Print_K. Lenzer/P. Holstein - 30 - bis hierher ...

Verflixte 30

Runde Geburtstage haben es in sich, aber Gott sei Dank gibt es ein Leben jenseits der dreißig. Nach der "Quarterlife Crisis" entdecken zwei Autoren nun die Krise nach dem ersten Drittel.    28.07.2004

Es ist noch nicht lange her, da riefen zwei junge Amerikanerinnen die "Quarterlife Crisis" aus. Irgendwann so um die 25 merken die schönen und ebenso erfolg- wie finanzreichen Männlein und Weiblein angeblich, daß das nicht alles gewesen sein kann. Das kommt Ihnen bekannt vor? Seltsam ... Der Schreiber dieser Zeilen hat zwar zahlreiche krisengebeutelte Menschen in seiner Bekanntschaft; darunter ist jedoch keiner, auf den diese Beschreibung zuträfe.

Die Journalisten Kathrin Lenzer und Philipp Holstein nehmen sich desselben publizistischen Zugpferdchens an, zäumen es jedoch anders auf. Ihr Befund: Irgendwann um die 30 realisieren die meisten, daß sich ihr Leben nicht so gestaltet, wie sie es sich nach Beendigung der Ausbildung ausgemalt hatten. Der Altersunterschied von fünf Jahren gegenüber dem Vorgängerbuch erklärt sich dabei unter anderem aus den längeren Ausbildungszeiten im europäischen Raum - zumindest im Falle höherer Bildung. Der 30. Geburtstag wird dabei als das symbolische Datum bestimmt, an dem mancher einerseits realisiert, wie sehr Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, und bis zu dem andererseits Entscheidungen getroffen wurden, die die künftige Zahl möglicher Lebensentwürfe beschränken.

Das Thema schließt die Lücke zwischen Pubertät und Midlife-Crisis und entwirft so ein Leben, das im Grunde eine einzige Krise ist und die Nerven von früh bis spät strapaziert. Wobei der Dreißiger ein besonderes Datum darstellt, wie eine Kurzumfrage in besagtem eigenem Bekanntenkreis ergab: Während sich die einen in Extremsportarten versuchen, greifen Zarterbesaitete zu Schopenhauer. Da fällt es einem schwer, zu entscheiden, was erstrebenswerter sein mag.

So spekulativ der Ansatz von Lenzer/Holstein - beide sind übrigens für ein Blatt namens "Rheinische Post" tätig - auch ist, so stimmig scheint er doch, zumal das Thema nicht im üblichen Trend- und Lifestyle-gesättigten Geschwafel einschlägiger Magazine, sondern auf sehr persönliche Weise abgehandelt wird. In 40 Geschichten, Episoden und Essays nähern sich die Autoren der Krise nach dem ersten Drittel - indem sie aus ihren kleinen, erbärmlichen und gelegentlich glorreichen Leben erzählen. Sie tun dies frei von Raunzerei und mit einer bewundernswerten Selbstironie, die zudem für den einen oder anderen Lacher gut ist.

Auf erfrischende und sympathische Art werden Aspekte wie die erste Waschmaschine, die Leiden (zumeist wettbewerbsorientierter) Klassentreffen oder - schon weniger naheliegend - "Bumsburgen" und "Eierschneider" durchdekliniert. Als Leser schmökert man irgendwo hinein und realisiert schließlich, daß man das Buch, ohne es vorgehabt zu haben, zu Ende gelesen hat. Empfehlenswert für alle, die an der Krise, die da Leben heißt, teilhaben. Zumal die Autoren zu einem versöhnlichen Ausblick finden: "Wer heute erlebt, wie es sich anfühlt, verhindert zu werden, wird morgen dafür sorgen, daß es einmal anders zugeht." Na bitte.

 

Reinhard Ebner

Kathrin Lenzer/Philipp Holstein - 30 - bis hierher und wie weiter?

ØØØØ


rororo (Reinbek bei Hamburg 2004)

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