Musik_Einstürzende Neubauten - Alles wieder offen

Die Trümmerjahre sind vorbei

Eine Kulisse aus Geräuschen ist nicht unbedingt mit einer Wall of Sound gleichzusetzen - kann aber der Königsweg zwischen Kunst-Pop und Pop-Kunst sein. Hirnlego war gestern ...    17.10.2007

Eine CD der Einstürzenden Neubauten läßt sich nicht einfach wie ein gewöhnliches Pop-Album rezensieren. Dafür ist die Vorgeschichte mit ihren Bedeutungsgehalten zu übermächtig. Schließlich hat die Berliner Formation mit ihren betörend-verstörenden Klangschöpfungen auf "Kollaps" und "Die Zeichnungen des Patienten O. T." auch die Hörgewohnheiten der Massen nachhaltig beeinflußt. Ihre Industrial-Werke wie "Haus der Lüge" oder "Fünf auf der nach oben offenen Richterskala" sind heute noch wuchtig genug, um die nachfolgenden Generationen in Schach zu halten.

Blixa Bargeld, Alexander Hacke und Co. sind längst in Würde in die Jahre gekommen, die sie sich und uns immer wieder prophezeit haben - gestandene Künstler, die schon alles erlebt haben: Den Hype um Geräuschkollagen und Stahlgewitter-Instrumentarium, die Vereinnahmung von Goethe-Institut und "Aspekte"-Feuilleton-Welt, nebst einmaligem Auftritt im Goldenen Saal des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes. Dort, wo der Führer einst die Massen auf sich vereidigte, in diesem Monument aus Massivität, brachen die Neubauten direkt vor den Bildungsbürgern am heimischen TV den Stab über den positive way, die Welt schönzureden - oder schönzusaufen. Anheimelnd menscheln war passé.

 

Für die Neubauten bedeutete dies natürlich, daß die Flasche mit dem kathartischen Lärm-Elixier leer oder wenigstens ihr Haltbarkeitsdatum abgelaufen war. Das war ihnen auch bewußt, da sie hautnah miterlebten, wie sich das Netz um sie herum auflöste und die Bundesgenossen im Nirwana verschwanden. Da sich kein Mitglied der Gruppe je auf etwas festlegen ließ, auch nicht auf die freien Strukturen auseinanderbrechender Gebäude, und jeder permanent an anderen Projekten arbeitete, waren sie allerdings nie Teil von irgendetwas Szeneähnlichem, sondern am ehesten Assoziierte.

Mittlerweile sind sie allein auf weiter Flur. Die Entwicklung ähnelt der von Blixa Bargelds ehemaligem Bandleader-Kumpel Nick Cave. Der Australier hat sich ebenfalls vom frühen Radau in molligere Gefilde verändert - und nun mit Grinderman einen Blick zurück gewagt.

Man kann daher die Neubauten-Platten seit dem unterschätzten "Tabula Rasa" von 1993 durchaus als Pop bezeichnen. Die Mehrzahl der seitdem entstandenen Titel ist eingängig - siehe veränderte Hörgewohnheiten. Aber mit "oberflächlich" oder "platt" haben die CDs nicht zu tun. Davon abgesehen zeigen die Neubauten, daß sich unter dem Deckmantel der Ruhe immer noch das intakte Versuchslabor befindet, in dem Wut, Bitterkeit und adäquate Geräusche zusammengerührt werden.

Daß es die Einstürzenden Neubauten noch gibt, ist gut und wichtig, liegt aber im Kern an den "Supportern", die mit ihrer milden Gabe dafür sorgen, daß Blixa Bargeld, NU Unruh, Alexander Hacke, Jochen Arbeit, Ash Wednesday und Rudolf Moser ihre Ideen mit der gebotenen Akribie umsetzen können. Keine Plattenfirma der Welt würde derzeit in die Entstehung eines Werkes wie "Alles wieder offen" investieren. Die moderne Krämerseele will Gewinne maximieren, also wenig reinbuttern und viel absahnen, was so gar nicht der Denk- und Arbeitsweise der Einstürzenden Neubauten entspricht. Wie die Gruppe mit dem Niedergang der Branche umgeht, erzählt Alexander Hacke im EVOLVER-Interview - auf jeden aber Fall so, daß sie sich nicht krumm machen. Gäbe es die neue CD nur, wenn sie sich verbiegen müßten, würde es Neubauten nicht mehr geben. Basta.

 

Und nun - für alle, die´s ganz genau wissen wollen: die einzelnen Tracks von "Alles wieder offen":

 

1. Die Wellen

 

Wenn Scriabin auf die späten Velvet Underground trifft, kommt Blixa. Der spielt Klavier und teilt die Wellen in schlechte und böse. "Was soll ich jetzt mit euch, ihr Wellen, ihr, die ihr euch nie entscheiden könnt, ob ihr die ersten oder letzten seid?" Er versucht, die Fluten mit seiner Poesie zu teilen, und wird neutestamentarisch: "Mittendrin der Nazarener"; immer wieder die famosen Worte aus Matthäus 27/46: "Warum hast du mich verlassen?" Mit schneidender Stimme ruft Blixa gegen die lauter werdende Wucht der Wellen: "Bleibst du jetzt hier, oder was?" Was wäre denn, wenn Gott an der Seite seines Sohnes geblieben wäre und ihn nicht auf dem Altar des Menschlichen geopfert hätte? Dann wäre alles wieder offen ...

 

2. Nagorny Karabach

 

Eine kleine Hommage an die Band Nagorny Karabach (vom Label What´s So Funny About), die einst mit "Kleine Exkursion" den Pfad der Neubauten beschritt und ihnen hinterherlief? Maybe. Auf jeden Fall ist die unzugängliche Bergregion am Ende der Welt Synonym für das nötige Zurückziehen auf den Grund des eigenen Herzens, also dorthin, wo kein Nachtbus mehr Partypeople ausspuckt. Und damit ist dieses Lied auch das Zentralorgan der CD. Die ist nämlich eine sehr persönliche Beschreibung der Band - und "Nagorny Karabach" der intensive Ausdruck davon.

 

3. Weil weil weil

 

Die Single mit Ohrwurmgarantie. Das "Weil weil weil und immer weil" ist so eingängig wie "Ich gehe jetzt" oder meinetwegen "Modimidofrsaso". Das Wörtchen "weil" ist allgegenwärtig - und damit auch die Beschwichtigungen, die es ausdrücken soll. Immer und immer wieder schreibt und singt Blixa gegen falsche Propheten, machtgeile Philister und ihre Kettenhunde sowie gegen verlogene Hohepriester an. Auch in diesem Song: "Laß dir nicht von denen raten, die ihren Winterspeck der Möglichkeiten längst verbraten haben ..." Ob der Mensch auf ihn hört, bleibt zu bezweifeln, es fehlt an Herzens-, Willens- und Seelenbildung: "Alles, was du lernst, ist doch nur rückwärts einparken."

 

4. Ich hatte ein Wort

 

Kann ein Wort eine Waffe sein? Kann es überhaupt noch etwas so ausdrücken, daß es irgendwer so versteht, wie es gemeint ist? Schwer zu sagen. Im Lied geht es um ein bestimmtes Wort, das irgendwer versteckt und verschleiert hat, sodaß man es mühsam finden und enträtseln mußte. Weil dieser Prozeß des Ringens um Inhalt so schwierig und auch verletzend war, kommt man nun nicht drumherum, das Wort selber vor den anderen zu verbergen. Musikalisch ist das Stück recht luftig, fast schon ein wenig im positiven Sinne liedermacherhaft - was auch am "di di di" und der sachten Instrumentierung liegt. So ein Song hätte Reinhard Mey in den späten 60ern gut zu Gesicht und Klampfe gestanden.

 

5. Von wegen

 

Das Äquivalent zu "Ich gehe jetzt" von "Perpetuum Mobile": Auch hier geht es um ein Verschwinden, ein "Für immer fort". "Hab´ meine Zelte abgebrochen, lange lange ist´s her." Und es ist die Schnittstelle zu "Weil weil weil": Wieder ist es eine Reaktion auf die Kette der Beschwichtungen, den Konsens, der verhindert, daß sich etwas verändert. Hier schreit Blixa "von wegen von wegen von wegen" gegen das fast schon klassische Neubauten-Klangmonster an.

 

6. Let´s Do It A Dada

 

Hat man Blixa Bargeld nicht schon immer für einen Ziehenkel von Hans Arp gehalten? Und ist das nicht auch der Grund, warum man ihn in Interviews tunlichst niemals auf den Bedeutungsgehalt der Texte ansprechen sollte? "Let´s Do It A Dada" spielt mit diesem Klischee: "Hülsendada, Propagandada, Monteurdada, Zentrodada, das Oberdada." Ein Scherz? Nein, Ausdruck schierer Apokalypse, ein Untergang im Untergang im Untergang. "Ich trank ´ne Menge, trank mit George, war trotzdem nicht zur Stelle an der Kellertreppe morgens am Savignyplatz." Dazu ein Endzeit-Beat, kraftvoll genug für den Tanz auf dem Höllenabgrund der Moderne. Fritz Lang hätte seine Freude daran.

 

7. Alles wieder offen

 

Das Titelstück des Albums: Es muß sich nichts zum Guten wenden. Die Türen in ein glückliches Haus können genauso offen sein wie eine tiefe Grube, ein Sarg, wie das Ende und die Feuerstelle - "und möglicherweise auch ein Magengeschwür". Man weiß es nicht und darf mit Blixa skeptisch auf die Zahl der Möglichkeiten schauen, von denen die Mehrzahl sich eher düster am Horizont abzeichnet. Musikalisch ein Stück Elektro-Lounge-Disco mit Löffelchensolo. Extrem leise gehört, läßt sich der Rammsteinsche Grundton nachvollziehen. Alles nur geklaut, "die Gleichungen, die Rechnungen" ... Alles ist aber auch offen, weil die Neubauten weitermachen. Was passieren wird, ist ungewiß.

 

8. Unvollständigkeit

 

Mit Abstand das längste Lied: Eine Neunminuten-Elegie, langsam wie ein Schlaflied, aber mit kraftvoller Stimme vorgetragen. Überhaupt ist Blixas Stimme auf dem kompletten Album mehr denn je auch Instrument. Hier, im asketischen Soundgebilde von "Unvollständigkeit", übernimmt sie die Führung. Hellwach, vielleicht aufgeweckt vom eigenen Break, der den Sog des Chaos ankündigt? Genau darum geht es: Die Dinge entwickeln ein Eigenleben, werden geklaut, verloren, aufgegeben, "versilbert, oder besser verpulvert", verschwinden einfach so. Was bleibt, ist das Gefühl, das etwas fehlt.

 

9. Susej

 

Ein Beziehungslied. Am Ende der Liebe, dort, wo die Schmerzen Besitz ergreifen, wo am Firmament die Frage "Was bleibt nach der Selbstaufgabe?" auftaucht. "Was von mir noch übrig ist, hat nur mit dir zu tun." Zu ändern ist es nur, wenn man alles noch mal vom Schlußpunkt aus durchlebt - "wir müssen alles rückwärts gängig machen, Susej". Dazu eine Violine linearer Beschleunigung zu einem Finale hin, das immer John-Cale-hafter wird.

 

10. Ich warte

 

"Die Wellen" und "Ich warte" sind die Klammern, die das Album im Griff haben. Auch der Schluß der CD ist religiös; hier ist es die sakrale Orgel, samt gotischem Hall. Der Nazarener, der auf die Hilfe seines Vaters wartet, würde ins Bild passen. Doch es sind weltliche Dinge und Gesten, die das ewige Warten ausdrücken: "Ich warte auf die Putzkraft, die soll den Blumenmüll entsorgen." Oder mit Kugelschreiber auf Ideen, auf die Kellnerin - oder darauf, daß der Geldautomat die Scheine ausspuckt. Unterbrochen wird das jeweilige Warten von einem kurzen, peitschenartigen Knall, mit dem man dann wie ein Galeerensklave angetrieben wird und etwas fremdes Agens eingebläut bekommt. Wozu? Natürlich um weiter zu warten.


Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

Einstürzende Neubauten - Alles wieder offen

ØØØØ 1/2

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Potomak/Indigo (D 2007)

Links:

Hörst du den Krach der schlagenden Herzen?

(Photo Alexander Hacke © Markus Johannes Reinhardt)


Aus einer Schnapsidee wurde eine der wichtigsten deutschsprachigen Bands - die Einstürzenden Neubauten. Manfred Prescher sprach anläßlich des neuen Langspielers mit Ur-Mitglied Alexander Hacke.

Links:

Kommentare_

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Sea Wanton - 25.10.2007 : 15.37
gute nachricht aus x-berg. '...Mittlerweile sind sie allein auf weiter Flur...' surprise? wie, wo, was? da sind nur andere nicht im fokus der kulturindustrie, geschweige denn der massen, gelandet. gleichwohl mit unzerstörtem eifer neben der spur, abseits des etablierten klangerlebnisses - weit weg von den boxen der besserverdienenden. eher (immer noch) kantig und eckig im ausdruck, aber ungebeugt. die multiplikatoren sind eh schon längst ausgestiegen, während immer noch (industrial) muzak gemacht wird. jetzt im globalen massstab, Myspace und YouTube sei's gedankt. man muss (nur???) suchen - und suchen und suchen ...
ONE WAR ART - 30.10.2007 : 00.41
KLEINE STELLUNGNAHME

„NAGORNY KARABACH“ wurden aus gutem Grund nie als Einstürzende Neubauten Plagiat bezeichnet.

Die musikalische, als auch textliche Konzeption
waren so verschieden, dass der Vorwurf des „Hinterherlaufens“ abwegig ist.

Die LP/CD Veröffentlichung auf dem Label „What´s so funny about“ “ heißt „Kleine Exkursion“ und nicht „Kleine Exkursionen“.

ein schönes Leben


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