Kolumnen_Al Cook im EVOLVER #11

Ruhm ... posthum

Der EVOLVER veröffentlicht die Kolumne, die der heimische Blues-Traditionalist Al Cook jahrelang für eine heimische Website schrieb, auf seinen Seiten neu - nicht nur, damit die Texte nicht verloren gehen, sondern weil sie so gut sind. Auch in dieser Folge geht es wieder um Robert Johnson ... und sein spätes Dasein als Blues-Superstar.    15.03.2019

Meine Betrachtung über den King des Delta Blues geht langsam dem Ende zu - und ich möchte mich nun eher dem Drumherum um die Person Robert Johnsons widmen und aufzeigen, wie man auch einen Musiker, der absolut nicht zum Mainstream der Populärkultur zählt und noch dazu seit mehr als 80 Jahren tot ist, posthum zum Star machen kann.

 

 

 

Jazz- und insbesondere Blues-Fans waren bis Anfang der 70er Jahre eher eine verschworene Gemeinschaft außenseitiger Spinner, die sich zum Musikgenuß noch zusätzlich berauschen mußten, um vollständig ins Jenseits der alten Meister abschwirren zu können. Dies mag vielleicht angesichts der damals extrem erscheinenden Musik seinen Sinn gehabt haben - aber in meinem Falle stimmt es sicherlich nicht. Da ich seit meinen ersten Tagen als Musiker sowieso höchstens Freak-Appeal zu bieten hatte, schloß ich mich an den Kreis um Johnny Parth, den Gründer des heute weltbesten Blueslabels Document Records, an. 78er-Platten wurden bei uns wie Reliquien gehört und gehütet, aber im großen und ganzen blieb man unter sich.

Doch da gab es in England einen Kreis um den Bluesvater Alexis Korner, Gott hab´ ihn selig, der sich in der Populärkultur der ausgehenden Sechziger einen Namen in aller Welt machte. Die britische Markt-Vormachtstellung ausnützend, stellten die embryonalen Stones und der Schülerkreis um John Mayall die ersten "Bluesgruppen" auf die Beine. Bekannt wurde dieser Clan unter dem Begriff "British Blues Connection". Eric Clapp, der nur ein –ton an seinen Namen hängte, gründete die Yardbirds, die aber eher eine Mischung aus Mersey Beat und krampfiger B-.B.-King-Imitation waren. Clapton war ein fanatischer Johnson-Fan und redete mit niemandem ein Wort, der den Delta-Blues-Heroen nicht kannte. Auslöser war die schon früher erwähnte LP "King Of The Delta Blues", doch Clapton machte meiner Meinung nach den Kardinalfehler, Roberts Musik im Rockgewand der Post-Beatles-Ära zu verkaufen. Mit seiner Band Cream schrieb Eric Clapton zweifelsfrei Musikgeschichte, und ich habe selbst fast ein Jahr lang Cream und Jimi Hendrix gehört. Dabei muß ich sagen - so paradox es klingt: Jimi hatte mehr von einem Bluestypen als B. B. King mit seinem aalglatten Las-Vegas-Kommerz. Aber das ist jetzt nicht das Thema.

Brian Jones, musikalischer Kopf der frühen Rolling Stones und Mädchenschwarm, führte den Gebrauch der Bottleneck-Gitarre ein - eine Aufgabe, die ich in unseren Landen zu erledigen hatte. Keith Richard, der nach Jones´ mysteriösem Tod den Solistenpart übernahm, war von Robert Johnsons Gitarrentechnik völlig von den Socken. Er war davon überzeugt, daß Johnson einen ungenannten Begleitgitarristen dabei gehabt haben mußte. "Ooh, Robert Johnson, that´s a long way to go!" schwärmte Keith auf einem Video über Robert. Was mich betrifft, ich hatte die Technik Johnsons in wenigen Tagen begriffen, da ich kein Plektrumgitarrist bin. Die Unabhängigkeit von Daumen und Zeigefinger schaffte in den 60ern eben noch niemand; doch ich kann auf Privatmitschnitten aus den Jahren ´67 bis ´69 beweisen, daß ich dazu imstande war.

Wie das eben so ist, erlangte die britische Bluesgang über dröhnende Rockversionen amerikanischer Bluesklassiker Weltruhm. Plötzlich rochen geschäftstüchtige überseeische Sammler den profitträchtigen Bluesbraten und spannten die Popstars vor ihren Karren. Die Stones sind für mich "Satisfaction" und nicht "Love In Vain" - und solange Eric Clapton bei "Sunshine Of Your Love" oder "I Shot The Sheriff" bleibt, ist das für mich okay. Ich will hier nicht die Worte Sonny Boy Williamsons wiederholen, die er für die aufgezwungene Yardbird-Begleitung von 1962 hatte, sonst werde ich wirklich einmal gesteinigt ...

Aber die Medien hatten ihre populären Zugpferde, und der Blues begann hip zu werden. Das erklärt auch, warum mein erstes Publikum Hippies und Schmalspur-Protestos waren. Die Verwendung der Bottleneck-Gitarre als Gag-Instrument der Rockmusik kam schnell in Mode - und da ich schon seit ewigen Zeiten diese Technik verwendete, war ich urplötzlich zum Zampano der Slide-Guitar avanciert. Das Renommierblatt "Jazzpodium" erklärte mich in seiner April-Ausgabe 1974 zum weltbesten Slide-Gitarristen. Kaufen konnte ich mir bis heute nichts darum, das ist eben Nationalschicksal in unserem Land.

 

Da Robert Johnson nun zum Marktfaktor geworden war, wurde natürlich sein Leben in den schillerndsten Farben aufbereitet. Auf den unterschiedlichsten Labels kamen Johnsons Nummern in den unmöglichsten Zusammenstellungen heraus, und man brachte Bluesplatten mit den grausigsten Kraut-und-Rüben-Konzepten heraus. Wen interessiert schon seriöse Jazz-Forschung?

Das Frappierende an der ganzen Sache ist, daß sich vor der sogenannten zweiten Rockrevolution kein Schwein um den Blues gekümmert hat. In den 50ern, als die schwarze Welt auf Post-Bebop und Cool Jazz abfuhr und Elvis mit weißgewaschenen Versionen schwarzer Rhythm & Blues-Hits die Charts eroberte, wußte kaum einer, wer Robert Johnson oder Son House waren. Letzterer zog von Clarksdale nach Rochester im äußersten Norden und arbeitete als Gepäckträger; Big Bill Broonzy war froh, einen Job als Hausmeister zu finden; und der Rest der Bluesleute starb weg wie ausrangierte Schachfiguren. Bis auf ein halbes Dutzend, das erst mit dem Folkblues-Boom der Sixties hochgespült wurde, waren die Giganten des Country-Blues von der Bühne des Lebens verschwunden.

Offensichtlich mußte irgendeine Modewelle her, um Interesse an authentischer Volksmusik zu produzieren. Man denke nur an die kubanische Welle, die durch einen Film von Wim Wenders und das Engagement von Ry Cooder ausgelöst wurde. Die Musiker, die vielleicht ein halbes Jahrhundert nur um eine Tortilla und ein paar Tequilas gespielt hatten, waren auf einmal zu gefragten Weltstars geworden. Sie spielten nicht besser oder schlechter als zuvor - doch plötzlich war jeder Ton Gold wert. Müssen denn immer Popstars und renommierte Filmemacher daherkommen, damit das Konsumvolk begreift, was los ist?

Wenn Robert Johnson überlebt hätte, würde er heute mühelos Stadthallen füllen und zum Superstar sämtlicher Bluesfestivals avancieren, obwohl ihn ein Lonnie Johnson oder Blind Blake mit links in die Tasche stecken. Es ist der Mythos, der die Kassen füllt, und nicht der Grad des Könnens. Mein ehemaliger Manager und Produzent sagte mir einmal, es wäre besser, wenn Mick Jagger mich loben würde und nicht Roosevelt Sykes ... Nun ja: Vielleicht dreht man irgendwann einmal einen Film über das Blues-Alien aus dem 3. Wiener Gemeindebezirk, und ich habe endlich die Chance, in der Carnegie Hall aufzutreten. Andererseits habe ich zuviel Ernst und Lebenszeit investiert, um mich als exotischen Paradiesvogel verkaufen zu lassen.

Mit dem explodierenden Interesse an Robert Johnson wurden natürlich die Geschäftemacher auf den Plan gerufen. CBS und später Sony sicherten sich die Rechte an Roberts Songs, und ein gewisser Stephen C. LaVere riß sich das Exklusivrecht an Johnsons berühmtem Coverphoto unter den Nagel. Sogar die krakelige Unterschrift unter seiner Heiratslizenz mit Caletta Craft unterliegt der Trademark-Regelung vom "Robert Johnson Estate"(!!). Das einzige Wertmaß in den USA ist der Dollar und wie man ihn am besten macht. Wenn die Schwarzen sagen, daß ihnen die Weißen ihre Musik gestohlen haben und damit reich werden, trifft das sicher zuallererst auf diese Geschäftemacher und in zweiter Linie auf Typen wie die Stones zu, die unter "Love in Vain" frech Jagger/Richard gesetzt haben. Wir, die den Blues von der Deponie der Musikgeschichte holen, um diese schöne Kunst nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, verdienen daran wahrlich nicht einmal das Schwarze unter dem Fingernagel. Und wenn die Herren von der Pop-Zunft mit dem Blues nicht mehr genug kassieren, machen sie eben Reggae oder Mambo oder klappern mit dem Klodeckel.

Die Doppel-CD "The Complete Robert Johnson" machte binnen kurzer Zeit Gold. Ich überlasse es dem Leser dieser Reihe, sich selbst ein Urteil zu bilden. Hat nun Robert Johnson die Öffentlichkeit durch seine Musik überzeugt - oder brauchte es erst mehr als 80 Jahre nach seinem Tod ein paar Popmusiker und Sensationsjounalisten, damit die Masse begreift, wer er ist?

 

 

Damit, meine Bluesfreunde und Fans von der kritischen Sorte, ist meine Serie über den "King Of The Delta Blues" zu Ende. Ich hoffe, daß ihr davon ein bißchen für euer Musikverständnis profitiert habt.

Meine Absicht ist nicht, wild draufloszukritisieren und Popstars zu prügeln, sondern aufzuklären. Ich habe das oft in etwas derb-humoristischer Weise getan, um mich nicht als Professor Klugscheißer zu präsentieren. Ich habe die meisten Fakten auch nur aus der Fachliteratur, doch sie sind der breiten Masse unbekannt oder nicht zugänglich, weil man nur durch Insider-Kontakte an seriöses Material herankommt.

Diejenigen, die der Desillusionierung lieber ausweichen und weiterhin an Geister, Kobolde, Teufel und Schicksalskreuzungen glauben wollen, weil das Leben ohne Mystik so fad ist, sollen weiter daran glauben. Wenn es sie nur sie glücklich macht ...

 

Das wünscht ihnen

Al Cook

Al Cook im EVOLVER


Unverfälscht, traditionsbewußt und weitab vom Kommerz-, Radio- und Social-Media-Mainstream: So wie Al Cook Musik macht, schreibt er auch - und zwar exklusiv im EVOLVER. Lesen Sie hier seine sehr persönliche Einführung in die Welt des authentischen Blues-Genres und seiner Position im populärkulturellen Musikgeschehen.

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