Print_Jorge Luis Borges - Eine neue Widerlegung der Zeit

Nachrichten aus dem Elfenbeinturm

Wie lange dauert die Hölle? Ein Autor, der vor Büchern die Welt nicht mehr sieht, beantwortet Fragen, die kein Leser je stellt.    02.12.2003

Als ein "Festmahl der Ideen" bezeichnet Tim Parks in seinem Nachwort die Essays von Jorge Luis Borges - und findet damit zugleich eine treffende Definition dessen, was den Leser an diesem Autor fasziniert. Borges Essays sind keine Polemiken, keine Meinungsmache, sie entwickeln bloße Denkmöglichkeiten und eröffnen damit eine neue Sicht auf die Welt, die uns umgibt. Diesem Ansatz entspricht auch sein reges Interesse daran, was Menschen zu allen Zeiten dachten. Erfreulicherweise ist Plausibilität dabei kein Kriterium der Auswahl. Je skurriler und origineller, desto besser, scheint es. Borges beurteilt Weltanschauungen nach ihrem ästhetischen Gehalt.

Die in Eichborns "Anderer Bibliothek" erschienene Sammlung kann nur einen verschwindenden Bruchteil der insgesamt 1200 Essays aufnehmen, die Borges in einem weitgehend ereignislosen, aber umso lektürereicheren und publizierfreudigeren Leben verfaßt hat. Dennoch - die Auswahl der 67 Essays, 18 davon bislang nicht ins Deutsche übersetzt, ist gut getroffen: Man findet hier Texte aus sämtlichen Lebensphasen des Autors, nicht nur zu dessen Leibthemen Literatur und Philosophie sowie Leitmotiven wie der Frage nach der individuellen Identität und dem Wesen der Zeit, sondern auch zu Zeitgeschichte und Politik. Seine aus sehr persönlicher Warte formulierten Ansichten zu Nationalsozialismus und Peronismus widerlegen dabei erstmals, dafür aber umso nachhaltiger das hartnäckige Gerücht, Borges sei politisch eher dem rechten Rand zuzuordnen gewesen. Ohnedies absurd, wenn man bedenkt, daß es gerade seine politische Haltung war, die ihn im peronistischen Argentinien den Job kostete.

Auch wenn es den Spaß an der Lektüre nicht wirklich stören kann, sei doch eine kleine Bemerkung zum Schriftbild gestattet: durchgängige Kursivschrift, Unterstreichungen im Text und "Fußnoten" an den Seitenrändern ... etwas mehr typographische Konventionalität hätte hier gutgetan und die Lesbarkeit erhöht.

Reinhard Ebner

Jorge Luis Borges - Eine neue Widerlegung der Zeit

ØØØØØ


Eichborn (Frankfurt am Main 2003)

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