Kolumnen_Al Cook im EVOLVER #18

Working Man Blues (1970)

Der EVOLVER veröffentlicht die Kolumne, die der heimische Blues-Traditionalist Al Cook jahrelang für eine heimische Website schrieb, auf seinen Seiten neu - nicht nur, damit die Texte nicht verloren gehen, sondern weil sie so gut sind. Diesmal geht es endlich richtig los mit Cooks kompletter Diskographie und der Frage, warum der arbeitende Mann den Blues hat. Lesen Sie die großartige Geschichte über Al Cooks erster LP!    13.07.2020

12. Mai 1970, Folkclub Atlantis, Wien:

Ich saß auf der Bühne des kürzlich eröffneten Atlantis, der Wiege aller österreichischen Stars, und spielte mich buchstäblich in Trance. Obwohl das Lokal mit Fans und Neugierigen gerammelt voll war, nahm ich das Publikum nur als amorphe Masse wahr. Nicht meiner stadtbekannten Kurzsichtigkeit wegen, sondern um seelischen Schmerz zu vergessen.

Mein Privatleben, das ich damals noch nicht zu kaschieren verstand, war für mich die Hölle. Meine Mutter hatte nach einer Beinamputation keinen Lebenswillen mehr und ertrug ihr langsames Sterben, so wie sie ihr freudloses Leben gemeistert hatte. Mein geliebter Bruder stand vor der Hochzeit und ich fühlte nur, daß ich meinen einzigen Kameraden an eine Frau verlor. Nachts hörte ich meinen harten Vater tonlos weinen - und ich selbst war im Begriff, das erste Mobbing-Opfer proletarischer Neidhammelei zu werden. Mitten in der Hochkonjunktur waren Überstunden gefragt, und ich hatte eine Art Gentlemen´s Agreement mit meinen Vorgesetzten, nicht zusätzliche Stunden arbeiten zu müssen, da ich mit zwei Auftritten soviel verdiente, wie der Zuschlag ausmachte. Eigentlich habe ich ja nie dazugehört ... Dieser Umstand war es, der mich eigentlich vorerst in die Arme des Blues getrieben hatte. Aus anfänglichem Spott aus Unverständnis wurde blanker Haß. Als Künstler grenzte ich mich selbst aus und tat auch wohl das meinige dazu.

Schweißüberströmt gönnte ich mir eine Pause und stieg mit wie immer gesenktem Kopf von der Bühne, ohne den tosenden Applaus auch nur zu bemerken. Da wurde ich an den Musikertisch gebeten und einer Gruppe von Leuten vorgestellt, die ich dunkel von meinem Vorsingen bei Amadeo Records in Erinnerung hatte.

Ein netter Herr namens Wilhelm J. Lauringer eröffnete mir die Möglichkeit, eine LP (!) zu machen und nannte mir auch gleich die erste Sitzung. Ohne nach Geld oder Sonstigem zu fragen, sagte ich mit Freuden zu und war überglücklich, nach sechs Jahren frustrierendem Konzertieren vor Straßen- und Wirtshauspublikum endlich den Sprung ins Busineß geschafft zu haben.

Retrospektiv muß ich aber zu meiner Schande gestehen, daß ich die Naivität eines 15jährigen hatte und mir bis vor ein paar Jahren nicht klar war, daß man es als Österreicher international zu nichts bringen kann - es sei denn, man wandert aus wie Zawinul und Schwarzenegger. Der unbändige Wille, mich aus der Hölle des Industrieproletariats zu befreien, tat auch noch das seine. Da kam ich auf die Idee, der ersten reinen Bluesplatte im deutschen Sprachraum den Titel "Working Man Blues" zu geben.

Wie es der Zufall will, entdeckte der damalige AZ-Journalist und Moderator der "Grünen Welle" auf Ö3 (hört, hört!), Günther Poidinger, mein Talent als Blueskünstler. Da ich auch noch aus der Arbeiterklasse stammte, war ich ein Fressen für die rote Presse. Ich war sehr schüchtern und gedrückt und konnte vor Fremden keinen zusammenhängenden Satz sprechen; das legte man mir als unterdrückte Arbeiterseele aus. In Wahrheit hatte ich aber seit meinem Eintritt in die Schule als Nonkonformist und Denkertyp harte Zeiten durchzustehen. Ich leistete es mir, Mensch und Individuum zu sein. und das ist auch heute kein Honiglecken.

Nur wenn ich auf der Bühne war und meine Musik machen konnte, wurde ich von Alois Koch zu Al Cook, dem Teufelsbluesler. Bald aber hatte ich meinen Künstlernamen und meine neue Identität etabliert - und Alois Koch wanderte mit all seinen Komplexen auf die Deponie.

 

 

Im Mai 1970 aber war ich noch von jedwedem Selbstbewußtsein meilenweit entfernt. Trotzdem traf ich wieder einmal eine meiner berühmten Friß-oder-stirb-Entscheidungen, setzte mich im Konzerthaus-eigenen Austrophon-Studio vors Mikro und legte los. Ich war aber die Patina historischer Bluesplatten gewöhnt und schrecklich unglücklich mit dem Sound, den man meinen Aufnahmen verpaßte. Die Gitarre klang zu dünn, und meiner Stimme wurde noch Hall zugesetzt, was ich bis heute auf den Teufel nicht ausstehen kann. Einer Gesangsnummer folgte immer ein Instrumentaltrack. Offensichtlich hielt man meine Stimme noch für gewöhnungsbedürftig. Dabei klang ich wie ein junger Elvis, der versucht, Blues zu singen. Zu Hause hatte ich weit bessere Aufnahmen auf Band, aber man wollte kein Risiko bezüglich moderner Hörgewohnheiten eingehen.

Im Laufe der Aufnahmen preßte man mir aber ein betriebsübliches Zugeständnis ab. Jack Grunsky, der Hauptstar bei Amadeo Records, hatte offensichtlich eine Abmachung, daß jeder von ihm rekommandierte Musiker eine seiner Kompositionen covern mußte. Der Cut hieß "Moonchild Song" und paßte lyrisch so gar nicht in mein erdiges Konzept. Mit Überwindung sang ich halt diesen inhaltlich ein wenig aufgestiegenen Text, der mir zu sehr nach Blumenkindermentalität stank. Auf Grunskys Version ist der ehemalige Stones-Gitarrist Mick Taylor auf der Slide-Guitar zu hören. Als ich in die Saiten fuhr, schrieben die Veranstalter euphorisch auf ihren Plakaten: "Al Cook, besser als Mick Taylor von den Stones!", was natürlich wieder zu dem Irrtum führte, daß die Leute glaubten, ich sei Rockmusiker. In einer Disco in Mannswörth spielte ich "Honky Tonk Women", um dem Publikum eine Brücke zum Blues zu legen, aber als sie dann "Satisfaction" hören wollten, verlor ich den Glauben an die Intelligenz der Zuhörer.

Dennoch war ich der Star jeder auch noch so bekackten Veranstaltung. Von intellektuellen Zirkeln bis zu Kommunen mit Grasgestank spielte ich alles durch. Daß ich von Alkohol und Drogen verschont wieder herauskam, war nicht nur meiner überzeugten Abneigung gegen die Rauschgiftkultur zu verdanken, denn letzten Endes gehörte ich auch da nicht dazu. Als man sich an dem gitarrepielenden Alien aus der Mottenkiste der 50er sattgesehen und gehört hatte, wußte man mit mir nichts mehr anzufangen, und ich verließ eine Party nach der anderen, ohne daß ich jemandem abgegangen wäre. Abseits der Bühne war ich ein einsamer Wolf, der verzweifelt nach einer Wölfin suchte, die seinen Blues mit ihm teilte.

 

Und hier hakt die Thematik des "Working Man Blues“ ein.

Abends, wenn Betriebsschluß war, warteten die Freundinnen und Ehefrauen auf ihre Männer und gingen oft Hand in Hand nach Hause, während ich mit Jungstierblick an der Fabriksmauer lehnte und nicht nach Hause wollte. Ich war 25 - und meine hilflosen Versuche, zwischenmenschliche Kontakte aufzubauen, scheiterten an meiner gesellschaftlichen Anpassungsunfähigkeit. Ich flog von der Tanzschule, weil ich anstatt einer Krawatte eine Südstaatenmasche und einen Elvis-Haarschnitt trug, wo man doch gerade vom Beatles-Zeitalter zur Hippie-Kultur wechselte. Ich war so etwas von out und uncool, wie man heute sagen würde, daß ich mir wie ein Schwarzer auf einer Klan-Party vorkam. So lernte ich das Wesen des Blues von der Pike auf kennen.

Aber wer war mein Publikum? Die Folkniks, die Hippies und die 68er und dank "Working Man Blues" auch die intellektuelle Linke, man glaubt es nicht. Mit der Woodstock-Bewegung hatte sich der Blues eine Marktnische geschaffen, in die ich genau hineinpaßte, aber ich hatte bei Gott kein Interesse, mich als Proletenpoet verwursteln zu lassen. Wie immer hörte mir keiner richtig zu, und so wurde ich unbeabsichtigt zum Star der embryonalen Austropop-Szene. Es gibt kaum einen Musiker, der mich nicht gekannt hätte. Von Ambros bis zu Waterloo und Robinson weiß jeder, wer ich bin. Ich könnte das gesamte Sendepotential dieser Online-Plattform mit meinen Geschichten und Anekdoten füllen, da mir in den 37 Jahren schon allerhand untergekommen ist. Meine Bedeutung innerhalb der Populärkultur der 70er und 80er ist nicht nur auf einem längst vergriffenen Austropop-Sampler, sondern in zahlreichen Dokumentationen verewigt.

 

11. November 1970:

Im heute nicht mehr existenten Musikhaus ¾ wurde meine erste LP ein wenig unprofessionell präsentiert. Es waren keine namhaften Journalisten anwesend, und das rasch aufgelegte Brötchenbuffet war bald verzehrt. Frau Erika Vaal, die Moderatorin einer Lateinamerika-Sendung, ließ sich neben einem Autogramm noch den Vermerk "Erstes signiertes Exemplar" hinzufügen. Mein alter Volksschulkamerad Erwin Novak (Novak´s Kapelle) kam mich besuchen - und nachdem gefressen, gequatscht und mein Werk als Hintergrundmusik mißbraucht wurde, ging jeder mehr oder weniger zufrieden nach Hause. Man harrte der Dinge und Reaktionen, die noch kommen würden. Ambros gab es noch nicht, Falco war nicht einmal noch eine Idee, und so gab´s keinen auffälligeren Einzelkünstler als mich.

Trotzdem verkaufte Amadeo keine 500 Stück von der LP , und so mußte Mr. Lauringer den Hut nehmen, wie man mir erzählte. Mich zitierte man in die Firma und meinte, daß es so nicht weitergehen könne. Es müßten Kompromisse an den Zeitgeist gemacht werden, und man schlug mir vor, mich über Auslandsverbindungen mit John Mayall und Eric Clapton bekannt zu machen. Clapton hatte sich gerade von Cream gelöst - und wenn man Mick Taylor für Jack Grunsky gewinnen konnte, müßte doch für mich ein Song mit Eric Clapton drinnen sein.

Mich ergriff die große Panik. Nicht etwa vor dem göttlichen Mr. Slowhand, sondern vor der Tatsache, daß man meine Musik verwursten würde. Ich hätte keine Kontrolle mehr über meine Projekte, und mir genügte, was Cream aus dem "Cross Road Blues" gemacht hatten. Nicht einmal bei Elvis hätte ich zugesagt. Das klingt für einen vernünftigen Menschen irrsinnig und abnorm großkotzig, aber wenn mein künstlerisches Konzept in Gefahr ist, fresse ich lieber Erdäpfel, da kann kommen, wer will.

Mit Al Cook, dem verbohrten Sturschädel, war also nicht zu reden - und so ließ man mich fallen wie ein ungenießbares Hot Dog. Mit meinem Ausstieg aus der Arbeitswelt mußte ich noch drei Jahre warten. Währenddessen war ich Star der Arena 70, 71 und 72 und feierte Triumphe in ganz Österreich. Im Ausland brachte ich es auf drei BRD-ouren und einen Auftritt beim Windsor Festival in England, was mir aber nichts einbrachte, weil ich nicht schwarz war.

 

 

Nachdem ich meinen ersten Plattenvertrag in den Händen hielt, lief ich zu Mutter, und sie erhob ihr müdes Haupt und sagte zu meinem Vater: "Jetzt wird unser Bub noch ein Star". Die Veröffentlichung von "Working Man Blues" erlebte sie nicht mehr. Am 1. Juli 1970 nahm sie Gott gnädig in seine Arme, und ich spielte den ganzen Tag Gitarre. Es war meine Art, Trauer abzubauen, denn ich brauchte Kraft, um ein neues Projekt zu beginnen.

Dies war die Geschichte rund um die Entstehung meines ersten Albums. Die zweite Folge von "Working Man Blues" bringt sämtliche Texte aus der LP und die Originalaufnahme direkt von der Platte.

Wenn ich mit dieser Serie euer Interesse wecken kann, bin ich gerne bereit, die Diskographie in ihrer Gesamtheit zu dokumentieren.

 

Wie immer

 

Euer Freund

Al Cook

Al Cook im EVOLVER


Unverfälscht, traditionsbewußt und weitab vom Kommerz-, Radio- und Social-Media-Mainstream: So wie Al Cook Musik macht, schreibt er auch - und zwar exklusiv im EVOLVER. Lesen Sie hier seine sehr persönliche Einführung in die Welt des authentischen Blues-Genres und seiner Position im populärkulturellen Musikgeschehen.

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