Kolumnen_Al Cook im EVOLVER #17

The Complete Al Cook

Der EVOLVER veröffentlicht die Kolumne, die der heimische Blues-Traditionalist Al Cook jahrelang für eine heimische Website schrieb, auf seinen Seiten neu - nicht nur, damit die Texte nicht verloren gehen, sondern weil sie so gut sind. In der vorigen Folge begann Cook über seine Diskographie bis 2001 zu berichten. Diesmal erfahren wir einiges über die Vorgeschichte zu seiner ersten Platte.    19.06.2020

Liebe und geschätzte Fans!

 

Ich habe mich - wie schon angekündigt - entschlossen, mein gesamtes Tun und Lassen auf Tonträgern mitsamt den Songtexten und hoffentlich interessanten Hintergründen zu dokumentieren. Viele meiner Kunden bedauern es, daß ich meinen Platten nie die Texte beigefügt habe, da die Sprache des Blues akustisch oft nicht zu entziffern ist. Nun ja, perfektes Oxford-Englisch ist der Bluesgesang ja nicht - und des öfteren noch dazu in heute nicht einmal mehr unter den Schwarzen gebräuchlichen Double-Talk verpackt.

Liedertexte schreibe ich ja schon seit der Zeit, als ich noch nicht einmal wußte, wie man eine Gitarre hält. Als Elvis nach seiner Rückkehr aus der US Army nur mehr Hawaiischleim und Operettenschmarren produzierte, begann ich in meinem jugendlichen Irrsinn Lieder für ihn zu schreiben, die ich natürlich nie abschickte. Da ich von Noten bis heute keine Ahnung habe, hätte ich Demos anfertigen müssen, und dazu fehlten mir abgesehen von den Musikern noch die technischen Möglichkeiten. Ehrlich gesagt: Wer hätte damals einem 16jährigen Spinner aus dem 3. Wiener Gemeindebezirk eine Möglichkeit gegeben, mit dem King in persönlichen Kontakt zu treten? Nach 30 Nummern warf ich eines Tages meine gesamten Ergüsse wortlos ins Klo und spülte die Hoffnungen auf eine Songschreiber-Karriere gleich mit ins Reich der Kanalratten.

Das gipfelte dann im Oktober 1963 im Entschluß, mir eine Gitarre zu kaufen und selbst zu singen, was ich ja bis heute tue. Mein am falschen Publikum gescheitertes Rock´n´Roll-Debüt ließ mich dann geradewegs in den Blues schlittern. Alles Weitere ist ja - wie euch bekannt ist - Geschichte.

Bevor ich mich aber richtig in die Arbeit stürze, muß ich noch bekanntgeben, daß ich einen netten Menschen gefunden habe, der mir die Originalcovers meiner Platten beidseitig scannt. Es ist Franz Vogler, eines der fördernden Mitglieder der Bluesgemeinschaft. Übrigens ist er auch der Schöpfer des Coverfotos zu meiner im Herbst [2001] erscheinenden CD "The Country Blues". (Volume 2 reift schon zum Embryo heran.)

Damit kann ich neben meinen Geschichten auch noch meine alten Covers zum Herunterladen präsentieren. Alles Dienst am Fan und Kunden ... Wie das mit der dazugehörigen Musik wird, kann ich nicht sagen. Vielleicht wird es mir möglich sein, im Jahr 2004, also zu meinem 40jährigen Bühnenjubiläum, mein "Gesamtwerk" auf MP3 zu veröffentlichen. Kommt Zeit, kommt Rat.

Bevor ich meine erste LP "Working Man Blues" am 11. November 1970 präsentieren konnte, waren sechs Jahre pausenloser Klimperei vor Wirtshauspublikum und Fünf-Uhr-Tee-Langweilern vergangen. Ich versuchte damals die Slide-Guitar in Österreich einzuführen, deren Klang das Publikum irritierte. 1966 trat ich als Kurzzeitgitarrist einer brustschwachen Kommerzband bei einem Wettbewerb in der Tenne (!) auf und glaubte, mit einer Nummer im Elmore-James-Stil punkten zu können. Das Ergebnis war, daß ich mit Pauken und Trompeten durchfiel und nach wüster Beschimpfung durch meine "Kollegen" aus der Band flog. Seither lasse ich mich nie mehr wieder auf dubiose Wettbewerbe oder Vergleiche ein. Die heutigen jungen Bluesmusiker wissen gar nicht, wie schwer es in den frühen Sechzigern war, jenseits gängiger Schlagermode Musik zu machen. Ich habe damals nicht nur ein Lokal leergespielt. Aber wer ein Cook ist, der geht seinen Weg - und heute im Disco-Zeitalter habe ich es manchmal auch nicht leichter. Geholfen hat mir dabei meine Philososophie.

"Wenn du morgens erwachst und kannst dich getrost in den Spiegel schauen, weil du was Gutes geliefert hast, ist es egal, wie viele dir applaudieren oder nicht. Man darf dir nur nicht nachsagen können, daß du schlecht warst." Das trägt mich nun schon 37 Jahre durch dick und dünn.

Mit dem Aufkommen der Folk-Welle und Woodstock-Bewegung sowie dem Erscheinen der ersten britischen Bluesgruppen wie Fleetwood Mac erkannte man plötzlich, was der "Verrückte mit seiner Guitar" eigentlich machte. Im heute vergessenen "Golden Gate Club" startete ich dann endlich als Bluesmusiker durch und triumphierte das erste Mal vor einem größeren Publikum.

Ernst Hilger jun., heute renommierter Innenstadtgaleriebesitzer, veranstaltete 1969 im Audimax der Uni Wien ein legendäres Folkkonzert mit den Milestones, den Tiny Folk und den Bluegrass Specials. Mittendrin Al Cook, damals bekannt unter der Bezeichnung "King Of The Cryin´ Blues" - einen Slogan, den irgendwer auf die Klosettwand des Golden Gate Clubs geschrieben hatte.

 

 

Mein donnernder Bariton und die exzessive Performance rissen einfach alles mit, und ich brachte es innerhalb kürzester Zeit zum Lokalstar der Wiener Szene. Das rief die Plattenfirma Amadeo auf den Plan - und Jack Grunsky, der unumstrittene Folkstar, fungierte als Talentscout. Er vermittelte eine Audition bei Amadeo, und ich setzte mich hin und sang aufs Tonband: "I´m a workin´ man and I´ve been workin´ all day long ..."

Das Golden Gate platzte bald aus allen Nähten und übersiedelte unter dem legendären Namen "Club Atlantis" in die Gefilde der "Jazzföderation" Ecke Währinger Straße und Sensengasse im 9. Bezirk. Das "Atlantis" war die Wiege der Stars. Von Ambros bis Waterloo und Robinson ging dort alles, was später Rang und Namen haben sollte, aus und ein. 1970 aber war ich der einflußgebende Musiker. Am 12. Mai 1970 kamen die Plattenbosse meinetwegen ins Atlantis.

Beim nächsten Mal gibt´s dann sicher schon das Cover - und dann geht´s los.

 

Euer

Al Cook

Al Cook im EVOLVER


Unverfälscht, traditionsbewußt und weitab vom Kommerz-, Radio- und Social-Media-Mainstream: So wie Al Cook Musik macht, schreibt er auch - und zwar exklusiv im EVOLVER. Lesen Sie hier seine sehr persönliche Einführung in die Welt des authentischen Blues-Genres und seiner Position im populärkulturellen Musikgeschehen.

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