Kolumnen_Miststück der Woche III/91 - Leserwunsch #1

The Smiths: "There´s A Light That Never Goes Out"

Das große Jubiläum rückt näher. In zehn Wochen feiern wir gemeinsam die 300. Ausgabe dieser Kolumne. Zu diesem Behufe beschenkt Euch Manfred Prescher mit ganz besonderen Texten: Er erfüllt Eure Wünsche. Das Beste daran ist das Beste darin, denn das macht er – so Ihr fleißig Eure Lieblings-, Herzens- oder Sonstwassongs ins Gesichtsbuch postet – bis zum Miststück Nummer 400. Wohlan denn also!    27.08.2014

Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf - und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, daß du nur noch die Welt retten mußt oder daß Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

 

 

Mit der Jugend verhält es sich so: Es ist eine ziemlich fiese Zeit. In der der Weltschmerz auf den zerbrechlichen Schultern lastet und man sich unendlich allein fühlt. Besonders für Hochsensible sind die Pubertät und die daran anschließenden Jahre eher ein schlimmes Fanal in Richtung einer noch schlimmeren Welt. Nicht wenige Menschen verfassen daher meist ziemlich krude Gedichte oder Lieder. So schrieb beispielsweise Morrissey im nicht mehr ganz so zarten, sondern eben doch schon an der Welt gehärteten Alter von 26 Jahren eine Hymne für intelligente Teenager, die am Lauf der Dinge um sie herum herumverzagen. Ich meinerseits verfaßte damals Gedichte, die ab und zu durchaus auch Zeiten überdauern konnten, aber doch oft vom Geist der verlorenen Kindheitsunschuld geprägt waren. Das hier hab ich vorhin in der Asservatenkammer meiner Seele wiedergefunden: Es heißt "Arschloch im Quadrat" und ist einem Freund gewidmet, der für mich damals so etwas ähnliches war wie Johnny Marr für Morrissey:

 

"Sitzend zur Rechten/Seiner Schreibtischlampe/Die traurig am Kabel hängt/Wie er am Rest seines Daseins/Sitzend zur Rechten/Dieser Lampe/Stellte er im Gegensatz zu dieser/Sein Licht unter den Scheffel/Wobei es ausging."

 

Doch genug von mir. Für die Leserin, die sich "There’s A Light That Never Goes Out" gewünscht hat, war dieses Lied auf jeden Fall von zentraler Bedeutung. So viel ist amtlich. Es bedeutete ihr, gab sie mir mit auf den Weg durch die Kolumne, als junge Frau sehr viel. Der Song gehört einfach zu den Liedern, die einen wichtigen Bereich ihres Lebens, ihrer Biografie begleitet haben. Versuchen wir mal, zu ergründen, warum das so war. Praktischerweise mag ich diesen Song der Smiths selber sehr gern, also gehe ich im eigenen Schwurbel auf Spurensuche.

Ich finde, daß Marr als Komponist und Morrisey als Textschreiber mehr als in jedem anderen Smiths-Song harmonieren. Das fand wohl auch die Plattenfirma, die das Kleinod 1992 als Single herausbrachte. Was aber, bei Lichte betrachtet, wohl doch eher daran lag, daß es die Schmidts zu diesem Zeitpunkt schon ein schnelllebiges halbes Jahrzehnt lang nicht mehr gab, daß die Gruppe ein eigentlich gar nicht so umfangreiches Werk hinterließ und dennoch immer weiter geliebt, neu entdeckt und gewürdigt worden war. Deshalb erschien 1992 erst eine und dann noch eine "Best"-CD. Auf der zweiten ist dieses bereits 1985 geschriebene Lied zu finden, das die juvenilen Fans natürlich schon bei der Erstveröffentlichung liebten. Es ist der vorletzte Track des dritten Smiths-Albums "The Queen is Dead", dem Opus magnum der Band aus Manchester. Es ragt als Erster unter Gleichen heraus, ist der "Pink Star" unter den musikalischen Diamanten dieser Platte. Für die Schlauberger, die gern mit Halbwissen brillieren wollen: Der "Pink Star" ist keine Apfelsorte, denn die heißt nämlich "Pink Lady", sondern einer der wertvollsten Edelsteine der Welt.

Vielleicht funkelt "There’s A Light That Never Goes Out" nur unter Teenagern wirklich luzid? Ich bin nicht sicher, ob man den Song nur versteht und zu einem Teil von sich werden läßt, wenn man ihn in der Lebensphase zwischen Kind- und Erwachsenenalter für sich entdeckt. Ich konnte ihn auf jeden Fall als Twen unmittelbar verstehen, erfühlen, ihn tatsächlich unter die Haut und in die Seele gehen lassen. Hätte er mich noch mehr getroffen, wenn ich ihn mit 15 statt mit 25 erstmals gehört hätte? Vielleicht hätte er mich unmittelbarer berührt. Auf jeden Fall war die Zeit, von der Morrissey erzählt, für mich damals noch sehr präsent: Als Teenager wünschte ich mir oft,  weit weg von zuhause zu sein. Am besten irgendwo auf einem anderen Planeten, wo nichts an die innerlich schon längst toten Eltern erinnern würde. Wo kein Wort der Verständnislosigkeit die Atmosphäre praktisch so vergiftet, daß man bei jedem Atemzug vermeint, ersticken zu müssen. Es war mir natürlich klar, daß dieser Ort hier auf der Erde nicht zu finden war, daß es hier praktisch überall kalt und unwirklich ist – und daß man höchstens in der eigenen Phantasie irgendwo in die Beteigeuze reisen kann. Was bleibt, sind dann Selbstmordphantasien, unterfüttert mit Büchern wie Carl Amerys "Hand an sich legen" oder Filmen wie "Rebel Without A Cause" mit James Dean, der den tragischen, an der Welt verzweifelnden jungen Mann spielt.

Ja irgendwie träumte ich damals auch noch von einer unsterblichen Liebe und davon, endlich so angenommen zu werden, wie ich bin. Mit all den Fragen, auf die ich keine Antwort wußte, den vermeintlichen Unzulänglichkeiten - und ohne Liebe nur gegen Leistung zu erhalten. Sondern einfach so. Bedingungslos. Ganz freiwillig. Heute weiß ich genauso wie Morrissey – man höre sich nur mal auf seiner aktuellen CD "World Peace Is None Of Your Business" um – daß dieses Ideal von Liebe sehr romantisch überhöht ist. Aber ich hätte trotzdem immer noch gern eine Beziehung, die ewig hält und die trägt, weil man den anderen so schätzt wie er ist.


Unsterbliche Liebe hat aber immer auch einen bitteren Beigeschmack – egal, ob bei Shakespeare, Emily Brontë  oder eben Steven Patrick Morrissey. Man liebt sich über den Tod hinaus, das Licht, das nie ausgeht, steht als Synonym für eine Fortsetzung im Jenseits, also an einem magischen Ort, an dem man diese Liebe ausleben kann. Bei Katholiken und Juden ist es das Symbol der ständigen Gegenwart Gottes – es spendet Trost in finsteren Zeiten und läßt die Gläubigen auf eine bessere, jenseitige Welt hoffen.

Unsere Welt ist schließlich schlecht: Als ich 15 war, war ich mit einem Mädchen zusammen, das ich wirklich sehr gern hatte. Meine Mutter intrigierte gegen die Beziehung, in dem sie erst die an mich gerichteten Briefe unter Wasserdampf öffnete und später gleich komplett vernichtete, bevor ich sie überhaupt zu Gesicht bekam. Um uns und unsere Liebe zu schützen, errichteten wir für uns einen geheimen Ort, der aber letztlich nicht so geheim war, daß er nicht doch entdeckt wurde. Wir waren verzweifelt, beschlossen aber nicht, gemeinsam in den Tod zu gehen. Doch der Gedanke daran lag in unmittelbarer Nähe. Morrissey griff ihn dann tatsächlich auf und verwandelte ihn in klare Worte: "And if a double-decker bus/Crashes into us/To die by your side/Is such a heavenly way to die/And if a ten-ton truck/Kills the both of us/To die by your side/Well, the pleasure – the privilege is mine". Ja, da traute sich endlich mal jemand, solche Gedanken zu thematisieren, was ich ich damals tatsächlich ziemlich tröstlich und cool fand.

 

 

"There’s A Light That Never Goes Out" ist ganz sicher einer der am wenigsten zynischen, wohl aber authentischten Texte von Morrissey. Er geht direkt ins Herz und auf die Tränendrüsen: "To die by your side is such a heavenly way to die", das ist so eine schöne, unglaubliche Textzeile – aus Teenager-Sicht wohlgemerkt. Später weiß man es eh besser: Eine echte Liebe in einer Partnerschaft bedeutet, daß man den anderen leben läßt. Man kann sich aber, finde ich, immer noch ab und an gemeinsam gegen den Unbill auf dieser Welt zur Wehr setzen. Die Geister der eigenen Kindheit muß man allerdings selber verjagen. Auch dafür hat Morrissey das eine oder andere Lied parat: "The Father Who Must Be Killed" oder "I Have Forgiven Jesus" zum Beispiel.

Doch zurück zu "There Is A Light That Never Goes Out": Dafür sollte man Morrissey und Marr auf ewig dankbar sein. Ich bin es, wie schätzungsweise auch die Leserin, die sich das Lied wünschte, ganz eindeutig – nicht nur wegen des Textes. Sondern auch wegen der ergreifenden, eben unsterblichen Melodie, die mich heute in Moll und mit Flötentönen auf eine Zeitreise mitnehmen kann und immer noch über Schmerzen hinwegzutrösten weiß.  

Ich gehe jetzt erst einmal in die Kathedrale meines Herzens, schau nach, ob das ewige Licht darin noch brennt. Nächste Woche geht es hier in einem weiteren Wunschlied um das Ende einer Beziehung. Eine Leserin wünschte sich den steinalten Country-Hit "D-I-V-O-R-C-E" von Tammy Wynette. Und auch Ihr könnt Euch fleißig Songs heraussuchen, über die ich mir Gedanken machen soll. Ich finde das ungeheuer spannend und hoffe, Euch geht es genauso. Paßt auf, daß Euch die Kerzen, Energiesparlampen oder Xenonscheinwerfer nicht ausgehen. Wenn doch, verrät die "Rocky Horror Picture Show" wo Ihr Licht finden könnt: "There’s a light over at the Frankenstein Place."

 

 

Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

The Smiths: "There´s A Light That Never Goes Out"

Leserbewertung: (bewerten)

Enthalten auf der CD "The Queen is Dead" (Warner Music International)

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carmen - 01.09.2014 : 08.29
https://www.youtube.com/watch?v=4oLdEXhCn60
Guten Morgen... Einen schönen Start in die neue Woche

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