft hübsche, barbusige Dämonendamen auf dem Cover fanden.

Die "Perry Rhodan"-Hörbuchreihe von Lübbe Audio kleidet sich nicht in Silber, sondern ins Schwarzblau der Weiten des Alls. In Abstufungen dieses Farbtons sind auch die verkitschten Cover-Illustrationen gehalten, die ebensogut als Airbrush-Kunstwerke auf die Motorhaube eines Manta oder als gerahmtes Poster in die Gaststube eines Vorstadtbeisls passen würden.

 

Hörphase: Sechs Folgen beziehungsweise CDs der Lübbe-Reihe "Sternenozean" stehen für den EVOLVER-Test zur Verfügung. Die erste liegt im Walkman, das Licht ist ausgeschaltet, aber der erwartete Perry Rhodan ist auch nach einer Viertelstunde Reinhören noch nicht aufgetreten. Stattdessen geht es um einen "Sternenbastard" namens Kantiran, in dessen Adern - o Schande! - "terranisches Blut" fließt. Entsprechend übel wird dem Vollwaisen mitgespielt. Die "Arkoniden des Kristallimperiums" erweisen sich angesichts des Erdensprößlings als üble Rassistenschweine.

Dargeboten wird das Ganze mehr als Hörspiel denn als klassisch vorgetragenes Hörbuch. Eine kleine Armada an professionellen Sprechern leiht den einzelnen Figuren ihre Stimmen, für die passende Geräuschkulisse ist gesorgt, und das Berliner Filmorchester akzentuiert die Gefühlsaufwallungen des pubertierenden Helden.

Gut gemacht also, packend, vor allem aber ist das Ergebnis - nicht immer freiwillig, aber das tut nichts zur Sache - rasend komisch. Schade, daß es praktisch unmöglich ist, beim nächtlichen Anhören eines Hörbuches Notizen zu machen. Zu gerne würde ich mit dem Leser die eine oder andere besonders verschrobene Erzählpassage teilen.

Vom Feinsten ist auch der weitere Handlungsverlauf, der kein Melodramenklischee ausläßt: Als Kantiran mit der feschen Thereme endlich den Deckel zu seinem Topf findet, wird die Liebste vergiftet. Dahinter steckt, wie sich herausstellt, die hochrangige Regierungsvertreterin Ascari da Vivo. Und die ist, jetzt wird´s noch besser, in Wahrheit Kantirans Mutter - die der Bub dann im Zorn schrecklich verunstaltet. In diesem Takt geht´s weiter: jede CD eine neue Enthüllung, eine noch unglaublichere Wende des Plots. Da scheint es nur mehr logisch, daß auch die Lenden des ewig jungen Perry Rhodan an der Zeugung des Sternenbastards ihren Anteil hatten.

 

Mittlerweile sind wir bei der dritten CD, und die dreimal 60 bis 70 Minuten ließen sich auch tatsächlich locker in einem Zug konsumieren. Die geröteten Augen am nächsten Morgen freilich zeugen verräterisch von der hörbuchmäßig durchzechten Nacht.

Mit der vierten Folge taucht endlich Perry Rhodan selbst auf. Der Serienheld erweist sich - für mich als Neuling immerhin überraschend - als Übermensch mit schlecht verhohlenem Rassendünkel, wenn´s um Aliens geht. Die Nacht im wärmenden, aber teuflisch stinkenden Kadaver einer Art Robbe auf dem Planeten Hayok, auf dem er in der Folge strandet, vergönnt man ihm daher reinen Herzens.

 

REM-Phase: Perry Rhodans "Sternenozean" sorgt für eine kurzweilige, aber leider auch kurze Nacht. Traumloser Schlaf daher, so leer wie das All da draußen.

 


Der Morgen danach: Als "größte Science Fiction-Serie der Welt" lobt sich die "Perry Rhodan"-Serie auf einer Homepage aus, die vom Pabel/Moewig-Verlag betrieben wird. Immerhin hält man mittlerweile beim 35. Zyklus und der Heftnummer 2400. Ein "Zellaktivator" garantiert dem kosmischen Saubermann Perry Rhodan für eine bedingte Unsterblichkeit (kein Tod durch Alter oder Krankheit), die nächsten 2400 Heftln sollten also locker drin sein.

Wie bei Heftromanen üblich, hat Perry Rhodan seit dem Start der Serie im Jahr 1961 ganze Heerscharen von Autoren beschäftigt. Seine Erfinder Karl Herbert Scheer und Walter Ernsting gehören da allerdings nicht mehr dazu: Ernsting starb 2005 im Alter von 85 Jahren in Salzburg.

Reinhard Ebner

Perry wer?


Moment! Wie hat das mit Perry Rhodan eigentlich angefangen?

Wir schreiben 1959/60. Von den Kunden deutscher und österreichischer Leihbüchereien wird Science Fiction sehr geschätzt. Längst versunkene Verlage stillen die Lust der Leser nach Abenteuern in fernen Galaxien - wo es natürlich trotz aller Technik und aller Lebensformen, die auf den Humanoiden warten, immer noch sehr menschelt. Ein wichtiger Autor ist K. H. Scheer, der sich mit der 50-Hefte-Reihe "ZBV - Zur besonderen Verwendung" schon mal an die unendliche Rhodan-Serie herantastet.

 

1961 ist es dann soweit: Der Astronaut Perry Rhodan und sein Freund und Kollege Reginald Bull fliegen mit einer Rakete zum Mond. Der geniale Coup zum Start von "Perry Rhodan" ist, daß der Plot des ersten Heftes "Unternehmen Stardust" in naher Zukunft beginnt - im Jahr 1971. Scheer hat sich nur knapp verschätzt, zumindest, was die echte Mondlandung anging. In den ersten Heften geht es dann Schlag auf Schlag: Rhodan findet auf dem Mond ein havariertes Schiff der Arkoniden, rettet den Wissenschaftler Crest und die Kommandantin Thora. Letztere dankt es Rhodan zunächst nicht, wird aber später seine Frau. Rhodan einigt mit einer Handvoll Mitstreiter die Erde, entdeckt die Mutanten und bindet sie an sich, nimmt Kontakt zu anderen Planeten und deren Bewohnern auf, kämpft gegen Wesen aus einem zeitversetzten Universum und versucht, die Position der Erde geheimzuhalten, was natürlich nicht auf Dauer gelingt. Im Gegensatz zu den an sich hochzivilisierten Arkoniden Crest und Thora erlangen er und einige weitere Personen aus seinem Umfeld die relative Unsterblichkeit. Er altert nicht, Krankheiten können ihm nichts anhaben, solange er seine Zelldusche bekommt. Und die wird nur alle 60 Jahre nötig ...

 

Erstaunlich sind die ersten Hefte der Serie allemal - zum einen für Menschen, die auf 60er-Jahre-Zeitgeist stehen, zum anderen, weil die Geschichte schon damals stringent und auf hohem Niveau erzählt wurde. Dabei fällt natürlich auf, daß die Vorstellung der technischen Zukunft teilweise wirklich sehr nah an unserer heutigen Realität war, aber eben oft auch lachhaft anders. Selbst in ferner Zukunft sind die Computer noch gigantische - und immer gigantischer werdende - Riesenrobotgehirne. Ihr Einfluß wird allerdings sehr plastisch geschildert, vor allem in der Hörbuch-Ausgabe der "Silberedition" (so heißen die Bücher, in denen die Hefte zusammengefaßt sind).

Die Optik der bei Eins A Medien erschienenden Box-Sets mit 12 bzw. 13 CDs entspricht diesen Bänden. Das große Plus ist allerdings der Schauspieler Josef Tratnik, der mit Akribie und toller Stimme den Zuhörer an die SF-Groschenromane bindet. Als Einstieg in den Rhodan-Kosmos seien die CD-Schachteln also wärmstens empfohlen. Noch in diesem August erscheint übrigens "Silber Edition 13 - Der Zielstern", die bisherigen zwölf Teile sind natürlich weiterhin erhältlich.

 

Manfred Prescher 

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Kommentare_

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lol - 21.08.2007 : 13.11
Hr Ebner sollte sich mal http://de.wikipedia.org/wiki/Hörbuch und http://de.wikipedia.org/wiki/Hörspiel zu Gemüte führen, dann würde es eventuell wenigstens fürs BILD-Niveau reichen.
Snorpel, the mighty Porpel - 21.08.2007 : 15.47
Tja, und wenn dir keine ausführlichere Kritik einfällt, solltest du wohl schön weiter BILD lesen.

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