Stories_r.evolver - Surfin Saigon, Kapitel 02

Frankensteins Todesrennen

Wie´s ausschaut, hat Kay ein Kind gehabt. Was wird sie jetzt unternehmen? Gott sei Dank ist unsere Agentin einigermaßen stressresistent, man möchte sogar sagen "bulletproofed" (zumindest hat sie bis heute jeden Einsatz überlebt). Glück im Unglück - weil jetzt geht´s erst so richtig los.    13.06.2019

Es folgt das ultimative Fahrsicherheitstraining mit Kay Blanchard. Erfahren Sie in diesem Abschnitt, wie man Einsatzfahrzeuge optimal bei Verfolgungsjagden einsetzt. Achtung: Wenn Sie Angst vor Krampussen haben, sollten Sie dieses Kapitel vorsichtshalber gemeinsam mit einer therapeutischen Begleitperson lesen! Streamen Sie dazu aber auf jeden Fall "Jesus Built My Hot Rod" von Ministry.

 

 

"Halt, ihre Jacke!" rief mir Ed Sailer zu, als der magersüchtige Ambulanzfahrer gerade die Seitentür zuschieben wollte. Ich setzte zur geharnischten Antwort an, dass ein solcher Fetzen Kay Blanchards Kleiderschrank nie gesehen hatte, da war das üble Stück schon in meinem Schoß gelandet. Es handelte sich um die Felljoppe, die Brugger mir vorhin fürsorglich unter den Kopf geschoben hatte. Als ich jetzt das Ungetüm betrachtete, kam mir ein Verdacht. War es mir etwa gelungen, der Perchtenlarve das Ding vom Leib zu reißen? Ja, war es! Und wo eine Jacke, da DNS-Spuren - und wo DNS-Spuren, da vielleicht eine Übereinstimmung in der Datenbank. Mein Herz klopfte im Tiki-Rhythmus, als ich die Taschen der Jacke durchsuchte. Ich zog die silberne Kappe eines Kugelschreibers der Lienzer Bergbahnen-AG heraus ... und eine zerknitterte Visitenkarte. Bingo!

Kids4You - Ihre Agentur für die schönste Aufgabe der Welt las ich. Neben dem Claim prangten die Kontaktdaten des Unternehmens; allerdings war der Schriftzug so verwittert, dass man nur mehr das Konföderations-Kürzel vor der Telefonnummer entziffern konnte. Schade.

Aber immerhin blieb mir die DNS. Es zählte also jede Sekunde. Ich löste den Gurt und riss das Schiebefenster zur Fahrerkabine auf: "Vergessen Sie das Krankenhaus", rief ich nach vorn. "Bringen Sie mich zur Gendarmerie! Sofort!"

"Das ist kein Taxi. Bleiben Sie gefälligst ..."

"Gut, ich bleibe. Dafür steigen Sie aus!" Mit einem gezielten Handkantenschlag stellte ich hinten den fetten Sani ruhig und fasste dann durchs Schiebefenster. "Was soll ... ?!" rief der Fahrer. Der Rest seiner Empörung ging in einem erstickten Schrei unter, weil ich ihn schon fest an seinem fettigen Rossschwanz gepackt hatte: "Stehenbleiben, sofort!" Kaum hatte der Rettungsfahrer mit schmerzerfülltem Blick an einer Bushaltestelle gehalten, knallte ich ihm die weitere Agenda ins schmalzverklebte Ohr. Dabei packte ich seine unappetitliche Haarpracht noch ein Stück fester: "Motor laufen lassen! Und dann raus mit dir!"

"Haben Sie überhaupt einen Führerschein?" wollte er ernsthaft von mir wissen.

"Kümmer’ dich lieber um deinen Kollegen hier, dem geht’s schlecht!" Wie aufs Stichwort stöhnte der Fette am Boden kurz auf. Um den Rossschwanz zur Eile anzuhalten, schenkte ich ihm noch eine gepflegte Ohrfeige. Dann passierte alles so, wie ich es verlangt hatte.

Während der Dürre den ohnmächtigen Sani aus dem Auto zog, sprintete ich zur Front des Wagens und klemmte mich hinters Lenkrad. Als die Tür zuschlug, legte ich krachend den ersten Gang ein.

"Sie nehmen einen Rettungswagen unerlaubt in Betrieb, das ist eine Straftat!" keifte der Dürre.

"Na und? Ich bin immun", sagte ich und gab Gas.

 

Tatütata - Folgetonhorn rules! Mit Blaulicht und Sirene jagte ich spektakulär durch die Straßen der City. Mittlerweile hatte dichter Schneefall eingesetzt. Die Abzweigung zum Zonenkommando kam gleich nach der Drau-Brücke. Ich bremste etwas zu heftig und schlitterte auf die linke Fahrbahn: "Bist du lebensmüde, Mädchen!" schrie die kleine Kay. Als hätte sie´s geahnt, tauchte in diesem Augenblick ein Lieferwagen vor mir auf. Sein Fahrer kompensierte meinen Fehler geschickt, indem er nach links auswich. Nur leider hatte ich das Lenkrad ebenfalls schon herumgerissen - mit dem fatalen Effekt, dass mir die Kiste jetzt erst recht frontal entgegenkam. Touché!

Dank der rutschigen Fahrbahn hatte die Ambulanz den Aufprall gut überstanden. Lediglich der Notfallkoffer hatte sich aus der Halterung gelöst, war neben mir aufs Handschuhfach geknallt und hatte seinen Inhalt verstreut: zig Schachteln mit 40er-Ritalin. Wie die wohl ins notfallmedizinische Konzept passten? Egal. Erfreut steckte ich eine Pillenschachtel ein. Glück muss der Mensch haben. Mein Unfallgegner war allerdings nicht damit gesegnet. Sein Mercedes hatte das Brückengeländer durchschlagen und war mit dem Heck über dem reißenden Fluss hängengeblieben. Immerhin wusste sich der Bruchpilot zu helfen. Radikal ließ er den Motor aufheulen. Sofort begannen sich die Vorderreifen auf dem eisglatten Asphalt zu drehen. Am Stand und in einem irren Tempo. Diametral langsam arbeitete sich der Wagen auf die Brücke zurück. Allradantrieb, wir loben dich, wir preisen deine Stärke!

Rumpelnd setzte der graue Mercedes wieder auf die Fahrbahn, gab Gas und ließ mich links liegen. Umso besser. Ich legte den Gang ein und warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel. Das Kennzeichen fetzte mir in die Pupillen: LZ-696969 - eine wie ich vergisst so eine Nummer nicht. Ruby und der Krampus rasten in die entgegengesetzte Richtung davon! Im Wenden nahm ich noch eine Laterne mit, dann Bleifuß.

 

Passo di Monte Croce Carnico - noch zwei Kilometer bis zur Zonengrenze. Mittlerweile war es stockdunkel. Die Sirene war durch den Crash ausgefallen, das Blaulicht hatte ich vorsichtshalber abgeschaltet. Wir rasten die 110er entlang, als gäbe es kein Morgen. Dichte Flocken wirbelten vor fleißigen Scheibenwischern. Theoretisch war so ein Wetter eine gute Tarnung. De facto hatte Mr. Mercedes aber garantiert mitbekommen, dass ihm jemand folgte. Mein Blick fiel auf die Tankanzeige, wo das Reservelämpchen die letzte halbe Diesel-Gallone anzeigte. Um jetzt in Fahrt zu bleiben, warf ich eine Weiße und drehte das Radio auf. Der freie Sender Lienz schleuderte "Iron Man" von Black Sabbath aus den Boxen. Nicht gerade blutdrucksenkend, aber der perfekte Soundtrack für eine Verfolgungsjagd. Gib Gas, Schätzchen! Vielleicht noch vierzig Meter, dann hast du ihn, motivierte mich die kleine Kay.

Nach einer Reihe heikler Kurven kam die lange Gerade, an deren Ende die berüchtigten Kehren der Passstraße warteten. Jetzt oder nie! Der Diesel heftete sich grollend an die Pneus des Vordermanns. Es rumste! Meine Stoßstange hatte ihn getroffen und ein Stück nach vorn katapultiert. Er geriet ins Schlingern, stabilisierte aber sofort wieder die Spur. Wo auch immer der Typ fahren gelernt hatte, das Geld war nicht zum Fenster rausgeschmissen. Rums! Front und Heck küssten sich erneut. Ein unvermutetes Ziehen machte sich im Unterleib bemerkbar. "Doch nicht jetzt, Darling, denk an Ruby!" mahnte die kleine Kay. Ernüchtert schaltete ich einen Gang zurück. Den Rest erledigte die Streckenführung. Rechts tauchte die Gefahrentafel mit der Kurve und dem Schleudermobil auf. Die nächsten Kilometer würden lustig werden. Vor allem bei dem Schnee. Juchhe!

 

Die Reflektoren der ersten heißen Kehre warfen ihr fatales Licht zurück. Ich setzte zu einem alles entscheidenden Überholmanöver an. Es hätte auch geklappt, doch plötzlich leuchteten alle Warnlampen auf. Der Tank war leer. Schlagartig quittierten sämtliche servogesteuerten Einheiten den Dienst. Quasi ohne Lenkung rutschte ich ungebremst meiner persönlichen Wintertragödie entgegen und landete donnernd in einer Schneewächte.

Wenigstens hatte auch der andere die Herrschaft über sein Fahrzeug verloren. Der Lieferwagen war ein Stück vor mir in ein Bachbett gerumpelt. Diesmal nützte ihm auch sein Allradantrieb nichts. Gott, du bist gerecht; denn wir sind übriggeblieben als Errettete. Hoffentlich galt das auch für meine Tochter.

Ich sprang aus dem Wagen. Blöderweise rutschte ich sofort aus und landete unsanft auf dem Hintern. Genau diese Sekunde genügte dem Colin-McRae-Verschnitt, um in den angrenzenden Wald zu hechten. Ich konnte noch sehen, wie er seine Ekellarve aufsetzte, dann verschluckte ihn endgültig die Dunkelheit. Egal. Mir ging es nur um das Kind. Ich wischte mir den Schnee aus dem geröteten Gesicht und riss die Heckklappe auf: "Ruby!" wollte ich gerade rufen, tat es aber nicht, denn der Laderaum war leer ...

 

Schneeflocken wirbelten lautlos durch die kalte Luft. Unter anderen Umständen wäre es eine romantische Winternacht gewesen. Fast. Auf der anderen Seite der Straße schälte sich eine Maske aus der Finsternis. Und noch eine. Jäh war ich umringt von satanischen Knechten. Sie hatten schwere Ketten um das dicke Pelz- und Lodenzeug gewickelt. An breiten Ledergürteln hingen große Glocken, deren Gebimmel sich in meinem Schädel zu einer Symphonie des Terrors steigerte.

Immer mehr Teufelsknechte tauchten am Rand der Straße auf, schwangen Ruten, rasselten mit ihren Ketten. Nur die Krampuslarve von vorhin war nicht dabei. Am Höhepunkt des höllischen Getöses löste sich der Größte aus der Formation. Grunzend und geifernd kam er auf mich zu, das diabolische Maul weit aufgerissen. Seine Reißzähne gierten nach sündigem Fleisch. Da war er ja bei mir an der richtigen Adresse.

 

Wie das alles weitergeht? Gespoilert wird nicht, aber eines können wir trotzdem verraten: Action, Gewalt, Sex und irre Entwicklungen, ganz nach Fasson des Herrn r.evolver, werden die geneigten Kay-Fans auch diesmal (ganz ohne Drogen) in ungeahnte Dimensionen katapultieren. Aber überzeugen Sie sich selbst! Die gedruckte Taschenbuchfassung ist bereits auf Amazon erhältlich, die E-Book-Version erscheint demnächst. Der EVOLVER wünscht gute Unterhaltung!  

r. evolver

r.evolver - Surfin' Saigon

EDITION SUPER PULP

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