Henry David Thoreau - Walden oder Leben in den Wäldern
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Diogenes (Zürich 2004)
Sie haben den Alltagstrott satt? Ein Aufenthalt in den Wäldern kann oft Wunder bewirken. Zumindest laut den faszinierenden und verschrobenen Aufzeichnungen des H. D. Thoreau. 31.01.2005
Beim lakonischen Titel des 1854 erstmals publizierten Büchleins von Henry David Thoreau könnte man schon fast an einen Trendsport denken: "Walden" oder Foresting als ein früher Vorläufer des Vital Walking? Mitnichten. Walden ist der Name jenes einsam (und inmitten von Wäldern) gelegenen Sees in Massachusetts, an dessen Ufern sich Thoreau 1845 niederläßt.
Die Einsiedelei war von Anfang an zeitlich begrenzt - für den Schriftsteller, Lehrer und Landvermesser (und wohl vor allem Lebenskünstler) Thoreau somit in erster Linie ein Experiment. In seinen nun bei Diogenes neu aufgelegten und mit einer ebenso kurzweiligen wie kenntnisreichen Einführung versehenen Aufzeichnungen führt er genaues Tagebuch über sein "Leben in den Wäldern" (so der deutsche Untertitel).
Wer sich wildromantische Naturszenerien und ätherische bis esoterische Betrachtungen erwartet, ist mit Rosamunde Pilcher besser beraten. Das eigentlich Faszinierende an Thoreau und seinem Werk ist nämlich das aus heutiger Sicht offenbare Mißverhältnis zwischen diesem nach "Natur Pur" und "Ja! Natürlich" klingenden Projekt und seinem sehr nüchternen, ökonomisch bestimmten Wesen. Der Bürokrat als Revoluzzer.
Hier kommt auch gleich die herbe Enttäuschung für all jene, die von einem selbstbestimmten Leben in und mit der Natur träumen, von der äußeren wie inneren Emigration, um sich der Entfremdung im Wirtschaftsleben zu entziehen: Wie Thoreau gleich zu Beginn seiner Aufzeichnungen detailliert vorrechnet, war das Projekt "Walden" ein wirtschaftlicher Mißerfolg (in Zahlen betrug das dadurch erwirtschaftete Defizit 25,21 Dollar). Und dies, obwohl Thoreau Lebensmittel nicht nur für den eigenen Bedarf anbaute, sondern den Überschuß auch verkaufte.
Was aber wollte der Mann aus Concord dann in der gottverlassenen Wildnis? Der Ansatz war offenbar ein revolutionärer. Zu zeigen, wie die freie Entfaltung der Persönlichkeit befördert werden kann, wie sich der Mensch entwickelt, wenn er sich erst mal von den Zwängen von Besitz und gesellschaftlichen Konventionen befreit hat. Auch hier zeigt sich wieder der innere Widerspruch in der Person Thoreaus: Immerhin schrieb dieser stellenweise so hugenottisch klingende Autor das agitatorische Buch "Über die Pflicht zum zivilen Ungehorsam gegenüber dem Staat". Im Konflikt mit der Steuerbehörde ging er sogar ins Gefängnis. (Wo bleibt bloß der Thoreau der Neuzeit, der Steuerverweigerung endlich wieder salonfähig macht?)
Ob Thoreau sein Experiment als gelungen erachtet oder nicht, läßt er nicht erkennen. Er hat es jedenfalls nicht wiederholt. Ein kurzes, bloß 45-jähriges Leben ließ ihm auch keine Zeit dazu. Man kann sich die Frage stellen, inwieweit seine kuriosen, mehr als asketischen Ansichten zur Ernährung hierzu beigetragen haben. Dafür erfreut der Autor neben den liebevollen Naturbeschreibungen einer sehr beschränkten Topographie ("Die Ufer sind die Lippen des Sees, auf welchen kein Bart wächst. Er leckt sie von Zeit zu Zeit ab.") mit einer Vielzahl schöner Einsichten. Hier eine kleine Auswahl, um sie sie sich - so man mag - auf die Kalenderblätter zu schreiben:
Der Mensch ist umso reicher, je mehr Dinge er liegen lassen kann.
Es macht nur wenig Unterschied, ob man auf seinem Gut sitzt oder im Gefängnis.
Tatsächlich hat der arbeitende Mensch keine Muße zu einer wahren Ganzheit. Er hat keine Zeit, etwas anderes zu sein als eine Maschine.
Den größeren Teil von dem, was meine Mitbürger gut nennen, halte ich innerlich für schlecht. Und wenn ich irgend etwas bereue, so ist es höchstwahrscheinlich mein gutes Betragen.
Wachsein heißt leben. Noch nie haben ich einen Menschen getroffen, der ganz wach gewesen wäre.

Henry David Thoreau - Walden oder Leben in den Wäldern
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Diogenes (Zürich 2004)
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