Roman Sander (Hrsg.) - Drachennächte. Fantasy-Geschichten
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dtv galleria (München 2005)
Eine Anthologie aktueller Fantasy-Stories zeigt die Spannbreite des Genres - und macht dabei zugleich dessen Stärken und Schwächen deutlich. 06.06.2005
Daß Fantasy zum Bestseller taugt, weiß man nicht erst seit J. R. Tolkiens in epischem Ton gehaltener Ring-Trilogie. Auch daß der Ruf des Genres generell ein übler sei, stimmt längst nicht mehr: Wer sich heute mit dem "Herrn der Ringe" in der U-Bahn sehen lässt, muß damit rechnen, daß man ihn angesichts des Wälzers für einen Literaturprofessor oder verkappten Literaten hält - was in vielen Fällen ohnehin dasselbe ist. (Für Wolfgang Hohlbein-Leser gilt dies natürlich in bedeutend geringerem Maße.)
Die dtv-Anthologie "Drachennächte" misst das Genre in seiner ganzen Spannbreite aus und versammelt Fantasy-Stories von zehn Autoren. Die Erzähler selbst stammen aus aller Herren Länder, vom angelsächsischen Raum über Deutschland bis Russland, und auch ihr Ansatz ist höchst unterschiedlich und reicht von der zeitkritischen Satire bis zu Volksmärchen und -sage.
Zwei Texte der Sammlung machen dabei deutlich, in welchem qualitativen Spannungsfeld sich literarische Fantastik bewegt. Auf Uschi Zietschs latent xenophoben und germanophilen Mythenmix der "Sturmnacht" folgt der verspielt-vergnügliche Gedankenflug Terry Pratchetts in der "Trollbrücke". Zietsch versammelt beispielsweise diverses Material aus Mythen und Aberglauben, um von einer Wilden Horde zu fabulieren, die sich ein unschuldiges Kind holt. Warum wird allerdings nicht ganz klar.
Ebenso klischiert wie die Handlung ist hier auch die Sprache: Wind peitscht der armen Heldin den Regen ins Gesicht, grüner Schleim tropft von den Lefzen der Bösewichte und natürlich glühen da und dort bedrohlich die Augen, als wären John Carpenters Schiffbrüchige aus "The Fog" wiederauferstanden. Daß die Wilde Horde ausgerechnet als die "Windischen", also mit dem Namen der Slawen, bezeichnet werden, würde bei einem H.C. Artmann vielleicht als liebenswürdige Ironie durchgehen, passt in diesem Fall allerdings bestens ins Bild: Hier ist jedes Wort so todernst, wie die Slawen mit ihren glühenden Augen todbringend sind. Daß das Haupt des Herrn der Wilden Horde, des so genannten Wilden Jägers, ausgerechnet mit "sich windenden, schwarzen Schlangen" bedeckt sein soll, überrascht bei solch wildem Mythenmix schon gar nicht mehr. Wenngleich man sich fragen muß, was die Erinnyen, bei denen dieser Kopfschmuck offenbar geklaut wurde, mit der Wilden Jagd zu tun haben sollen.
Scheibenwelt-Experte Terry Pratchett ist da schon ein ganz anderes Kaliber. Wenn dieser Mann den reitbaren Untersatz seines Helden beschreibt, klingt das so: "Das Pferd sah aus wie ein verbeulter Toastständer; der Mann erweckte den Anschein, als falle er nur deshalb nicht vom Rücken seines Reittieres, weil ihm selbst dazu die nötige Kraft fehlte."
Daß sich Pratchett auf ausufernde Romane versteht, weiß man,
hier zeigt er sich auch als Meister der kurzen Form, indem er auf 15 Seiten den Sinn der Lebens einer genauen Untersuchung unterzieht. Worin liegt dieser etwa für die armen Trolle, die dazu gezwungen sind, unter Brücken zu hausen? Oder für alternde Helden in einer Welt, wo es keine Schätze mehr zu heben, sondern nur mehr Geschäfte zu machen gibt? Das Figureninventar des Fantasy-Genres beklagt das Fortschreiten einer Zeit, die offenbar auf sie verzichten kann. Was als - freilich etwas skurriles - Heldenepos startet, endet im nostalgisch-wehmütigen Geschwätz alter Männer. "Was ist bloß aus der Welt geworden?", lautet der Stoßseufzer am Ende. Man kann ihn nachempfinden.
Die Motivwelt des russischen Volksmärchen ist dagegen der Ausgangspunkt der "Sonnwendherrin" aus der Feder der Mikrobiologin und Turntänzerin (!) Anna Kashina. Es ist interessant zu sehen, wie die Autorin Motive und Figuren aus Alexander Afanasjews Märchensammlung - von der Hexe Baba Yaga bis zum Wasser des Lebens - zu einer völlig eigenständigen Erzählung zusammenfügt, die erst gegen Schluß hin die Grenzen eines Märchens endgültig durchbricht. Von Gottkomplexen und Weltekel fabulieren schließlich Marion Zimmer Bradley und Ted White in ihrer recht originellen "Geburt eines Phönix".
Somit fügt sich das Buch zu einer durchwachsenen, aber dadurch auch exemplarischen Sammlung zeitgenössischer Fantastik. Ein guter Einstieg, um einen Überblick über die Möglichkeiten und Erzählstrategien des Genres zu gewinnen.

Roman Sander (Hrsg.) - Drachennächte. Fantasy-Geschichten
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