Kolumnen_Al Cook im EVOLVER #9

Protokoll einer Wiedergeburt

Der EVOLVER veröffentlicht die Kolumne, die der heimische Blues-Traditionalist Al Cook jahrelang für eine heimische Website schrieb, auf seinen Seiten neu - nicht nur, damit die Texte nicht verloren gehen, sondern weil sie so gut sind. Heute erfahren Sie, wie sich Nekrophilie bezahlt macht ...    08.02.2019

Poor Bob - wie er sich im "Cross Road Blues" bezeichnete - war noch nicht einmal kalt, als die Jazzfans schon die Krampen schärften, um ihn wieder auszugraben. Wenn Robert Johnson keinen Frieden finden sollte, war daran sicher nicht seine gottlose Vagabundenseele schuld, die er dem Teufel verpfändet haben soll, sondern die seltsam anmutende Sensationsgier mythengläubiger Jazz-Journalisten, die ihr Publikum zum Lesen ihrer meist unwissenschaftlichen Traktate vergattern wollten.

Bis vor kurzem waren keinem Blues-Fan fundierte Ergebnisse seriöser Jazzforschung zugänglich. Ich verschlang die verschiedenen Büchlein mit derselben Neugier wie meine Genossen von der Altrocker-Partie. Der große Unterschied aber war der, daß ich in der Seele tatsächlich in den 20ern und 30ern des vorigen Jahrhunderts lebte. Meine gesamte Familie war im Alter der klassischen Bluessänger und impfte mir das Lebensgefühl der Vorkriegszeit Tag für Tag ein. Ich bin mit dem Zweiten Weltkrieg mehr vertraut als mit Vietnam oder dem Golfkonflikt. Als man Elvis die Koteletten abrasierte und die Ära der swingenden Musik mit Ende der 50er Jahre zusammenbrach, fiel bei mir der Vorhang. Wie schon bemerkt, machte ich die gesellschaftlichen Entwicklungen der nachfolgenden revolutionären Sixties nicht mehr mit und blieb daher mental davon unberührt. Für mich war es also ein Leichtes, die Welt des Blues mit den richtigen Augen zu sehen.

Die aufkommende Rockkultur (nicht Rock´n´Roll! Anm. d. Verf.) wurde wohl durch Vertreter der heute 55- bis 65jährigen gegründet und war von einer Absage an die bisherige, evolutionäre Musikgeschichte getragen. Kann man zum Beispiel manche Hits von Elvis, Carl Perkins, Chuck Berry oder Fats Domino bis zu den Tagen von Blind Lemon Jefferson und Konsorten zurückverfolgen, ist das bei nach dem Anbruch der Poprevolution komponierten Songs nicht mehr so einfach auszumachen. Für mich passierte daher mit dem Erscheinen der Britpop-Welle Anfang der 60er Jahre ein kultureller Bruch, der die Weichen der zeitgenössischen Musikkultur für immer gestellt hat. Da können auch die diversen Nostalgiewellen nichts ändern - deren Ergebnis ist höchstens eine Art verkrampfter Retropop.

Nun stellt sich wieder die alte Frage, was das wohl mit Robert Johnson zu tun hat.

Und wieder sage ich: eine ganze Menge. Diejenigen, denen der Sprung zur internationalen Karriere aufgrund ihrer angloamerikanischen Herkunft gelungen ist, haben seine Musik total mißverstanden und mit dem Lebensgefühl der Sechziger zu interpretieren versucht. Das wirkt aus meiner Sicht wie ein Film über die drei Musketiere, denen man Laserpistolen anstatt scharfgeschliffene Degen in die Hand drückt - mit dem Argument, daß das besser ankäme. Für die meisten Menschen ist Musik sowieso nur eine mehr oder weniger angenehme Kombination von Tönen, die eben gefallen oder nicht. Was sich der Künstler zu seinen Lebzeiten gedacht hat, interessiert in den meisten Fällen nicht.

Und so kam es, daß die glühende Begeisterung für Robert Johnson in dröhnende Rockklassiker ausartete. Ich bin kein Ayatollah, der den Musikern verbietet, frei zu interpretieren, sondern nur dagegen, daß die Medien der großen Öffentlichkeit eine Ente als Schwan verkaufen wollen, und daß auf diese Weise die falschen Propheten die große Kohle machen und noch ihren Namen daruntersetzen. Doch mit der heutigen Medienpolitik werde ich mich ein andermal befassen.

 

 

Zu Weihnachten 1938 veranstaltete der Jazzguru John Hammond sen. ein denkwürdiges Konzert in der New Yorker Carnegie Hall. Der Sponsor war eine linkslastige Zeitung namens "New Masses", die sich auch der unterdrückten Schwarzen annahm. Das Kulturbürgertum von Manhattan ging also "Neger schauen".

Neben weißen Swingern wie Benny Goodman traten bei dem Konzert viele schwarze Künstler auf, die man meines Erachtens nach ihrer Präsentierbarkeit ausgesucht hatte. Man unterteilte fein säuberlich nach Sparten und setzte den Namen Robert Johnson unter Blues aufs Programm. Verzweifelt irrten die Späher durch die weißen Flecken auf der Landkarte im tiefsten Mississippi-Delta, um den armen Robert noch vor dem Zugriff des Teufels zu erwischen - und mußten erkennen, daß ihn der bereits kassiert hatte.

Son House, Willie Brown und Muddy Waters, der damals noch McKinley Morganfield hieß, hätten ohne Scham gleichwertigen Ersatz geboten, aber man holte sich gerade Big Bill Broonzy, den urbanisierten Bluebird-Helden, der für die Weißen den schreienden Country-Jogl spielen mußte. In memoriam Robert Johnson spielte man einige seiner Platten, und somit stand der Karriere Big Bills als Folkblues-Ikone neben Leadbelly nichts mehr im Wege. Dennoch schoß das Boogie-Woogie-Dreigestirn Ammons-Lewis-(Pete)Johnson den Vogel ab. Wie heutzutage machten die tiefen Bluestypen auch damals nicht das große Geschäft, weil sie für ein zahlungskräftiges Publikum einfach unverdaulich waren. Man stelle sich einen Robert Johnson vor, der nach seinem Auftritt stockbesoffen die Frau Senator im Pailettenkleid über den Tisch biegen will, oder Big Joe Williams und Rice Miller (Sonnyboy Nr. 2), die das Taschenfeitl schneller zur Hand hatten als die Whiskeyflasche.

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde es still um den Blues. Kein Hahn krähte nach der alten Baumwollpflückermusik. Die Giganten des Country-Blues und die klassischen Sängerinnen machten keinen Nickel mehr. Sie waren entweder tot oder lebten noch ein paar Jahre in bitterster Armut. Die Überlebenskünstler wie Roosevelt Sykes und die Bluebird-Partie Washboard Sam, Big Bill und ihr Dunstkreis paßten sich der Swingmode an und jumpten sich den Hintern weg, um noch auf den Rhythm & Blues-Expreß aufzuspringen. Als Muddy Waters 1943 den Magnolien den Rücken kehrte, sagte seine Schwester zu ihm: "Muddy, die Nigger im Norden wollen deinen Baumwollgesang nicht mehr hören, in Chicago gehen die Uhren anders."

Nach ein paar historischen Aufnahmen im Jahre 1947 war es dann vorbei. So könnte Robert mit E-Gitarre geklungen haben. Die Schwarzen hatten zumindest auf Tonträgern und in Chicagos Unterweltkneipen ihre Tradition endlich auf die Müllhalde der Musikgeschichte geworfen. Das traurige Ende schwarzer Kultur manifestiert sich in der Gestalt Michael Jacksons, dessen Haut bereits weißer ist als meine Jazzkellerfarbe.

 

Wären da nicht diese irren Weißen gewesen, die wie Goldgräber nach Schellacks suchten und noch das letzte bluesige Röcheln eines Son House auf CD gebannt hätten, dann hätten sich um den Blues oder einen Robert Johnson im wahrsten Sinne des Wortes "kein Neger mehr ge..."

Zufällig entdeckten aber einige schlaue Füchse, daß man mit den Boys aus der Mottenkiste des Blues Kohle machen konnte. Ein bißchen schwüle Südstaatenmystik und dunkles Unerforschtes - und schon rollt der Rubel. Die Echten aber haben, wie seit jeher die Ehrlichen, das kleinste Stück vom großen Blueskuchen auf den Teller bekommen.

 

Ich hoffe, daß euch meine Ausführungen nach wie interessieren und fahre bald mit neuen Betrachtungen fort.

 

Euer Al Cook

 

 

P.S.: Sollte jemand mit dem Begriff "Bluebird" nichts anfangen können, so sei erläutert, daß damit das Race-Label von RCA Victor gemeint ist, das schwarze Unterhaltungsmusik für Schwarze produzierte. Die Hausband bestand aus Big Bill Broonzy oder Tampa Red auf der Gitarre, Washboard Sam bestritt den perkussiven Teil, und Black Bob, Joshua Altheimer oder Big Maceo spielten Klavier. Manchmal waren auch William "Jazz" Gillum an der Mundharmonika und Ransom Knowling am Baß dabei. Man spielte leichte Kost zum Tanzen, die man fast als Vorläuferphase zum Postwar-Blues betrachten kann. Fast alle machten zudem Platten in eigener Sache und waren auch gute Sänger. Mit der Öffnung der Rassebarrieren nach der ersten Rock´n´Roll-Revolution verschwanden die reinen Race-Labels. Heute ist es ganz normal, daß sich Schwarze auch auf dem weißen Markt gut verkaufen.

Al Cook

Al Cook im EVOLVER


Unverfälscht, traditionsbewußt und weitab vom Kommerz-, Radio- und Social-Media-Mainstream: So wie Al Cook Musik macht, schreibt er auch - und zwar exklusiv im EVOLVER. Lesen Sie hier seine sehr persönliche Einführung in die Welt des authentischen Blues-Genres und seiner Position im populärkulturellen Musikgeschehen.

Links:

Al Cook - 74. Geburtstag

Great Birthday Jamboree


Auch heuer feiert Al Cook seinen Geburtstag wieder, indem er in einem Konzert (samt Original Al Cook Band) dem geneigten Publikum beweist, daß er sich nach wie vor unermüdlich für den Blues einsetzt.

 

Wann: Sa., 2. März 2019, 20 Uhr

Wo: Schutzhaus Zukunft auf der Schmelz, verlängerte Guntherstraße, 1150 Wien

Kartenvorverkauf: (01)982 01 27

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