Stories_Tinto Brass ist 75

Der letzte der alten Schule

Am 26. März feierte eine italienische Kinolegende ihren 75. Geburtstag. Die Rede ist jedoch von keinem der üblichen Verdächtigen, sondern vom Erotikregisseur Tinto Brass. Viele halten ihn für einen Sexisten und stempeln seine Filme als reine Pornographie ab. Doch Brass´ Werk bietet mehr als nur nackte Haut.
EVOLVER gratuliert dem Mann hinter "Caligula" - und traf ihn zum Gespräch.    07.04.2008

Angesichts des derzeit angesagten Porno-Chics ist es durchaus möglich, daß demnächst all die selbsternannten Hipster, die die "Porno ist Pop"-Bewegung propagieren, Filme wie "Private" oder "Cheeky!" für sich und ihre Zwecke entdecken oder sich an der berühmten Massenvögelei aus "Caligula" ergötzen. Ändern kann man daran nichts, doch würde das dem Schaffen des Mailänder Regisseurs Tinto Brass kaum gerecht. Mit Pornographie haben seine Werke nämlich nur in den Randbereichen zu tun.

Was gegen die Assimilation durch moderne Pornoliebhaber spricht, ist zum einen Brass´ Mitgliedschaft im "Bärchenguckdienst" - blank rasierte Venushügel sucht man bei Tinto bis heute vergebens. Zum anderen ist auch die Art, wie er filmt, im Weg: Immer steht ein ästhetisches Konzept im Vordergrund, das Ausleuchtung, Landschaft, Mobiliar und Stimmungen umfaßt. Um bloße Erregung geht es auch in aktuelleren Filmen wie "Monamour" oder "Senso ´45 - Black Angel" nicht. Speziell letzteres Werk zeigt deutlich, daß historischer Rahmen und dazu passende Opulenz wichtige Zutaten für einen "echten" Brass-Film sind. In "Senso" erzählt der Regisseur die Story der 40jährigen Italienerin Livia, die sich in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs in den deutschen Offizier Helmut verliebt. Sie muß ihre Obsession vor den eigenen Leuten, ihrem Ehemann und den Nazis schützen. Das tut sie auch, bis sie den Soldaten in den Armen einer Jüngeren findet. Danach entbrennt ein lüsternes Rachedrama, in dessen Verlauf sich herausstellt, daß Helmut längst schon ziellos und wertefrei auf sein Ende wartet.

Der Film ist übrigens ein freizügiges Remake von Viscontis Frühwerk "Senso" - womit wir beim eigentlichen Thema wären: Tinto Brass steht viel weniger auf einer Trash-Stufe mit 70er-Jahre-Pornos oder etwa Russ Meyer, dem Meister der Doppel-D-Cups; seine Arbeiten sind eher mit denen von Luchino Visconti, Pier Paolo Pasolini oder Federico Fellini verwandt. Freilich fehlt Brass meist der hehre politische Anspruch, weshalb seine Sittengemälde dann doch wieder eher optisch als inhaltlich funktionieren ...

 

Die dekadente Opulenz der Privilegierten, die sich besonders drastisch in der Phase des Untergangs zeigt, weil sich dann Machtanspruch, Hedonismus und Verdrängungswahnsinn zu einer lüsternen Einheit verbinden, offenbaren sich in Pasolinis "120 Tage von Sodom" oder in Viscontis Meisterwerk "Der Leopard". Mit demselben Hang zu in Auflösung begriffenem Überschwang, dem in Plüsch eingehüllten Sterben, läßt Brass die Kamera schwelgen. Am eindruckvollsten tat er das sicherlich in "Caligula", dem Mammut-Epos um Dekadenz des blut- und sexgeilen Kaisers (Malcolm "Uhrwerk Orange" McDowell) und seiner "Stiefelchen"-Lecker.

Bildgewaltig ist der von "Penthouse"-Boß Bob Guccione produzierte Skandalfilm aus dem Jahre 1979 auf jeden Fall - auch wenn noch niemand den wahren Director´s Cut zu sehen bekam. Kaum vorstellbar, daß die Orgie der zur Prostitution gezwungenen Senatoren-Gattinnen noch ausschweifender auf Zelluloid gebannt wurde, als wir es in der "unzensierten" Version zu sehen bekommen. Aber zumindest hat Brass das in den 80er Jahren behauptet ... Sei es, wie es sei: "Caligula" ist ein Mix aus Sex- und sadistischen Gewaltszenen, geschrieben von Gore "Ben Hur" Vidal, in Visconti-Manier in Szene gesetzt von Tinto Brass. Daß die berauschenden Bilder die Exzesse deutlich in den Vorder- und die Historie in den Hintergrund rücken lassen, führte schon vor rund 30 Jahren dazu, daß sich McDowell, Helen Mirren (Caesonia) und Peter O´Toole, der den greisen Tiberius spielt, von dem Machwerk distanzierten. Auch Brass steht dem Film mit gemischten Gefühlen gegenüber.

Obwohl der in allen Punkten überzogene Mammutstreifen im Gesamtwerk von Tinto Brass als der Film mit dem größten Budget dasteht, ist es gerade die Dekadenz, die ihn mit anderen Arbeiten des Italieners verbindet. Auch "Miranda - die Wirtin vom Po" oder "Salon Kitty" sind ähnlich schwelgerisch angelegt. "Kitty" stammt von 1976 und ist ebenfalls eine Neufassung eines Visconti-Sujets ("Die Verdammten"). Der Film über das von Reinhard Heydrich und seinem Sicherheitsdienst Reichsführer SS zu Spionagezwecken genutzte Bordell, das sich in unmittelbarer Nähe des Berliner Kurfürstendamms befand, geht allerdings viel differenzierter mit der Verbindung aus Lust, Gewalt und Macht um als später "Caligula".

 

"Salon Kitty" zeigt die Nähe des Regisseurs zu seinen Vorbildern wie Visconti, Fellini oder Roberto Rosselini. Mit den beiden Letztgenannten hat er zu Beginn seiner Karriere in den 50ern und frühen 60ern auch zusammengearbeitet und sich besonders für seine Farbenspiele im Umgang mit der Kamera den Spitznamen "Tintoretto" erworben - fast so, als sei er ein Mitglied der berühmten venezianischen Malerfamilie.

Nach "Caligula" schuf er den eher mittelprächtigen Erotik-Thriller "Snack Bar Budapest" oder das leichte "Cosi Fan Tutte - eine unmoralische Frau", das nahezu nichts mit Mozarts Oper zu tun hat. In den Spätwerken von Tinto Brass werden Drehbuch und Story zusehends unwichtiger, dafür rücken Frauen wie Paprika oder Lola noch mehr in den Schaffensmittelpunkt des greisen, aber sichtlich an Sex interessierten Regisseurs: Viele Hauptdarstellerinnen wohnen am Po, in doppelter Hinsicht die Lieblingsgegend des Meisters.

Eine Ausnahme im Spätwerk ist - neben "Senso ´45" - auf jeden Fall der "Voyeur" von 1994. Brass erzählt darin die erotische Geschichte von Dodo mit sehr vielen psychologischen und zwischenmenschlichen Schattierungen: Die Hauptfigur führt ein Doppelleben. Als Französischprofessor steht der Protagonist für das gediegene Bildungsbürgertum, im Verborgenen gibt er den Cuckold. Er ist also einer, der Lust empfindet, wenn er seine Frau in den Armen eines anderen weiß und beim Liebesspiel zuschauen darf. Daß genau dies die Beziehung zu seiner Gattin Silvia belastet und sie auch zerstört, ist unvermeidlich. In "The Voyeur" allerdings wird die Ehe durch Dodos Obession letztlich runderneuert. Die literarische Vorlage zu diesem Film stammt von Alberto Moravia und wurde von Brass mit Liebe zum Detail umgesetzt. Dank der DVD-Veröffentlichung dieser erotischen Novelle aus dem Hause Cult Epics (EVOLVER-Lesern alles andere als unbekannt) läßt sich das jetzt auch endlich wieder in den eigenen vier Wänden überprüfen ...

 

Lesen Sie auch: "Ich schaue zuerst auf den Hintern" - Tinto Brass im EVOLVER-Interview.

Don Manfredo & Don Tomaso

The Voyeur

(L´Uomo Che Guarde)


Cult Epics (I 1994)

DVD Region 1

91 Min. + Zusatzmaterial

Features: Interview mit dem Regisseur, Featurette, Trailer u. a.

Regie: Tinto Brass

Darsteller: Francesco Casale, Angelita Franco, Cristina Garavaglia u. a.

 

Das US-Label hat übrigens auch weitere Werke von Brass im Programm. Empfehlenswert ist zum Beispiel die "Tinto Brass Collection II", inklusive "Cheeky!": Der luftig-leichte Trip einer Italienerin durch das im wahrsten Sinne des Wortes swingende London bietet sinnliche Unterhaltung - und darin ist Tintoretto auch mit 75 noch ein absoluter Könner. Vorsicht übrigens bei etwaigen geschnittenen deutschen DVD-Veröffentlichungen!

Links:

"Ich schaue zuerst auf den Hintern"

Tinto Brass im Interview


Er ließ die Puppen tanzen und in "Caligula" das römische Reich untergehen: EVOLVER traf den italienischen Filmemacher anläßlich seines 75. Geburtstags zum Gespräch. 

Links:

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