Kolumnen_Al Cook im EVOLVER #14

Heimat, bist du großer Blueser

Der EVOLVER veröffentlicht die Kolumne, die der heimische Blues-Traditionalist Al Cook jahrelang für eine heimische Website schrieb, auf seinen Seiten neu - nicht nur, damit die Texte nicht verloren gehen, sondern weil sie so gut sind. Als direkte Fortsetzung seines Beitrags über die vom Mainstream unterschätzte Rolle des Blues spricht Cook diesmal alle Bluesmusiker des deutschsprachigen Raums direkt an.    31.07.2019

An meine Landsleute !

 

Im vorangegangenen Beitrag zum Thema "Blues als Stiefkind der Musikgeschichte"  komme ich diesmal zu einem heiklen Punkt, der nicht nur diskutiert werden, sondern auch ernsthaft zum Nachdenken über die Situation im eigenen Lande und die uns zugewiesene (!) Stellung in der internationalen Musikwelt anregen soll.

Der Verlust unserer international anerkannten Identität als musikschaffende Nation wurde bereits zu Ende des Ersten Weltkrieges mit den historischen Worten "Der Rest ist Österreich" besiegelt. Das Ende des Zweiten Weltkrieges endete mit der totalen Entmannung heimischen Selbstbewußtseins. Patriotismus jeder Art hatte schwere Kritik seitens der Besatzungsmächte einzustecken. Gnädig ließ man uns noch den Kaiser Franz, die Sträuße und vor allem den Mozart und die Sachertorte - nicht zu vergessen die wie Schoßhündchen abgerichteten Sängerknaben und die Lipizzaner. Über allen aber thronte der göttliche Karajan, der dafür sorgte, daß unser Land das blieb, was man sich unter Österreich vorstellte: ein Völkchen walzertanzender Almdudler, das am Sonntag nach Kirchgang und Sachertortenjause in frischlackierter Panier philharmonische Kultur konsumierte und den wohlfeilen Kunstgenuß mit einem Heurigenbesuch abrundete.

Amerika hatte die Rolle der Leitkultur übernommen, und wir wurden Coca-Kolonisiert. Der Haß auf alles, was deutsch klang, war verständlich - und ich war einer der Ersten, die nicht in abendländisch-europäischer Tradition aufgewachsen sind. Obwohl mich mein Vater mit Verdi und Puccini zu Tode quälte und ich sogar im Belvedere-Garten als Fünfjähriger die Arie des Bajazzo schmetterte, fühlte ich, daß das nicht das Wahre sein konnte. Eines Samstags im Jahre 1956 hörte ich im Radio eine mitreißende Musik und notierte mir den Namen des Sängers auf einem Stück Zeitungspapier. Langsam schrieb ich CHUCK BERRY. Damit konnte Mario Lanza den Hut nehmen und sonstwo seine Arien schmettern. Es sollte aber noch fast zehn Jahre dauern, bis ich mich gänzlich dem Blues verschrieb. Vorher wollte ich noch Rock´n´ Roll-Sänger werden und in meinem pubertären Wahnsinn den verhaßten Beatles die Elvis-Stirn zeigen.

Zu dumm. Ich hatte die Musikfilmchen der 50er Jahre zu ernst genommen und bis ins reife Mannesalter nicht realisiert, daß man es als Österreicher international zu nichts bringen kann, weil das Vorurteil vom walzertanzenden Almdudler sich wie eine uneinnehmbare Hürde vor einem herschiebt. Die Wiener Blueslady Kathie Kern hat mir während der Aufnahmen zu einer meiner letzten CDs gesagt, daß Chris Strachwitz - ein mir bekannter deutsch-amerikanischer Bluesproduzent - bemerkt haben soll, daß wir Österreicher einfach alle nur jodeln sollten. Da vergeht einem Authentiker wie mir selbst der Appetit auf mein geliebtes Wiener Schnitzel ... Ich kreide es der Unterhaltungsindustrie schwer an, was sie mit dem Kotzklassiker "The Sound of Music" angerichtet hat.

Der deutschsprachige Raum und insbesondere Wien hat im Verhältnis zur Population die größte Dichte an bemerkenswerten Bluestalenten. Zwar geben einige bald auf, weil sie einfach aus den Dreigroschenlokalen nicht herauskommen, aber tagtäglich sprießen neue Blüten aus dem harten Pflaster, das ich einst Stein für Stein gelegt habe.

Mit der Rundfunkreform von 1967 wurde ein starker, progressiver Sender gegründet, nämlich das legendäre Ö3. Neben dem, was man damals als progressiv empfand, spielte man dort auch Blues und Folk-Musik. Die "Musicbox" stellte interessante Künstler vor und gab Musikschaffenden jenseits des Mainstreams eine faire Chance, sich einem größerem Publikum zu präsentieren und so in das Bewußtsein der breiten Öffentlichkeit einzuprägen. Natürlich waren auch Scharlatane und ausgeflippte Nichtskönner darunter, aber der ORF lebte, was man in späteren Zeiten der Roscic-Diktatur nicht mehr behaupten konnte.

Mit der Einführung des Formatradios und der Ausgrenzung jedweder Musik zwischen Musikantenstadel und Michael Jackson war es der Blues, der das erste Bauernopfer wurde. Hans Maitners "Living Blues" oder Dietmar Brunnbauers Bluesmagazin, Günther Schifters "Schellacks" und W. R. Langers "Vokal, Instrumental, International" verschwanden über Nacht aus dem Breitbandprogramm des ORF. Wer wagte es, ernsthaft den gesetzlichen Kulturauftrag einzufordern? Ich war in den Siebzigern und danach oft Zaungast bei unzähligen Diskussionen, die bloß hilfloses Herumargumentieren einiger ausdrucksschwacher Idealisten gegen die präpotente Präsenz einiger ORF-Granden aufzubieten hatten. Damals war ich noch nicht in der Lage, meiner Meinung freien Ausdruck zu verleihen, aber heute würde ich den Jungspatzen von der TXO-Zunft verbal schon ordentlich auf die Birne hauen.

 

 

Daß der Blues als die essentielle Musikrichtung der westlichen Unterhaltungskultur so in Vergessenheit geraten ist, hat verschiedene Gründe, die man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen sollte: Erstens hat kein österreichischer Sender den Mumm, sich gegen die totalitären Konzernstrategien angloamerikanischer Massenverblödung zu stellen; zudem ist niemand bereit, etwas gegen das Allerweltsargument "Minderheitenprogramm" zu unternehmen. Als ich 1964 meine ersten Bluesschreie auf das Publikum losließ, glaubte man, ich sei verrückt. Jahrelang lebte ich auch von meinem Alien-Image. Doch diejenigen, die langsam begriffen, wurden immer mehr. 1970 war ich sogar ein Teil der Populärkultur, und zahlreiche junge Leute machten es mir nach. Heute gibt es Legenden wie Erik Trauner und die Mojo Blues Band, und sogar Künstler, die ins Populärfach übergewechselt sind, nennen mich als ihre erste Live-Erfahrung. Wenn sich auch die Lager in Fans und Skeptiker teilen - ich war nie einer, neben dem man teilnahmslos sein Bier trinken konnte. Entweder man war drauf oder man machte den Abgang.

Mit der auch von mir befürworteten Privatisierung der audiovisuellen Medien kamen auch der Tod des Blues und sein Verschwinden aus dem Bewußtsein der breiten Masse auf schleichenden Sohlen. Wie die Diktatur braucht auch die Demokratie ihre Mehrheit, da man einen individualistisch denkenden Menschen nicht zum Zweck der Rentabilität gleichschalten kann. Während in totalitären Systemen die Indoktrination von oben kommt, schleicht sie sich in unserer angeblich so freien Gesellschaft wie Sickergas von hinten in unser Bewußtsein. Man schaltet die Medien gleich und behauptet, daß das der Geschmack des Publikums sei und - wie GI Weis bemerkte - die Medien keine Spielwiese für Experimente seien.

Klar, wer soll sich denn für was anderes interessieren, wenn er von der Wiege bis zur Bahre mit billiger Wühlkistenkost behämmert wird und sich nicht die Mühe nimmt, nach etwas anderem zu suchen? Als meine Generation ausging, wollte man Musik hören - und war sie noch so wild. Heute geht man in die Disco, um seinen Frust mit ständig offenherzigerer Reizwäsche und letztendlichen Ecstasy-Orgien abzureagieren. Alles zielt nur mehr auf Gewinnmaximierung und schnelle Kohle ab, da muß jedwede Kultur an Ausgrenzung zugrunde gehen. Der Blues ist in den letzten Jahren zur Randerscheinung der Musikszene geworden. Die Auftrittsmöglichkeiten für ehrliche Künstler, die sich nicht an den Popkommerz verkaufen, sind rar geworden, und die Bluesszene gleicht einer Löwengrube, die sich um das letzte Stück Aas schlägt.

Da bin ich nun beim zweiten Punkt.

Ein altes Cäsarensprichwort lautet: "Divide et impera" - Teile und herrsche! Weil sich die meisten Musikanten um des Überlebens willen für die Butter aufs Brot verkaufen, zwingen sie die Könner auf ein oft beleidigendes Preisniveau, was die Veranstalter zu Cäsaren macht, die sich infolgedessen locker als Preisdrücker produzieren können, weil dem Künstler der Hut brennt, sprich die Regien über den Kopf wachsen.

 

Die weitere Konsequenz ist, daß einer kein gutes Haar am anderen läßt, um den Job zu bekommen. Ich aber will keinen "Job", sondern meinen künstlerischen Auftrag erfüllen, wobei die Gage als Anerkennung zu betrachten ist. Den meisten Veranstaltern ist schnurzegal, wer da klimpert - Hauptsache, sie haben die Hütte voll, und die Kasse stimmt. Das ist einzusehen. Aber Blueskünstler sind eben keine Sonntagsklimperanten, die vom Schülerball übriggeblieben sind.

Daher rufe ich die gesamte Bluesszene auf: Wir können der Öffentlichkeit nur als monolithischer Block entgegentreten. Nur dann kann ich ein entsprechendes Memorandum an Rundfunk, Fernsehen und die Printmedien verfassen. Ich werfe mich gerne mit dem Gewicht meiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Blueskünstler in die Waagschale, aber ich bin kein Gewerkschaftler und kein Vereinsmeier. Nur - es muß bald etwas getan werden, damit unser Land endlich eine internationale Bluespräsenz an den Tag legt.

Wenn in unseren Tagen der unbeschränkten genetischen Möglichkeiten einer auf die Idee kommt, lippizanerärschige Sängerknaben zu klonen, haben wir bald ausgebluest.

 

Euer

Al Cook

Al Cook im EVOLVER


Unverfälscht, traditionsbewußt und weitab vom Kommerz-, Radio- und Social-Media-Mainstream: So wie Al Cook Musik macht, schreibt er auch - und zwar exklusiv im EVOLVER. Lesen Sie hier seine sehr persönliche Einführung in die Welt des authentischen Blues-Genres und seiner Position im populärkulturellen Musikgeschehen.

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