Print_Hans-Jürgen Krug - Kleine Geschichte des Hörspiels

Gehört gehört

80 Jahre Hörspiel: Um den ehemaligen Tummelplatz namhafter Autoren mit Millionenpublikum ist es heute ruhig geworden.    20.01.2004

Hand aufs Herz: Wie viele Radiohörspiele haben Sie in ihrem Leben von Anfang bis Ende angehört? Eines, drei, mehr als fünf? In den meisten Fällen wird die Antwort wohl "keines" lauten, ebenso wie wohl kaum jemandem auf Anhieb der Titel eines Hörspiels einfallen dürfte. Das Radiohörspiel ist als Genre so gut wie tot und konnte leider auch am gegenwärtigen Boom im Bereich der Hörbücher nur am Rande partizipieren. Dennoch geht auch heute noch ein erklecklicher Teil des Budgets öffentlich-rechtlicher Sender für die Produktion ambitionierter Hörspielprojekte drauf. Werden die Resultate nicht nur via Funk gesendet, sondern auch auf CD verkauft, wie dies immer öfter geschieht, rentiert sich das mitunter sogar.

"Die Gedichte von Ingeborg Bachmann verkaufen sich besser als die Romane von Kitschautorin Rosamunde Pilcher", berichtet Hans-Jürgen Krug in seiner "Kleinen Geschichte des Hörspiels". Womit auch eine Besonderheit dieser Hörsparte angesprochen wäre: Hörspielliebhaber setzen durchaus auch auf literarischen Anspruch, die Phrase "internationaler Bestseller" hat hier deutlich weniger Zugkraft. Apropos Ingeborg Bachmann - die Lyrikerin gehörte zu jenen Autorinnen, die zunächst vor allem über das Hörspiel (u. a. "Der gute Gott von Manhattan") Bekanntheit erlangten.

Mittlerweile ist das Hörspiel ein alter Herr geworden, dessen achtzigster Geburtstag naht. Als Geburtsstunde des deutschen Hörspiels nämlich gilt die Ursendung von "Zauberei auf dem Sender", die im Jahre 1924 in Frankfurt ausgestrahlt wurde. Bald erreichten die Hörspiele ein Millionenpublikum, wurden zur "besten Sendezeit" ausgestrahlt und galten als "Krönung des Funks" (Richard Kolb im Jahr 1932). Hörspiele wurden damals speziell für den Funk verfaßt und waren noch nicht Teil einer multimedialen Verwertungskette. Der vermutlich Erste, der einen Versuch in dieser Richtung machte, war Alfred Döblin mit "Berlin Alexanderplatz"; der Stoff wurde jeweils adaptiert, um Buch, Film und Radio (Hörspiel) spezifisch zu bedienen.

Flog das Hörspiel mit der Nazi-Herrschaft weitgehend aus den Programmplänen, so setzte man nach dem Krieg dort an, wo man davor aufgehört hatte. Welche Wirkungskraft das Genre damals noch hatte, schildert der spätere Hörspielautor Dieter Wellershoff: "Ich war mit drei anderen allein auf der Bude, als Bodo aufgeregt hereinstürzte und rief: 'Kommt mal schnell rüber! Da ist was Tolles im Radio!' In der Nebenstube saßen schon mehrere und gaben uns mit einer schnellen Handbewegung zu verstehen, wir sollten uns still dazusetzen." Das Hörspiel als Gemeinschaftserlebnis, das in ehrfürchtigem Schweigen absolviert wird. Wir schreiben übrigens das Jahr 1947, und was da Tolles im Radio läuft, ist Borcherts expressionistisches Kriegsdrama "Draußen vor der Tür".

In der Folge setzte alles, was Rang und Namen hatte, auf das Hörspiel: Aichinger, Andersch, Böll, Dürrenmatt, Frisch, Grass, Hildesheimer, Lenz, Martin Walser und andere mehr. Gar mancher lebte in erster Linie von den Radiohonoraren, und ein Autor wie Günter Eich war vor allem für seine Hörspiele bekannt und setzte damit die Standards. Bis zwei wilde Österreicher kamen und das so genannte Neue Hörspiel mitetablierten - gemeint sind Ernst Jandl und Friederike Mayröcker.

Und heute? Heute ist es ruhiger ums Hörspiel geworden, obwohl die Radiosender kaum weniger davon produzieren, eher sogar mehr. Vielleicht eine Anregung, einmal auf die Hit-Orgeln der Öffentlichen und Privaten zu verzichten und in ein Hörspiel reinzuhören...

 

Reinhard Ebner

Hans-Jürgen Krug - Kleine Geschichte des Hörspiels

ØØØØØ


UVK (Konstanz 2003)

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