Stories_Manfred Prescher/Interview

"Das Ding krieg´ ich wohl nie mehr los"

Das "Miststück der Woche" wird 300 Ausgaben jung. Grund genug, um den Erinnerungs-Blues anzustimmen und über Vergangenes und Zukünftiges zu sprechen: Manfred Prescher im EVOLVER-Interview.    27.10.2014

Am Anfang war es kaum mehr als eine Schnapsidee: Als anno 2005, genauer am 31. Oktober 2005, mit Madonnas "Hung Up" die erste "Miststück"-Kolumne online ging, war ein Ende eigentlich recht bald abzusehen. Mittlerweile hat sich die Welt entscheidend weitergedreht - und dabei freilich nicht allzu groß verändert. Und das "Miststück" gibt es immer noch. Jürgen Fichtinger und Ilka Schöning sprechen mit dem Mann, der sich seit ziemlich genau neun Jahren um die allgemeine Geschmacks- und Herzensbildung kümmert.

 

EVOLVER: Was war eigentlich zuerst da: die Kolumne oder die Schlafbrille?

Manfred Prescher: Ganz knapp die Kolumne! Während ich am Text zum ersten "Miststück" schrieb, stromerte ich durch die Nürnberger Innenstadt und stieß tatsächlich zufällig auf die Schlafbrille. Ich muß allerdings dazu sagen, daß ich mir das Ding irgendwann 2008 habe abschwatzen lassen - es ist dort, wo es sich nun aufhält, gut aufgehoben.

 

EVOLVER: Was veranlaßt einen Schriftsteller, Woche für Woche über Musikstücke zu schwadronieren - etwa die leidige Suche nach einem tieferen Sinn?

MP: Wenn sich die Kolumne nicht rasch zu einem ziemlich eigenständigen Ding entwickelt hätte, wäre es mir wohl bald langweilig geworden. Aber tatsächlich hat sie einen eigenen Flow, einen Stil, den ich als "Assoziationsketten-Schreiberei" bezeichne. Ich beginne die Arbeitswoche schon traditionell mit der Kolumne. Sie bringt mich auf einen kreativen Höhenflug; es ist also eine klassische Win-win-Situation zwischen dem Text und seinem Autor. Nebenbei hat sich das "Miststück" über die Jahre auch weiterentwickelt ...

 

EVOLVER: Nach welchen Kriterien hast du die Musikstücke ausgewählt - oder haben die Tracks dich "gefunden"?

MP: Beides ist schon passiert. Allerdings war ich immer schon mittendrin im Musikgeschehen - ich greife Trends möglichst dann auf, bevor sie tatsächlich vom Hipstertum zum Allgemeingut mutieren. Außerdem sind da natürlich Auswüchse von schier luzider Blödheit, die einfach besprochen und zerlegt werden müssen. Ja - und klar, ich schreibe auch oft über Lieder und Künstler, die ich schätze. Etwas missionarischer Eifer darf auch sein, finde ich.

 

EVOLVER: Die "Miststücke" sind teilweise exhibitionistisch offen - häufig wissen wir nach dem Lesen mehr über den Autor als über das Stück. Eine Form der Selbsttherapie?

MP: Zunächst geschah das nicht bewußt, aber es deutete sich schon nach den ersten Kolumnen an, daß sich das Format langsam ändern wird müssen. Schließlich habe ich zum Beispiel lange genug auf die Musikindustrie eingedroschen. Der persönliche Bezug hat das "Miststück" immer schon geprägt, aber die Texte haben sich eindeutig in Richtung eines scheinbaren Exhibitionismus verändert. Für mich gilt das Wort von Siegfried Lenz selig - der sagte mal in einem Interview, daß jeder Autor immer auch über sich schreibt. Das tue ich mit einem gewissen Anspruch. Ich will alles so kodieren, daß es auch vergnüglich bleibt, wenn man das Drumherum nicht kennt. Das Changieren zwischen dem Lied und den unterschiedlichen, mehr oder minder persönlichen Bezugsrahmen macht auch beim Schreiben den Reiz aus.

 

EVOLVER: Welches ist dein Lieblings-"Miststück"?

MP: Bei 300 Stück ist das sehr schwer zu sagen - aber ein paar aus jeder 100er-Staffel bleiben mir schon in guter Erinnerung: vom Anfang zum Beispiel Xavier Naidoo oder "Das kleinste Miststück der Welt", von der aktuellen Staffel gefallen mir Friedrich Liechtenstein, die Smiths oder auch Black Sabbath gut. Aber zugegeben: Etliche habe ich - wie den dazugehörigen Song - schon längst vergessen.

 

EVOLVER: Und bei welchem war die Resonanz besonders groß?

MP: Von der Leserresonanz waren das wohl die Kolumnen über die Scissor Sisters und "I Don´t Feel Like Dancing" sowie Mikas "Grace Kelly". Interessant ist aber auch, daß es zu einzelnen Texten noch Jahre später Kommentare gibt - etwa zum Comeback von Jerry Lee Lewis. Da waren die Fans nachhaltig sauer, obwohl ich mich selber als einer von ihnen geoutet hatte.

 

EVOLVER: Du bist seit vielen Jahren Musikjournalist. Was waren für dich die spannendsten Entwicklungen und Begegnungen in dieser Zeit?

MP: Im großen und ganzen sind es drei Dinge: erstens die seit den 70er Jahren und bis heute immer weiter voranschreitende Differenzierung der Musik in Subszenen und Subsubszenen, dann die Aufweichung der festgefahrenen Musikindustrie, erst durch die Indie-Labels speziell der 80er Jahre und heute durch immer neue technische Optionen der Verwertbarkeit, die einfach verschlafen werden. Und schließlich ist aktuell so gut erkennbar wie selten zuvor, daß sich junge Künstler und Künstlerinnen bewußt mit den Sounds von früher auseinandersetzen. Die stehen dann auf dem Schuttabladeplatz der Zeit und schaffen Neues. Das ist jetzt viel einfacher, weil das Wissen der Popwelt praktisch in ein Smartphone passen würde ...

 

EVOLVER: Und welches waren deine größten musikalischen Überraschungen und Enttäuschungen?

MP: Die beiden Halbfragen kann ich so nicht wirklich beantworten. Überraschungen gibt es immer wieder. Deshalb sage ich jedem, der meint, irgendwann früher sei alles besser gewesen, daß das reine Verklärung sei. Man muß aktuell nur die famosen Alben von My Brightest Diamond oder Yelawolf hören - oder sich vom erstaunlich fitten Altmeister Tom Petty überraschen lassen. Mit den Enttäuschungen verhält es sich ähnlich. Das letzte Mal richtig enttäuscht war ich vom Prince-Album "Graffiti Bridge". Prinzipiell ist der Anteil an Müll jetzt aber auch nicht größer als 1966, 1983 oder 1990.

 

EVOLVER: Unkenrufe behaupten ja, daß sich seit Mitte der Neunziger nichts wirklich Spannendes mehr innerhalb der populären Musikgenres getan hat ...

MP: Das ist natürlich völliger Humbug und wird meistens von pseudo-abgeklärten Zeitgenossen als Totschlagargument eingesetzt. Erstens bleibt ein guter Popsong immer ein guter Popsong, und zweitens hat es gerade in den letzten paar Jahren sehr viele innovative CDs gehagelt. Ich erinnere an J. D. McPherson, an die Felice Brothers, an Damon Albarn oder Matthew E. White. Oder auch an Nick Caves "Push The Sky Away", das wohl eines seiner allerbesten Werke überhaupt ist.

 

EVOLVER: Welche Musikerleben würdest du gerne in Form eines Biopics umgesetzt sehen – und mit wem in der Hauptrolle?

MP: Gut fände ich, wenn Hank Williams von seinem Enkel Hank III gespielt werden würde. Denzel Washington könnte Louis Jordan geben. Lauryn Hill als Billie Holiday ... Ach, es gäbe noch viele interessante Biographien, die aber wohl keiner sehen wollen würde. Und eh ich es vergesse: Morrissey sollte schleunigst sich selber spielen, das wäre richtig klasse.

 

EVOLVER: Im Kino werden ja derzeit mit den "Expendables" 80er-Jahre-Helden gemeinsam auf die Leinwand gestellt und erleben einen zweiten Frühling. Wie würde deiner Meinung nach ein musikalisches Gegenstück dazu aussehen?

MP: OK, ich versuche es mal: Dabei wären Kevin Rowland von den Dexys Midnight Runners, Mr. Smith von The Cure, Morrissey und Johnny Marr, Terry Hall von den Specials, Blixa Bargeld, Phil Oakey von Human League, Martyn Ware von Human League bzw. Heaven 17, Depeche-Mode-Erfinder Vince Clarke, Trevor Horn, Paul Weller und Boy George.

 

EVOLVER: Wieviele Schallplatten stehen in Manfred Preschers Wohnung?

MP: Das ist schwer zu sagen. Ich schätze mal so 3000 LPs, ungefähr genauso viele CDs und so 500 Singles.

 

EVOLVER: Was sind die zehn Alben, die jeder zu Hause stehen haben sollte?

MP: Das ist aber schwierig. Na gut, mal schauen:

 

1. Prince "Sign 'O' The Times"

2. Public Enemy: "It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back"

3. De La Soul: "3 Feet High And Rising"

4. Johnny Cash: "At Folsom Prison" (Complete)

5. Marvin Gaye: "What´s Going On"

6. Nick Cave & The Bad Seeds: "Push The Sky Away"

7. Oasis: "Definitely Maybe"

8. John Holt: "2000 Volts Of Holt"

9. Frank Sinatra: "In The Wee Small Hours Of The Morning"

10. Al Green: "Let’s Stay Together"

 

Aber irgendwie ungerecht ist so eine Auswahl schon ...

 

EVOLVER: Ist durch das Internet das Abenteuer-Feeling beim Musikentdecken verlorengegangen? Früher mußte man ja Schallplatten nachjagen, ganze Alben hören und sich damit auseinandersetzen, anstatt einfach einzelne Tracks downzuloaden.

MP: Für mich nicht, es ist immer eine Frage der Neugierde. Es hat keinen Sinn, das Internet zu verdammen, denn theoretisch bietet es noch viel mehr Möglichkeiten, Musik zu entdecken. Die guten Plattenläden werden auch nicht aussterben, da bin ich sicher. Aber Musik im Supermarkt oder in der Drogerie zu kaufen - das wird wohl bald der Vergangenheit angehören.

 

EVOLVER: Was war das bisher letzte Buch zum Thema Musik, das du dir gekauft hast?

MP: Das letzte Musikbuch war die Morrissey-Biographie, allerdings hab´ ich die meiner Freundin geschenkt. Ich selbst habe mir aus den USA "Hound Dog", das Meisterwerk über Jerry Leiber und Mike Stoller, besorgt.

 

EVOLVER: Stichwort Buch: Demnächst steht die Veröffentlichung deines zweiten Werks über berühmte Liedzeilen an. Kannst du uns schon verraten, was uns da erwartet?

MP: Das Buch wird "Nur noch kurz die Welt retten" heißen und erscheint wie der erste Band "Alles klar auf der Andrea Doria" beim Primus-Verlag. Auch im neuen Buch haben Günther Fischer und ich wieder viele interessante Hintergrundgeschichten zu bekannten Songs aus allen Epochen zu erzählen. Die Bandbreite reicht diesmal von Cab Calloway und Billie Holiday über Whitney Houston, Metallica und Radiohead bis zu Lilly Wood & The Prick and Robin Schulz. Es ist eine wirklich runde Mischung - auch, weil ich in letzter Minute Harpo verhindern konnte (lacht).

 

EVOLVER: Auch die Kolumnen sind ja zum Teil in Buchform erschienen, und ein Ende ist nicht abzusehen. Hättest du Dir 2005 gedacht, daß das "Miststück" einmal so viele Ausgaben umfassen würde?

MP: Nein, das hat 2005 niemand gedacht. Jürgen, du meintest damals, daß ich das hier nur fünfmal machen werde - und ich wollte tatsächlich ganz ambitioniert gleich 100 Kolumnen schaffen.

 

EVOLVER: Wie lang soll das noch weitergehen? Jetzt werden ja gerade Leserwünsche erfüllt - und dann?

MP: Nach der 400. Kolumne wird definitiv Schluß sein. Das kann ich hier schon mal versichern. Bis dahin werde ich ausschließlich Leserwünsche erfüllen, weil ich das ungeheuer spannend und herausfordernd finde.

 

EVOLVER: Welcher Song soll auf deiner Beerdigung laufen?

MP: Ganz klar: "Goodbye Friends" von den Beasts Of Bourbon.

EVOLVER-Redaktion

Für eine Handvoll Töne

Blast from the Past: "Miststück der Woche"


Seit mehr als sechs Jahren sorgt Manfred Prescher dafür, daß sich das montägliche Aufstehen tatsächlich lohnt. Lesen Sie hier die bisherigen Jubiläums-"Miststücke".

Links:

Die Toten Hosen: "Tage wie diese"

Miststück der Woche III/100


Manfred Prescher erinnert sich: Er glaubt, daß er tatsächlich schon einmal hier in dieser Kolumne über die Toten Hosen geschrieben hat. Wann war das nur? Er kriegt das wirklich nicht mehr zusammen, denn wie sagte er erst vor kurzem unter südlichen Gestaden? Genau: "Miss Ilsa, ich bin da oben schon ein bißchen eingerostet!" Was freilich kein Wunder ist, da diese Kolumne hiermit ihren 300. Geburtstag feiert ... Kommt, laßt sie uns preisen!

Links:

Manfred Prescher: "Verdammtes Miststück!"

Buchtip


Fans und Kritiker dieser Kolumne wissen, daß es an dieser Stelle um viel mehr als "nur" Musik geht. Das Leben, das Universum und der ganze Rest finden hier statt. Und genau deshalb ist das "Miststücke"-Elektrobuch so wichtig - meinen die Chefetagen von EVOLVER und EVOLVER BOOKS. Manfred Prescher bedankt sich artig für sein "E-Book für die Ewigkeit". 

Links:

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