Kolumnen_Miststück der Woche - V/016: Do The Right Thing

Enemy Radio "Man Listen"

Sie waren hart, präzise und trafen auch noch den guten Ton: Public Enemy. Diesmal nutzen sie die Medien, um einen inszenierten Streit zwischen den beiden Hauptfiguren zu inszenieren, inklusive einer gefaketen Trennung. Manfred Prescher stellt fest, daß Chuck D und Flav immer noch clever sind - und Journalisten nichts dazugelernt haben.    06.05.2020

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 

Ich kann mich nicht dran erinnern, ob die Erlanger Stadthalle an jenem 7. April des Jahres 1990 - also vor ziemlich genau 30 Jahren - schon Heinrich-Lades-Halle hieß, der Saal wurde nämlich entweder vor oder kurz nach diesem Tag umbenannt. Aber das spielt keine Rolle. Denkwürdig war jener naßkühle April-Samstag aus anderen Gründen. Damals traten Public Enemy in Erlangen auf und präsentierten ihr gerade erst erschienenes drittes Album "Fear Of A Black Planet". Daß sie das auf eher schlechte, weil uninspiriert-gelangweilte Art taten - unwichtig. Für mich entscheidender war, daß ich die beiden Chefs der Gruppe, also Chuck D und Flavor Flav, interviewen durfte. An die Beklommenheit, die ich vorher empfand, erinnere ich mich auch drei Jahrzehnte später noch sehr gut.

Wie sollte ich den wütenden und militant auftretenden Rappern erklären, warum ich als "Weißbrot" auf sie stand? Ich konnte ja schlecht erzählen, daß ich dank meines Onkels und seiner GI-Kumpels mit Soul und Funk aufgewachsen war und praktisch alle Texte von Stevie Wonders Songs der siebziger Jahre auswendig kannte. Genausowenig konnte ich - obwohl das Gespräch im Verlauf tatsächlich darauf kam – von der Rap-Radioshow erzählen, die ich von Dandy Ian, Rudi The Boomerang, MCP, Zack aus Sack und den anderen Helden meiner Horizonterweiterung übernehmen durfte. Wir waren die ersten, die den Sound brachten. Aber warum wir das taten? Ich hätte es Chuck D und Flav nicht plausibel erklären können. Flav hätte vielleicht gelacht, wenn ich erzählt hätte, daß wir den Hörern weisgemacht haben, man könnte mit Hilfe eines Bindfadens und des Players auch mit einer CD scratchen. Bullshit, man.

 

Aber die Angst war unbegründet; ich kam auch nicht in Erklärungsnotstände. Ich fragte Chuck D nämlich zuerst etwas über eine afroamerikanische Gruppe, die bereits um das Jahr 1970 herum ähnliche Themen angeschnitten und in harsche, aber sehr geschliffene Poeme verwandelt hatte. "You know the Last Poets, man?" fragte Mister D, und ich zitierte den Track "Run Nigger Run" mit der Zeile "Time is running out on bullshit changes." Während Flav immer wieder alberne Bemerkungen einbrachte, die ich später auch nicht herausschnitt, wollte Carlton Ridenhour (wie Chuck D eigentlich heißt) wissen, ob ich wüßte, daß "Run Nigger Run" sich auf einen Folksong aus dem 19. Jahrhundert bezieht? Das wußte ich natürlich nicht - und plötzlich war ich inmitten einer Geschichtsstunde, die dann vom tiefen Süden bis zum Rassismus der amerikanischen Großstädte, vom Blues Chicagos über Louis Jordan bis zur Bedeutung von James Brown und Gil Scott-Heron ging. Erst am Ende des Interviews zeigten beide Public Enemys, daß sie sich doch über mein Wissen wunderten. Während mich Flav mild ironisch "Soulbrother" nannte, sagte Chuck D "PE has nothing to do with German kids, but it’s ok".

Natürlich hatte er recht. Der Schmelztiegel New York und der tief einzementierte Rassismus, der zu extrem ungleichen Bildungs- und damit Lebensbedingungen zwischen dem weißen und dem schwarzen Amerika führte, war nicht mit der Hood (fränkisch "huddn") zu vergleichen, in der ich aufgewachsen war. Wenn Gostenhof in den 1970er Jahren ein Problemviertel war, was war dann erst die South Bronx? Nein, ich konnte nicht mitreden - und das wußte ich auch. Trotzdem berührten mich Public Enemy und schaffen das bis heute. Mehr als der musikalische Geschichtsunterricht, mit dem Chuck D, wie er sagte, "die Kids an die Wurzeln und an das, was man ihnen weggenommen und bis heute vorenthalten hat", erinnern will, ist es der Sound, der mich bis ins Mark traf. Sicher, mit "Elvis was a hero to most", "Don´t believe the hype" oder "So get up get, get get down/911 is a joke in yo town" konnte ich damals etwas anfangen, denn mit der Polizei hatte ich auf Demos auch einige ungemütliche Erfahrungen gemacht. Und daß Elvis nicht der King des Rock´n´Roll war, sondern "nur" ein freilich hochbegabter Dieb, war mir auch klar. Aber irgendwie konnte ich auch Elvis verstehen: Er wuchs mit dem Blues auf, genauso wie mich meine Kindheit und Jugend mit Soul und Funk prägten, weil es die Musik war, die mich umgab.

 

 

Es war der Sound, der anno 1988 neu, innovativ und bärenstark war - und der mich immer noch bis ins Mark trifft. Diese perfekt austarierte Wucht der Beats und Geräusche, das typische Fiepen, die vielen extravaganten Samples, mit denen die Produzenten-Crew The Bomb Squad einmalig dichte Klangbilder erzeugte. Chuck D´s mit seiner schneidig-wütenden Stimme vorgetragene Erzählungen und Flavors zynisch-witzige, manchmal auch sehr traurige Wortkaskaden waren ebenfalls Teil des musikalischen Konzepts. Wenn einen der Dampfhammer der Squad erst traf, war man bereit für das, was Public Enemy zu sagen hatten. Es spielte dann einfach keine Rolle mehr, wie weit die eigene Herkunft von der Chuck D´s entfernt war. Immerhin: Auch er hatte studiert, was man den elaborierten Sprachcodes deutlich anmerkt, auch er machte Radio und auch er war mit Stevie Wonder und James Brown aufgewachsen. Ob ich deshalb gleich das T-Shirt mit dem berühmten Fadenkreuz-Logo und der Aufschrift "Public Enemy No. 1" tragen mußte? Anno 1988 dachte ich, das schwarze Unterhemd würde doch auch in den Zeiten der Kohl-Ära ein deutliches Zeichen setzen. Sowas kann einem im Nachgang peinlich sein, aber der Mensch hat - erst recht als Twen, aber eigentlich immer - ein Grundrecht auf das Ausleben von Peinlichkeiten. Also sage niemand mehr was über die Wildecker Herzbuben. Einer von denen ist schließlich sogar mit Bruce Willis verwandt. Fragt sich, wem das peinlicher ist ...

 

Public Enemy gehören zu meinen ewigen Favoriten; ich habe auch verfolgt, was sie in den Jahren nach dem Riesenerfolg gemacht haben: Sie begannen, sich selber zu vermarkten, was auch den Fake-Rauswurf von Flavor Flav erklärt. Und sie kamen immer dann, wenn sie was zu sagen hatten, mit neuen Alben. Auch jetzt, mitten in Zeiten von Corona und dem bitteren Umgang des Horrorclowns im Weißen Haus mit der Seuche sind sie wieder da. Es hat sich einfach nicht viel verändert, jedenfalls nicht zum Guten. "Bring The Noise!" - genau das tun sie wieder.

Sie nennen sich ganz passend zur Biographie des Ex-Rundfunkmanns Chuck D und seinem Bildungsauftrag nun Public Radio, was sehr gut paßt. Als öffentlich-rechthabender Sender hat man Verantwortung und sorgt nicht nur für gute Unterhaltung. Das gelingt auf dem Album "Loud Is Not Enough" streckenweise auf allerhöchstem PE-Niveau. Aber auch der Schulfunk darf nicht zu kurz kommen. Mein Lieblingstrack im Moment ist "Man Listen" und der erinnert mich an den großen, leider vor neun Jahren verstorbenen Gil Scott-Heron. Hypnotischer Sprechgesang, der reduzierte, aber wieder glasklare Sound - man kann (und sollte) in die jüngere Geschichte der afroamerikanischen Kultur eintauchen. Der Ausruf "Man Listen!" fordert uns, wie Erwin Pelzigs "Aufgemerkt!" dazu auf, genau hinzuhören. Und es lohnt sich immer noch. Es ist wie 1988 als Chuck D "Let me tell you somethin´, man, we came all the way" sagte und dann mit Verve, Wissen und poetischer Hochkunst loslegte.

Für heute soll es das gewesen sein, einen Hinweis hätte ich allerdings beinahe vergessen: Die HipHop-Radioshow gibt es, mit anderen Leuten natürlich, immer noch. Die machen bestimmt auch was zum PE-Album. Was ich euch nächste Woche mache, weiß ich indes noch nicht. Sicher ist nur, es wird eine neue Kolumne geben. Bis dahin bleibt, wer ihr seid, wo ihr seid und was ihr seid. Das ist das Allerbeste - und den Satz kann ich nur mit den Worten von Meister Yoda beenden: "Sicher ich bin."

Manfred Prescher

Enemy Radio - Man Listen

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