Kolumnen_Miststück der Woche IV/6 - Leserwunsch #16

Prince & The Revolution: "When Doves Cry"

Dieses Lied gilt den Amerikanern als Hit des Jahres 1984. Richtig gelesen, liebe "Miststück"-Fans! Manfred Prescher entführt uns wieder in die 80er Jahre des längst vergangenen letzten Jahrhunderts. Das liegt aber daran, daß ihr Leser das so wollt - denn der Kolumnist erfüllt in Staffel IV ausschließlich eure Wünsche.    08.12.2014

Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf - und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, daß du nur noch die Welt retten mußt oder daß Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

 

Was der kleine Prinz - nicht der, den dieser Flugzeugpilot in seinem allseits beliebten Büchlein beschreibt, sondern der hochbegabte Mini-Mann aus Mini-Apolis - vor dem Soundtrack zu "Purple Rain" gemacht hat, gefiel mir schon ganz gut. "Let´s Work", "Controversy" oder "1999" gingen in Ordnung. Über "Little Red Corvette" als Beschreibung der weiblichen Vagina müssen wir nicht reden. Sowieso nicht, denn für mich startete Prince Roger Nelson, der im Gegensatz zum tatsächlich 1,77 großen Little Richard wirklich pygmäenhaft durch die Welt tanzt, eh erst mit "Purple Rain" richtig durch. Damit und danach - also mit "Bladden" wie "Around The World In A Day", "Parade","Lovesexy", dem ominösen schwarzen Album oder dem Meisterwerk "Sign O´The Times" wurde er für mich zum Größten überhaupt. Was er dann spätestens 1992 ab "Love Symbol" aus sich machte, ist ebenso obskur wie bekannt. Schließlich habe ich dem Genius bislang schon drei Kolumnen gewidmet.

Doch zurück zum Album "Purple Rain" und zu "When Doves Cry". In der ursprünglichen Fassung des Werks war der Titel nicht enthalten. Stattdessen findet sich dort das ebenfalls wunderbare Lied "Wednesday", das der Prince-Fan nur als Bootleg besitzt, weil es offiziell noch in des Künstlers Asservatenkammer, also seinem privaten Disneyland lagert. An der Stelle, wo seit 1984 auf der LP eben jenes "When Doves Cry" ins Vinyl eingraviert wird, war ursprünglich das herzergreifend artifizielle Titelstück eingeplant. Das bildet nun den Abschluß des Albums, des Films, einer Liebesbeziehung und aller möglichen anderen Dinge.

Immerhin fünf Singles wurden aus dem ohnehin nur neun Stücke umfassenden Werk ausgekoppelt. Das erfreute mich damals mehr als meinen studentisch klammen Geldbeutel. Denn auf jeder 45er-Scheiblette hat Prince neue, unbekannte Songs versteckt. Da mußte ich zugreifen. Die B-Seite von "When Doves Cry" heißt übrigens beispielsweise "17 Days" und wurde von mir hier im Zuge eines Majestätsbesuchs in Vienna vorgestellt, denn Prince spielte die olle Kamelle da. Ach, hab´ ich schon davon gesprochen, wie famos Prince live ist?

 

"When Doves Cry" ist ein Lied über die Schwierigkeit, sich von den Eltern und den Wurzeln zu lösen, zu erkennen, wieviel einem die Altvorderen in die Wiege gelegt oder geprügelt haben. Für mich, den es damals, 1984, beim ersten Hören des Songs weggebeamt hat, ist der Text das etwas subtilere Äquivalent zu "Ich will nicht werden, was mein Alter ist" von Ton Steine Scherben. Prince erzählt vom Stolpern über die Herkunft bzw. über die Auswirkung, die die Familienstruktur auf die aktuelle Liebesbeziehung hat. Die Frage, ob ich man wie der eigene Vater bzw. wie die eigene Mutter sei, stellte ich mir ebenso wie wahrscheinlich viele andere Menschen meiner Generation. Weshalb uns "When Doves Cry" aus der Seele sprach. Es hat sich - um kurz ins Private abzutauchen - im Laufe meines Lebens herausgestellt, daß ich tatsächlich nicht wie mein alter Herr bin, der konnte zum Beispiel weder schreiben noch wollte er das überhaupt können. Er war halt ein eher grobschlächtiger Spießgeselle. Der Vater von Prince war übrigens ebenfalls Musiker, aber doch drei Köpfe größer und deutlich weniger begabt als der Filius.

Im Video zum Hit steigt Prince aus einer Badewanne und läßt die Täubchen zum Himmel steigen. Warum er das macht? Vermutlich, weil er es kann. Aber viele US-Medien monierten den nackten Oberkörper des Künstlers - was an und für sich schon seltsam ist. Denn wer springt schon in vollem Ornat ins Schaumbad, um dann mit klitschnasser, völlig verzogener Montur wieder herauszutropfen? Höchstens prüde Amish vom Stamme der Schöpfkellen der letzten sieben Mahlzeiten auf Erden. Mit der Story des Songs hat das für MTV gedrehte Filmchen genausowenig zu tun wie der Streifen "Purple Rain" mit hoher Kunst. Aber das war und ist mir wirklich wurscht. "When Doves Cry" braucht nämlich gar kein Video; der Song wirkt durch die Melodie und den vertrackten Rhythmus, der ungewöhnlich bzw. ungewöhnlich eingängig ist. Besonders ungewöhnlich ist es, daß Prince das völlig ohne Baß hinbekommt.

 

Viele Fans finden, "When Doves Cry" gehöre zu den schlechteren Songs des multitalentierten Musik-Maniacs. Ich aber sage euch, es ist einer seiner allerbesten. Der funktioniert einfach, klingt absolut eigenständig und läßt sich weder von MC Hammer noch von den Flying Pickets verhunzen. Patti Smith, Cassandra Wilson oder der Ire Damien Rice machen sich den Hit aber so zu eigen, als hätte Prince, der Autor von anderweitig bekannten Songs wie "Manic Monday", "Nothing Compares 2 U" oder "I Feel For You", ihn explizit für diese Menschen geschrieben. Rice verbindet "When Doves Cry" übrigens  passenderweise mit Led Zeppelins "Babe, I´m Gonna Leave You".

Euch verlasse ich auf jeden Fall nicht, denn nächste Woche gibt es eine neue Kolumne. Dann wird es hier an dieser Stelle um die Band Schrenz und ihren Song "Da Petrus" gehen. Die Jungs haben sich den Song gleich selber gewünscht, und ich wünsche mir, daß mir viel dazu einfallen möge. Bis dahin gebe ich euch den Rat mit auf den Lebensweg: Flüchten ist oft schlechter als standhalten. Deshalb singt Robert Plant auch öfter zum Schluß von "Babe I´m Gonna Leave You", daß er sie eben nicht verlassen wird. In diesem Sinne: Haltet eure Liebe fest, die Welt hat eh zu wenig davon. "The power of love/A force from above/Cleaning my soul/Flame on burnt desire/Love with tongues of fire/Purge the soul/Make love your goal." Eben.

 

 

Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

Prince & The Revolution: "When Doves Cry"

Leserbewertung: (bewerten)

Enthalten auf der CD "Purple Rain" (Rhino/Warner Bros)

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ULLA - 08.12.2014 : 10.34
Guten Morgen...
Erfrischend schön, für einen Montagmorgen geschrieben...

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