Kolumnen_Al Cook im EVOLVER #8

Robert Johnsons Tod und Auferstehung

Der EVOLVER veröffentlicht die Kolumne, die der heimische Blues-Traditionalist Al Cook jahrelang für eine heimische Website schrieb, auf seinen Seiten neu - nicht nur, damit die Texte nicht verloren gehen, sondern weil sie so gut sind. In der vorliegenden Episode geht es um den ewigen Trieb des Menschen, an Legenden zu glauben ...    25.01.2019

Nun kommen wir zu dem Kapitel, das die heikelste Frage im Johnson-Krimi behandelt: Wie ist der posthum berühmteste Bluesvagabund der Musikgeschichte nun wirklich zu Tode gekommen?

Wie bereits beschrieben, gingen schon in den 30er Jahren die wildesten Gerüchte um Robert Johnsons Tod um. Dabei wäre der Gute normalerweise, nachdem man ihn verscharrt hatte, wahrscheinlich recht bald vergessen gewesen - denn Bluessänger waren wohl oft sehr beliebt, aber eben des Teufels und daher unwürdig, anständig begraben zu werden. Weder Blind Lemon noch Charley Patton, nicht einmal die große Bessie Smith hatten einen Grabstein. Letztere mußte auf die Popröhre Janis Joplin warten, die ihr dann endlich einen Namen aufs Grab setzte. Wie erklärt sich das bloß? Wenn man sich ein wenig in schwarzer Kultur auskennt, so erfährt man, daß man Musiker und Schausteller nach Stammesgebrauch nicht in die Erde setzte, sondern in hohle Baumstümpfe legte und sie dort verrotten ließ. Das war natürlich im zivilisierten Amerika nicht möglich, also begnügte man sich damit, den Bluesbarden wenigstens den Namen auf der Grabstätte zu verweigern.

Wie sang doch Robert: "You may bury my body down by the highway side, so my old evil spirit can catch a Greyhound bus and ride" ("Me And The Devil Blues"). Man sieht, daß sich der Bluessänger selbst als Wohnsitz einer üblen Seele bezeichnete und fatalistisch der physischen Verrottung preisgab. Bluessänger zu werden oder zu sein war offensichtlich eine üble Berufung, der man nicht entgehen konnte. Ich weiß, was es heißt, zu entdecken, daß man eben nicht anders kann, als der Stimme seines Herzens zu folgen.

 

 

Doch zurück zu Robert Johnson.

Son House warnte Robert unzählige Male, es mit den Weibern nicht zu bunt zu treiben. Offensichtlich war der Jüngling nicht imstande, seine Hormone unter Kontrolle zu halten. Er war stets mit der Bratpfanne unterwegs, die er nicht nur zum Tönen brachte, sondern gleich als Rattenfalle für alles einsetzte, was einen Kittel trug. Anscheinend galt Robert Johnson unter seinesgleichen als attraktiv. Wenn man das in den Achtzigern gefundene Photo ansieht, kann man das fast glauben. Die oft von jahrelanger Feldarbeit und billigem Fusel gezeichneten Gesichter der Plantagenknechte waren oft auch für den anspruchslosen Geschmack der schwarzen Weiblichkeit keine Augenweide.

Robert hatte sich sein kurzes Leben lang vor der Feldarbeit gedrückt; seine feingliedrigen Hände bewiesen das. Offensichtlich benützte er die Gitarre (wie weiland auch ich), um dem "Hacklerdasein" zu entkommen und bei den Miezen den Schnurrekater zu spielen. In der rauhen Welt der Cottonfields konnte das aber unter Umständen tödlich enden. In einem Buch über Charley Patton ist zu lesen, daß man beim "Chicken-frying", wie man das Anbraten junger Frauen nannte, entweder das Messer eines Rivalen zwischen die Rippen oder die Axt ihrer Mammy über den Schädel bekommen konnte. Die beliebteste Methode aber, sich eines Brünstigen zu entledigen, war eine "Spinne" im Whisky. Dazu kochte man Mottenkugeln in tödlicher Menge zu einem Konzentrat ein, um dieses einem Stockbesoffenen ins Fluchtstamperl zu applizieren. Der Störenfried ging dann nach fürchterlichen Leibkrämpfen elend zugrunde. Man sagt ja, daß Robert auf allen Vieren kriechend wie ein bellender Hund gestorben sein soll.

Wenn sich eine (wenn auch posthume) Star-Persönlichkeit unter ungeklärten Umständen aus dem Leben macht, ruft das natürlich auch die Wissenschaft auf den Plan. Ich unterhielt mich zweimal mit Honeyboy Edwards, der Augenzeuge von Johnsons Tod gewesen sein soll, und er erzählte immer dieselbe Geschichte: Robert habe sich an die Frau des Lokalbesitzers herangemacht, und dieser habe ihm dann eine geöffnete Whiskyflasche angeboten, die ihm Sonnyboy Williamson (Rice Miller) mit der Warnung, man solle nie aus einer angebrochenen Flasche trinken, aus der Hand geschlagen hat. Robert protestierte und trank ein zweites Mal. Nach den ersten Takten, die er nach der Pause spielte, brach er zusammen und kotzte sich die Seele aus dem Leib. Man brachte ihn zu einem Nachbarn, wo er drei Tage später verstarb.

Auf der Sterbeurkunde, die 1968 gefunden wurde, steht klar der Vermerk "No Doctor" zu lesen. Das Leben von Schwarzen war im Süden nie viel wert gewesen, aber in den Tagen der Delta-Blues-Giganten scherte man sich überhaupt nicht darum, wie ein Schwarzer zu Tode gekommen war. Es kam darauf an, ob der Verblichene ein guter Arbeiter war und dem Plantagenbesitzer die Pacht rechtzeitig zahlte (Sharecrop-System). Ob und wie sich die "Nigger" umbrachten, war in der Zeit der großen Depression (1929-1934) kein Thema, da es billige Arbeitskräfte ohnehin zum Schweinefüttern gab. Der Sheriff kreuzte nur auf, wenn es Probleme mit Weißen gab.

Wie in früheren Folgen dieser Kolumne angemerkt, war Johnsons Tod ein gefundenes Fressen für spekulative Geister und brachte in unserer heutigen esoterikanfälligen Zeit die groteskesten Blüten hervor. Die Spitze der Witze ist "Crossroads" - ein Filmchen für unbedarfte Romantiker, die sich gern an Mythen delektieren.

Was mir an der Sterbeproblematik des Robert Leroy Johnson zu denken gibt, ist die Tatsache, daß man erst jetzt die Rückseite des Totenscheins veröffentlicht hat. Wollte man vom Mythos des Getriebenen profitieren, so lange es ging, oder die Wahrheit nicht wissen, weil sie zu einer Entmystifizierung geführt hätte? James Dean raste sich schließlich auch nicht aus unglücklicher Liebe zu Pier Angeli in den Tod. Vielmehr hatten ihre Eltern erfahren, daß der große Rebell schwul oder zumindest bisexuell und möglicherweise unter der Gürtellinie mit dem Frauenidol Rock Hudson bekannt war. Aber über solche Tabus durfte in den 50ern nicht gesprochen werden.

In dem Buch "Chasin´ That Devil Music" von Gayle Dean Wardlow wurde die Rückseite von Johnsons Totenschein jedenfalls veröffentlicht.

 

 

Der Mann, der Robert Johnson vor dessen Tod beherbergte, war weiß (!). Da Robert aber nicht auf seiner Plantage arbeitete, verweigerte ihm sein Quartiergeber offensichtlich ärztliche Hilfe, ließ ihn aber wenigstens in seinem Haus sterben. Es wird zwar behauptet, daß Robert bei ihm anheuern wollte, aber das kommt mir wegen seiner notorischen Arbeitsscheu eher unwahrscheinlich vor.

Der Gipfel aber war die vom Plantagenbesitzer geäußerte Vermutung, daß Robert Johnson an Syphilis verstorben sei. Der Internist des Mississippi State Charity Hospital analysierte ein bloßes Zusammentreffen mehrerer Faktoren, die zum Tod des Sängers führten. Eigentlich wäre es aufgrund von Roberts jungem Alter nicht zwangsläufig zum Exitus gekommen, doch es gab untrügliche Anzeichen dafür, daß syphilitische Spätsymptome den Lauf der Dinge beschleunigt haben könnten.

Robert Johnson litt an den Folgen einer unbehandelten sogenannten kongenitalen Syphilis – das heißt, daß er wahrscheinlich schon mit dieser Krankheit geboren wurde. Eine schwärende Pulsadergeschwulst, angegriffene Blutgefäße sowie beginnende Leberzirrhose könnten seinem Körper so zugesetzt haben, daß er durch die Kombination von "Moonshine-Whisky" (also illegal gebranntem Fusel) und seiner Krankheit auch noch Lungenentzündung bekommen hat - und das war´s dann. Antibiotika wie Penicillin gab es erst nach 1945.

Roberts Todestag war makabrerweise der 16. August. Genau 39 Jahre später blies sich Elvis Aaron Presley aus Mississippi mit Drogen und Freßorgien das Lebenslicht aus. Auch Elvis lebt, wie James Dean und Rudolfo Valentino. Das ist halt einmal so. Robert Johnson aber wurde in eine rasch zusammengezimmerte Kiste geworfen und verscharrt - wo, das weiß man bis heute nicht genau.

Erst nach mehr als 20 Jahren stand der Teufelsbraten wieder von den Toten auf. Und mit einem Mal hatte der Sensations- und Spekulationsjournalismus eine neue Ikone ...

Al Cook

Al Cook im EVOLVER


Unverfälscht, traditionsbewußt und weitab vom Kommerz-, Radio- und Social-Media-Mainstream: So wie Al Cook Musik macht, schreibt er auch - und zwar exklusiv im EVOLVER. Lesen Sie hier seine sehr persönliche Einführung in die Welt des authentischen Blues-Genres und seiner Position im populärkulturellen Musikgeschehen.

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