Print_Martin Suter - Huber spannt aus

Anarcho- Kolumnist

Seit Jahren schon erscheinen seine "Business Class"-Geschichten in der Schweizer "Weltwoche". Der Schöpfer des genialen Geri Weibel zeigt darin das leere Gepränge der Management-Welt.    03.05.2005

Martin Suter ist Anarchist. Versteht sich für den aufmerksamen Leser eigentlich von selbst, soll aber dennoch an dieser Stelle einmal festgehalten werden. Vermarktungsorientierte Urteile à la "Martin Suters Geschichten sind wohl das beste Mittel, um sich nach einem anstrengenden Arbeitstag den Streß von der Seele zu lachen" hat er daher nicht verdient. Für so etwas sind US-amerikanische Sitcoms zuständig.

Gleichwohl wird die in der Schweizer "Weltwoche" und in Buchform erscheinende "Business Class"-Kolumne oft gerade von Vertretern jener Zielgruppe gelesen, die sich bei Suters Schilderungen sinnentleerter Business-Rituale liebevoll sagen mögen: "Was sind wir doch für alte Schwerenöter!" Gelesen ist vielleicht der falsche Ausdruck: Nach Erfahrung des Rezensenten bevorzugen die alten Schwerenöter die Hörbuchfassung. Die ideale Untermalung zum Micro- oder Power-Nap im Büro.

Suters Kolumnen auf Streßbewältigung oder Selbstbespiegelung zu reduzieren, wäre verfehlt. Ebenso wie in seinen Geri-Weibel-Texten fürs "NZZ Folio" zieht er auch in "Business Class" der modernen Gesellschaft die Hosen runter und zeigt ein Gesäß, dessen man in "Trend"-iger Wirtschafts- und Management-Hofberichterstattung kaum ansichtig wird. Hier wird ein leeres und eitles Getriebe endlich auch als solches entlarvt.

Suters Figuren sind so sehr glänzende Oberfläche wie die einschlägigen Hochglanz-Wirtschaftsmagazine, in denen Vertreter der Spezies sich regelmäßig porträtieren bzw. in Home Stories beim Streicheln der Katze oder Gattin zusehen lassen dürfen. Die großen Menschheitsthemen - auch hier tauchen sie auf, allerdings seltsam pervertiert. Die Sterblichkeit des Menschen? Was zählt, ist die Sterblichkeit des Managers, und diese ist nicht nur hochgradig beleidigend, sondern auch unökonomisch, kurz: "eine unglaubliche Verschwendung von Know-how". Die Gegenaufklärung als selbstgewählte Entmündigung des Managers: Die ans Delegieren gewohnte Schweizer Führungskraft ist ohne Mitarbeiterstab nicht einmal fähig, einen Liegestuhl am Badestrand zu mieten. Geld als Rechtfertigung für Status: "Eine Führungskraft braucht Respekt. Und den verschafft sie sich durch das Gehalt, nicht durch die Leistung."

Das Leben als ein einziger Aufstieg, bis der tiefe Fall kommt, der in diesem Fall nur Pensionierung heißen kann. Gesamtwirtschaftliche oder gesellschaftliche Belange, ja sogar die eigene Familie (und das Wohl der Mitarbeiter sowieso), werden ausgeklammert, um alles im Licht möglicher Karriereoptionen zu betrachten. Das entsprechende Vokabular bestimmt auch die zwischenmenschliche Kommunikation im persönlichen Bereich ("Es liegt mir daran, Sie persönlich über eine Neuorientierung in meinem privaten Umfeld zu informieren: Meine Frau, Helen Ketterer, und ich haben die Trennung beschlossen"). Der letzte Rest an Urteilsvermögen wird auf die eigene Karriere verwendet. Feinste Abstufungen werden geschaffen, um auch noch die geringste – festgestellte oder eingebildete – Bewegung nach oben messen zu können. "Wir bewegen uns im psychischen Bereich", heißt es etwa, wenn Ganter die Stufe vom Upper Top Middle zum Top Top Middle Management nimmt, weil ihm ein Du-Wort angeboten – und wieder entzogen wurde.

"Oder braucht es eine Begründung?", fragt Ketterer, als er an obenstehendem Rundmail - betreffend die Trennung von seiner Frau - feilt. Diese schüttelt den Kopf: "Man wird es verstehen." Martin Suters "Business Class"-Kolumnen haben etwas Befreiendes, das – abgesehen vom überschäumenden Humor – zum Lachen bringt. Ein latentes Unbehagen an der gegenwärtigen Beschaffenheit von Gesellschaft und Wirtschaft wird in Worte gekleidet. Absonderliche Rituale und abstruse Ansichten werden mit einer Leichtigkeit entblößt, die gänzlich auf den erhobenen Zeigefinger verzichten kann. Man wird es - trotzdem - verstehen.

Reinhard Ebner

Martin Suter - Huber spannt aus - und andere Geschichten aus der Business Class

ØØØØ


Diogenes (Zürich 2005)

 

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