Stories_Unterwegs mit Sherlock Holmes

Wenn sich Holmes mit Lovecraft ins Bett legt

Eine Autofahrt mit Thomas Fröhlichs neuem Hörbuch "Das Geheimnis des Illusionisten" ist gleichermaßen unterhaltsam wie lehrreich. Dennoch sei gleich einmal davor gewarnt: Der Ausflug ins Reich zwischen den Welten von Arthur Conan Doyle und Howard Philips Lovecraft kann teuer zu stehen kommen.    28.10.2014

Knapp 130 Jahre ist es her, daß der britische Autor Arthur Conan Doyle die Detektivfigur des Sherlock Holmes schuf. In der Folge machte er sie zum Helden von 56 Kurzgeschichten und vier Romanen. 1893 versuchte er, die Serie mit dem Tod des Detektivs abzuschließen - um ihn später aufgrund des allgemeinen Leserprotests wiederzubeleben. Damals meinte er: "If I had not killed him, he certainly would have killed me." In gewisser Weise löst der Plot von Fröhlichs Hörspiel genau diese Vorahnung des Sherlock-Holmes-Autors ein.

Gegenüber gedruckten Büchern sind Hörbücher und -spiele in einer Hinsicht klar im Nachteil: Keine der akustischen Aufbereitungen kommt an die Lesegeschwindigkeit eines halbwegs alphabetisierten Lesers heran. Dafür können sie dann ihre Stärke ausspielen, wenn Lesen nicht möglich ist, etwa im Bett vor dem Einschlafen (siehe die "Schlaflos"-Serie im EVOLVER) oder im Auto. In diesem Fall wurde das besprochene Hörspiel während einer Fahrt von Oberösterreich nach Wien auf Autotauglichkeit und das daraus resultierende "Fahrgefühl" erprobt.

 

Die erste CD ist in den Player des Autoradios eingelegt. Wenige Augenblicke später entführt uns Fröhlich ins Jahr 1916, in die Londoner Baker Street, wo der ewige Junggeselle Sherlock Holmes wohnt und dessen Arzt sowie ständiger Begleiter Dr. Watson zu Besuch kommt. Holmes´ Haushälterin Mrs. Hudson hat einen schrägen Auftritt, bei dem es um den beträchtlichen Opiumkonsum des Detektivs geht - schließlich befinde man sich in einem "anständigen Haus".

Holmes hat seine kontemplative Phase als Imker und Orchideenzüchter in Sussex hinter sich gelassen. Draußen tobt der Erste Weltkrieg. Dennoch wirkt in ihm immer noch unerschütterlich der Fortschrittsglaube des 19. Jahrhunderts fort. Die Welt ist faßbar und mit Logik zu beherrschen. Holmes bekommt ja auch wiederholt Gelegenheit, seinen überlegenen Intellekt unter Beweis zu stellen.

Bald danach jedoch kriegt dieses Weltbild erste Risse. Die alptraumhafte Welt H. P. Lovecrafts bricht in die Baker-Street-Idylle ein - in Gestalt einer "mesmeristischen Soiree" im Miskatonic Theatre, in deren Verlauf mehrere Menschen verschwinden. Während das Verhängnis im CD-Player seinen Lauf nimmt, sind wir mit dem Auto in Steyr angelangt und halten Kurs auf die Autobahnauffahrt in Haag. Das ist der geographische Punkt, wo´s eins auf die Ohren gibt: Durch das Geschehen im Theatersaal abgelenkt, geraten wir in die Radarkontrolle auf der Straße. 25 Euro sind zu berappen - das muß uns das Hörvergnügen wert sein.

Humphrey van Weiden, Literaturkritiker der Times, der junge Edwin Drood und die bezaubernde Mina Harker sind verschwunden. Sie waren der Aufforderung des ägyptischen Illusionisten Nyarlathothep gefolgt, auf die Bühne zu kommen; danach blieben lediglich drei zerbrochene Spiegel von ihnen zurück.

Wieder zu Hause angekommen, steht Holmes erstmals vor einem unlösbaren logischen Problem: Auf dem Tisch liegen ein Paket und Brief von besagter Mina Harker. Obwohl der Brief vor vier Jahren aufgegeben wurde, schildert er das soeben erlebte Ereignis. Darüber hinaus enthält das Paket ein Buch: den Erstdruck von Bram Stokers "Dracula", in dem ausgerechnet eine Protagonistin namens Mina Harker auftaucht.

Durch dieses Vorkommnis und ähnliche in weiterer Folge wird ein Lieblingssatz des Detektivs bis zur Unsinnigkeit überdehnt: "Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muß das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag." Was diese Wahrheit sein könnte, wird vorerst immer rätselhafter: Ein Brief Jack Londons taucht auf, der ebenfalls die Soiree erwähnt. Der Journalist van Weiden wurde unterdes in eine Nervenheilanstalt eingewiesen und behauptet, er sei eben dieser Jack London.

 

Es wird Zeit, die zweite CD einzulegen. Wir befinden uns auf der Autobahn, irgendwo in der Wildnis zwischen den Abfahrten Amstetten West und Ost. Holmes und Watson begeben sich in die Anstalt, die von ebenso liebevoll ausgeführten wie skurrilen Figuren bevölkert ist, darunter einem Direktor, der ausgiebig Holmes´Schädel bewundert. Und dann fällt ein Schuß ...

Auch Charles Dickens´ letzter, unvollendeter Roman ("Das Geheimnis des Edwin Drood") und dessen Hauptfigur mischen sich nun in den zunehmend komplexer werdenden Plot ein. Als wir auf der Höhe von Böheimkirchen sind, verschwindet Holmes in eine Opiumhöhle - und wir fragen uns, ob das Ganze nicht vielleicht eine Drogenphantasie des Detektivs ist.

Ist es nicht. Mehr sei hier nicht vorweggenommen. Außer daß der Schluß gaaanz böse ist. Daß es trotzdem eine Lust ist, bei dieser wilden Mischung aus Doyle, Lovecraft und Stoker die Ohren zu spitzen. Und daß sich das aus zwei CDs bestehende Hörspiel auf der Fahrt von Oberösterreich nach Wien ausgezeichnet zu Ende hören läßt ...

Reinhard Ebner

Thomas Fröhlich - Sherlock Holmes Phantastik. Das Geheimnis des Illusionisten

ØØØØ

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Nach Motiven von H. P. Lovecraft, Bram Stoker und Sir Arthur Conan Doyle

 

Winterzeit Tonträger (D 2014)

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