Print_Franzobel - Lusthaus

Schule der Gemeinheit

Wien, du schöne Leich´, du Metropole der Todessehnsucht, du Heimat der morbiden Typen und miesen Charaktere. Schon schön, wenn Literatur von alten Klischees zehren kann …    04.11.2002

Franzobel, der 1967 in Vöcklabruck geborene Hansdampf in allen Gassen der gegenwärtigen österreichischen Literaturszene, ist ein Vielschreiber. Erst heuer erschien der Roman "Lusthaus", momentan läuft sein Stück "Austrian Psycho" im Rabenhof, und der nächste 600-Seiter ist auch schon in Arbeit.

So dick ist "Lusthaus" glücklicherweise nicht, aber wie bereits bemerkt: Franzobel ist ein Vielschreiber, und das merkt man mitunter auch. Während die Figuren des Romans so grotesk und bösartig sind wie sonst auch, zeigt sich die Handlung seltsam zerfleddert: Da ist eine mumifizierte Kinderleiche in der Gruft von Palermo, die im heutigen Wien als Seelenwanderin umgeht und keine wirkliche Funktion erfüllt - ein zielloses Detail, ein Gedankenblitz des Autors ohne Folgen. Weiters kommt ein Nekrologschreiber des Rundfunks namens Zsmirgel vor, dessen journalistische Objekte stets kurz nach dem Verfassen eines Nachrufs das Zeitliche segnen. Und dann gibt's noch Manker, die heimliche Hauptfigur, die Zsmirgel durch eine Schule der Gemeinheit führt, um ihm das schlechte Gewissen auszutreiben. Natürlich dürfen auch das übliche Rudelbumsen mit wechselnden Akteuren und der Tod als allgegenwärtiger Begleiter nicht fehlen. Kurz: Das Buch erfreut mit Franzobelschem Brachialhumor, grotesken Gestalten und absurder Szenerie - bloß die losen erzählerischen Enden und unmotivierten Handlungsstränge machen die Lektüre etwas mühsam.

Reinhard Ebner

Franzobel - Lusthaus

ØØØ


Zsolnay (Wien 2002)

 

Links:

Kommentare_

Stories
Unterwegs mit Sherlock Holmes

Wenn sich Holmes mit Lovecraft ins Bett legt

Eine Autofahrt mit Thomas Fröhlichs neuem Hörbuch "Das Geheimnis des Illusionisten" ist gleichermaßen unterhaltsam wie lehrreich. Dennoch sei gleich einmal davor gewarnt: Der Ausflug ins Reich zwischen den Welten von Arthur Conan Doyle und Howard Philips Lovecraft kann teuer zu stehen kommen.  

Print
James Marriott/Kim Newman - Horror

Hundert Prozent Grauen!

Eine ordentliche Portion Zombies und Geister, ein Rudel Werwölfe, eine Prise Vampirismus, das Ganze abgeschmeckt mit Blut und Gedärm und appetitanregend dekoriert mit Serienmeuchlern und Folterknechten: Das Ergebnis heißt "Horror" und ist das Filmbuch, auf das wir schon lange gewartet haben.  

Akzente
Literatursalon im Gemeindebau

Kainsmale und Seelen-Strips

"Literatursalon im Gemeindebau" heißt eine Veranstaltung des Theaters Rabenhof. Große Namen aus der Schreiberzunft - wie Chuck Palahniuk - und unfade Literatur werden so vom 11. September bis zum 5. Dezember in einem Veranstaltungsreigen versammelt.  

Print
Hörbuch-Tips 1/07

Wer fühlen will, muß hören

Horror, Thrill, Humor: Mit den sommerlichen Hörbuch-Tips spielen wir ordentlich Gefühlsklavier - und das insgesamt 1722 Minuten lang. Außerdem haben wir etwas zu verschenken. Aber lesen Sie selbst.  

Stories
Schlaflos #9

Das Weltall ist nicht genug

Auch ein Perry Rhodan hat gelegentlich Sex - aber von Verhütung keine Ahnung. Das Ergebnis des außerehelichen Gspusis ist der "Sternenbastard". Und der spielt die Hauptrolle in einer höchst unterhaltsamen Hörbuchserie.  

Akzente
Tower of Power ´07

Noch ein Sommer im Narrenturm

Bereits zum zweiten Mal darf der EVOLVER zu einer Veranstaltungsreihe im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum, besser bekannt als "Narrenturm", laden. Freunde des Ab- und Jenseitigen werden auch diesen Sommer nicht zur Ruhe kommen.