Kolumnen_Al Cook im EVOLVER #15

In memoriam John Lee Hooker

Der EVOLVER veröffentlicht die Kolumne, die der heimische Blues-Traditionalist Al Cook jahrelang für eine heimische Website schrieb, auf seinen Seiten neu - nicht nur, damit die Texte nicht verloren gehen, sondern weil sie so gut sind. Im folgenden Beitrag widmet sich Cook der Blues-Legende John Lee Hooker, die mittlerweile auch schon einige Zeit im Himmel Gitarre spielt (oder an dem Ort, wo es weniger langweilig ist ...).    21.10.2019

John Lee Hooker (1917-2001) war mit Muddy Waters und Howlin´ Wolf (Chester Burnett) einer der ganz großen Exponenten des Post-War-Blues, also derjenigen Künstler, die sich von ihren Delta-Wurzeln Richtung Populärkultur bewegten und schlußendlich der Rockmusikrevolution der mittleren 60er mit kräftigen Impulsen auf die Sprünge halfen. Aber wie es den Bluesmusikern eben so geht, wurde der Geist des Post-War-Blues, der anfangs deutlich auf den Jahrzehnten ursprünglicher Folk-Blues-Kunst aufbaute, von ihren Bewunderern falsch gedeutet. Ich will hier nicht zum wiederholten Male gegen die Popmusiker losziehen, sondern versuchen, einen möglichst objektiven Nachruf auf Hooker zu verfassen.

 

 

John Lee Hooker, der wie die meisten Bluestypen auch unter unzähligen Pseudonymen auftrat und aufnahm, wurde am 22. August 1917 in Clarksdale, Coahoma County, Mississippi geboren. Deser Ort war die Wiege vieler berühmter und auch berüchtigter Musiker, von Son House bis Ike Turner.

John wuchs auf der Farm seines Stiefvaters William Moore auf und sang gelegentlich im lokalen Kirchenchor, wie viele, die sich später dann eher von der "Teufelsmusik" angezogen fühlten. In der Zeit zwischen 1929 und 1931 spielte John mit lokalen Musikern bei "Country-Suppers" und sogenannten "Frolics", wie die wild-ausgelassenen Schnaps-und-Barbecue-Parties genannt wurden. Vielleicht traf er dort auch Charley Patton, den unumschränkten Star der sogenannten "Drew-Szene", die nach einer Kleinstadt im Delta benannt wurde.

Wie die meisten jungen Musiker wollte John von der Landwirtschaft nichts wissen und verdünnisierte sich nach Memphis, Tennessee. Elvis´ Eltern waren noch im Spielhöschen, doch die Stadt vibrierte schon damals von Musik. Zwischen den röhrenden Jug-und-Washboard-Bands gab es auch die einsamen Wölfe, die am Straßenrand standen und ihren Cottonfield-Blues sangen. Bald aber freundete sich Hooker mit späteren Stars wie Robert Nighthawk (Robert Lee McCoy) an und blieb bis ca. 1933 in Memphis. Danach und bis in die Vierziger schloß er sich verschiedenen Gospelgruppen an, zu denen auch die in Mississippi bekannten Delta Big Four gehörten. Dazwischen mußte er hin und wieder jobben, um zu überleben. Unstet wanderte John Lee Hooker von Cincinnati nach Detroit und Umgebung, bis ihn offensichtlich eines der moderneren Blueslabels entdeckte. Muddy wanderte 1943 von einem zum anderen Tag nach Chicago aus, und John landete eben in der Motor City, die dann in den 60ern Ausgangspunkt für das legendäre Motown-Label war.

1948 aber waren Detroits Plattenfirmen noch in weißer Hand; John Lee Hooker nahm bei Modern und später bei King auf. Sein Talent als Blueskünstler wurde für Pre-War-Fans wie mich leider erst spät entdeckt, denn ich hätte gerne gehört, wie er in den 20ern und 30ern klang. John hatte eine tiefe, vibrierende Stimme, die sehr ursprünglich klang, aber wie Muddy mußte er sich dem neuen Trend zu elektrisch verstärkter Gitarre und Verwendung von Hall und Jump-Rhythmen unterwerfen. Muddys Schwester sagte ihrem country-orientierten Bruder, was sie von Familienmitgliedern und Freunden aus Chicago zu hören bekam: "Da oben im Norden will kein Nigger deine altmodische Baumwollscheiße hören, da geht die Post mit Jump, Jive und tollen Rhythmen ab ..."

Das war´s. Nach dem Niedergang der klassischen Blues- und Vaudeville-Sängerinnen in den späten 20er Jahren ging nun auch die Ära der Pattons und Jeffersons zu Ende. Die lauten Großstädte im Norden verlangten nach dem Einsatz der erst kurz zuvor erfundenen elektrisch verstärkten Gitarre und der dröhnenden Mundharmonikas. Die damaligen schwachen Röhrenverstärker spotzten und spuckten aus überlasteten Lautsprechern, und so wurde ungewollt der Overdrive- und Fuzz-Sound der späteren Rockmusik geboren.

John wechselte die Plattenfirmen öfter als seine Socken und veröffentlichte seine Platten nacheinander bei legendären Labels wie Specialty oder Vee Jay. Ende der Fünfziger, als in intellektuellen Jazzkreisen das Konsumieren sogenannter "primitiver Jazzformen" - wie Blues und sonstiger schwarzer Folklore - hip geworden war, wagte man sich an Jazzfestivals heran. Der Zweite Weltkrieg hatte die Aktivitäten von Jazzfans wie John Hammond sen. zwar unterbrochen, aber durch die "zornige junge Generation", Beatniks genannt, bekam der Blues wieder eine, wenn auch mißinterpretierte Bedeutung. Der Blues war die Musik der etwas intellektueller gelagerten "Rebellen", während der Rock´n´Roll eher in den unteren gesellschaftlichen Gefilden seine Anhängerschaft fand.

 

1956 amüsierte sich das Jazzbürgertum mit dem Gesellschaftsfilm "Die oberen Zehntausend" noch köstlich über Bing Crosbys Einführung in die "Jazzmusik", wobei man sich über die geschmacklos-affige Synchronisation von Louis Armstrongs Stimme totlachte.

Aber man wagte es dennoch seit den späten 50er Jahren, in Newport Jazzfestivals zu veranstalten. Da man außer Big Bill Broonzy keines Country-Blues-Interpreten habhaft werden konnte, spielte John Lee Hooker den Holzhacker, der meist auf die Grundtonart beschränkte Stücke brachte, die er mit metronomartigem Fußstampfen begleitete. Bald wurde die Masche zu seiner Trademark: John Lee Hooker´s Blues. Man sagte, daß seine Musik so ursprünglich und primitiv sei, weil John nie gelernt habe, einen Akkord zu formen. Tatsächlich hat man den Eindruck, daß er mit seinen klobigen Händen einfach nur den Gitarrenhals würgt und ostentativ monotone Phrasen aus den Saiten quetscht.

Die oft gewollte Monotonie sogenannter One-Chord-Pieces ist eng an die Tradition der "Breakdowns" gebunden, die die versammelte Zuhörerschaft schrittweise in tranceartige Zustände versetzen sollen, bei denen sich die Tänzer bis zum Erschöpfungszusammenbruch verausgaben. Das läßt fast einen Vergleich mit der heutigen Techno-Musik und der Konsumation aufputschender Extasy-Drogen zu. Der Unterschied liegt nur in der ethnischen Genese. Während sich die Schwarzen nach der Ekstase erleichtert fühlen und sich bar aller bösen Geister wähnen, hat das bei uns keinen traditionell-kulturellen Hintergrund; daher treibt dieser gefährliche Hokuspokus unsere Jugend nur in eine inhaltsleere Erlebnis- und Genußsucht.

 

 

Nun aber zurück zu John Lee Hooker.

Als die vorwiegend weiße Rockrevolution den Begleitgenuß von Rauschmitteln und harten Drogen mit sich brachte, war die Musik John Lee Hooker gerade die richtige Beigabe. Sein Stil fand Eingang in die Technik zahlreicher Rockbands. Die ersten waren John Mayall´s Bluesbreakers und Canned Heat, die ihren Hit "On The Road Again" mit einer Hooker-Phrase einleiteten. John spielte nacheinander mit fast sämtlichen Rock- und Rauschgiftbands der 60er und 70er.

Die Tatsache, daß er sich dann auch noch mit New-Age-Musikern und Carlos Santana arrangierte, wie einst B. B. King mit U2, läßt mich zwangsläufig über den Unterschied zwischen schwarzer Auffassung und weißem Purismus nachdenken.

Vielleicht ist unsere Einstellung zum Blues total falsch oder nehmen sich die Schwarzen selbst nicht ernst. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Dem Schwarzen ist vermutlich der Begriff der Traditionspflege, wie wir ihn verstehen, unbekannt. Es gibt offensichtlich keine afroamerikanische Institution, die farbiges Kulturgut an Schulen lehrt, so wie wir Mozart und Beethoven seit fast 250 Jahren mit staatlicher Hilfe am Leben erhalten. Kein farbiges Kind weiß, wie Bessie Smith, Ma Rainey oder Blind Lemon Jefferson gesungen haben. Das läßt den Schluß zu, daß das afrikanische Erbe kein Gedenken an die Vergangenheit erlaubt. Und das ist auch verständlich, denn erst wollte man vom Baumwollfeld herunter, dann aus dem Ghetto heraus - und da kann man sich nicht im Blick zurück verlieren, nicht einmal im Zorn.

Erst wollte man es den Weißen gleichtun und glättete das Haar sowie den Baumwolljargon. Als man dann trotzdem noch ein "Nigger" war, drehte man den Spieß um und machte aus dem "Fehler" eine Tugend. Black war plötzlich beautiful, und man trug Afrokrausen wie Fesselballons vor sich her. Jetzt trägt man Rap-Glatze und zeigt den Stinkefinger. Nichts davon trägt zur Verständigung zwischen den Rassen bei.

Die Schwarzen wollen nichts als aus ihrer Haut heraus, darum pfeifen sie auf den Blues und spielen die bösen Buben, die den weißen Arschgesichtern zeigen, wo Gott wohnt. Die andern aber sind die ewig grinsenden Nachtklubtypen und die Opportunisten, die aufatmen, wenn es endlich Kohle gibt. Die entsetzlichsten armen Teufel sind die, die sich wie ein Billy Mo einen "Tirolerhut kaufen" und sogar im Musikantenstadel auftreten würden, wenn die Kasse stimmt.

Wir alle haben wahrscheinlich keine Ahnung, was der schwarze Mann wirklich denkt und was einen John Lee Hooker, Muddy Waters oder B. B. King und einen Howlin´ Wolf dazu treibt, sich mit total unbluesigen Rockgranden auf die Bühne zu stellen. Werden wir es jemals wissen?

 

 

Lassen wir John Lee Hooker lieber ungestört in Blue Heaven den Platz einnehmen, den er sich verdient hat. Die "Boogie Chillen" werden zu seiner Musik tanzen, und wir behalten ihn in Erinnerung, indem seine Musik wie die der klassischen Granden in den Herzen seiner weißen (!) Freunde weiterlebt.

 

Good ol´ boy, Rest In Peace

 

Dein

Al Cook

Al Cook im EVOLVER


Unverfälscht, traditionsbewußt und weitab vom Kommerz-, Radio- und Social-Media-Mainstream: So wie Al Cook Musik macht, schreibt er auch - und zwar exklusiv im EVOLVER. Lesen Sie hier seine sehr persönliche Einführung in die Welt des authentischen Blues-Genres und seiner Position im populärkulturellen Musikgeschehen.

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